© Sony Pictures Entertainment
Killende Komiker, fanatische Fixer
Wenn Superhelden fallen...
'Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.' Diese wichtige Lektion muss Peter Parker in den
Spider-Man-Comics auf schmerzvolle Weise am eigenen Leib erfahren, bevor der jugendliche Außenseiter zum schuldbeladenen Superhelden wird. Das Verhältnis zwischen Macht und Verantwortung ist in Superhelden-Stoffen immer wieder ein bestimmendes Thema. Der phantastische Kontext bietet Zeichnern, Autoren und Regisseuren die ideale Projektionsfläche, um die Grenzen der Moral auszuloten. Wer die Werke bloß auf das eskapistische Moment reduziert, verkennt die ethische und politische Dimension vieler Superhelden-Geschichten.
© 20th Century Fox
Alex Russell in "Chronicle - Wozu bist du fähig?"
Von Spinnen und Menschen
Jüngstes Leinwand-Beispiel ist
Josh Tranks Spielfilmdebüt "
Chronicle - Wozu bist du fähig?". Zentrales Thema ist auch hier die Frage nach den Konsequenzen, die grenzenlose Macht nach sich ziehen kann. So kommen die drei jugendlichen Protagonisten Andrew (
Dane DeHaan), Matt (
Alex Russell) und Steve (
Michael B. Jordan) durch die Berührung mit einer mysteriösen Energiequelle zu ihren übernatürlichen Fähigkeiten. Schon bald können sie fliegen und verfügen über telekinetische Kräfte. Ein Riesenspaß - vor allem um Mitmenschen zu ärgern und Chaos zu verbreiten.
Aus den anfänglichen Spielereien wird bitterer Ernst, als Andrew, dessen Mutter im Sterben liegt und der vom Vater regelmäßig geschlagen wird, seiner angestauten Aggression auf zerstörerische Weise Luft macht. Bezeichnend ist die Szene, in welcher der verbitterte Teenager eine hilflose Spinne in der Luft schweben lässt, sie emotionslos betrachtet und sie schließlich regungslos in ihre Einzelteile zerbersten lässt. Spätestens in dem Moment wird klar: Andrews Reise endet keinesfalls damit, dass er Spider-Mans Lektion lernt und zum demütigen Superhelden wird.
© Paramount Pictures
Jeffrey Dean Morgan als Comedian
Wer beobachtet die Beobachter?
Regisseur Josh Trank ist bei weitem nicht der erste Künstler, der den Missbrauch von Superkräften zum Thema macht und damit den Mythos des aufrechten Superhelden demontiert. So zählt beispielsweise die Geschichte der Mutantin Jean Grey, die als Dark Phoenix nahezu grenzenlose Kräfte entwickelt und den Tod von Milliarden Lebewesen auf ihr Gewissen lädt, zu den besten Geschichten der langen "
X-Men"-Historie. Während das Schicksal Jean Greys sowie das von Andrew in "
Chronicle - Wozu bist du fähig?" als persönliche Tragödien geschildert werden, thematisiert das Superhelden-Epos "
Watchmen - Die Wächter" den Missbrauch von Macht aus einem politischen Blickwinkel.
Die Graphic Novel von
Alan Moore aus dem Jahre 1986 gilt zu Recht als eine der bedeutendsten Superhelden-Erzählungen der Comic-Geschichte. In seinem vielschichtigen Werk entwirft der gefeierte Autor eine phantastische Welt, in der Superhelden von der US-Regierung in den 1960ern dazu benutzt werden, den Vietnam-Krieg zu gewinnen. Moore lässt kein gutes Haar am imperialistischen Gebaren der Regierung. Passenderweise spiegelt sich in den vermeintlichen Helden aus "Watchmen" der moralische Bankrott der kriegstreibenden Politiker. Die Supermänner Moores sind brutale, zum Teil menschenverachtende Vergewaltiger und Mörder. Allen voran der Comedian, eine Art zynischer Gegenentwurf zum idealistischen
Captain America der
Marvel-Comics, der im einen Augenblick im Namen der Demokratie kämpft, während er im nächsten seine schwangere Geliebte in einem Anfall blinder Wut tötet.