© Constantin Film
Dass man Geschichte als dehnbaren Stoff betrachten kann, den man nach Gutdünken formen und gestalten kann, hat unlängst Quentin Tarantino in "Inglourious Basterds" unter Beweis gestellt. Ohne sich um historische Korrektheit zu kümmern, ließ er seiner Fantasie freien Lauf, schrieb und deutete die Geschichte um und ließ seinen Widerstandskämpfern im Dritte Reich gelingen, was der Wirklichkeit verwehrt blieb: dem Führer Adolf Hitler samt seiner Schar von Anhängern und Begleitern den Garaus machen. Leander Haußmann hat eine historische Fußnote aufgearbeitet, die Geschichte des Moskauer "Hotel Lux"...
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Leander Haußmann
Es gibt eine lange Liste von Filmen, die Geschichtsverfälschung im Sinne der künstlerischen Freiheit als Ausdruck kritischer Haltung oder einfach - wie im Fall Tarantino - um des wilden Fabulierens willens in Kauf nahmen. Sie reicht von Satiren wie Charles Chaplins "Der große Diktator" über Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" bis hin zu Farcen wie Dani Levys "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler". Was diese und etliche weitere Beispiele zeigen, ist die Tatsache, dass die Umdichtung der tatsächlichen Geschichte nur in Form einer Komödie funktioniert. Die historische Relativität ist nur dann möglich, wenn man sie aus einer Distanz heraus mit einer komischen Brille betrachtet - sei es, dass diese zeitlich bedingt ist oder (wie in den Fällen Lubitsch und Chaplin) durch das mangelnde Wissen über die tatsächlichen Dimensionen der Ereignisse.
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Hotel Lux
Einen ähnlich wilden Mix aus Tatsache und freier Fantasie legt nun auch Leander Haußmann vor. Mit größtmöglicher Flexibilität nimmt er in "Hotel Lux" bekannte Versatzstücke der Geschichte und spinnt um sie einen wilden Faden aus Spekulation und Fantasie. Da hat in dem historisch verbürgten Gebäude der spätere DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht sein Quartier neben seinem späteren Hymnen-Dichter Johannes R. Becher. Da wird vor dem späteren bulgarischen Ministerpräsidenten und zeitweiligen Generalsekretär der Komintern Georgi Dimitrow salutiert. Da hat ein Geheimdienst-Chef seinen Sitz nicht nur im Hotel, er macht hier auch Jagd auf Trotzkisten und andere Konterrevolutionäre. Und selbst Josef Stalin kommt nicht zu kurz, der in seiner eigenen Villa vor dem Abhörapparat nicht sicher ist, reihenweise Dolmetscher erschießt und am Ende selber unter kuriosen Umständen im Lux landet.
Es ist nicht alles Erfindung, was Haußmann da präsentiert. Alle aufgeführten Personen fanden sich tatsächlich irgendwann auf ihrer Flucht vor den Nazis im Hotel wieder. Haußmanns Fantasie basiert durchaus auf Tatsachen. Doch die Verschiebung der historischen Konstanten und die personellen Konstellationen, die er sich hat einfallen lassen, sind doch kurios und in ihrem Einfallsreichtum überbordend.
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