
Paul Verhoeven mit neuer Kraft
Liebe in Zeiten des Krieges
Mit seiner deutsch-niederländischen Koproduktion "
Zwartboek" gelingt Regisseur
Paul Verhoeven das schier Unmögliche: Auf Basis wahrer Geschehnisse erzählt er mit einer gewagten Mixtur aus Kriegsdrama, Thriller und Erotik von der Liebesbeziehung eines SS-Offiziers zu einer Jüdin - und überzeugt auf voller Linie.
© Jean-François Martin/Ricore Text
Paul Verhoeven bei der Vorstellung von "Zwartboek" inVenedig (2006)
Holland gegen Kriegsende: Als der geheime Unterschlupf der jüdischen Sängerin Rachel Steinn (
Carice van Houten) nach einem Bombenanschlag in Flammen aufgeht, versucht sie mit einem Flüchtlingsboot in den befreiten Süden der Niederlande zu entkommen. Doch die Gewehrsalven patrouillierender Nazis zerstören den Traum. Wie durch ein Wunder kann sie sich als einzige Überlebende retten und muss aus dem Dickicht zusehen, wie die leiblichen Überreste ihrer Mitreisenden beraubt und an einem dreckigen Flussufer verscharrt werden.
Bei einer Truppe Widerstandskämpfer findet die mittellose Künstlerin Unterschlupft und wird schließlich Teil ihrer Bewegung. Als der Sohn des Anführers von den Nazis in Gewahrsam genommen wird, schleust sie sich unter dem Pseudonym Ellis von Vries in den Bekanntenkreis des ranghohen Sicherheitsdienst-Offiziers Müntze (
Sebastian Koch). Doch als der sich als attraktive und humane Persönlichkeit erweist, entgleist ihr Täuschungsmanöver zu einer Liebesaffäre, der sie sich trotz innerer Ablehnung nicht entziehen kann. Hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen entspinnt sich ein gewagtes Spiel, das schließlich sogar in ihren eigenen Reihen für große Verwirrung sorgt.
© Jean-François Martin/Ricore Text
Carice van Houten auf der Zwartboek-Premiere (Venedig 2006)
Mehr als zwei Jahrzehnte hat es gebraucht bis "
Zwartboek" des niederländischen Regisseurs
Paul Verhoeven ("
Basic Instinct") seinen Weg auf die Leinwand fand. Basierend auf der realen Person eines in Den Haag stationierten Nazi-Offiziers, konstruierte er eine Mixtur aus fiktiven Thriller-, Romantik- und sogar Komödienelementen, die dem verstaubten Kriegsgenre vor allem wegen ihrer zahlreichen Wendungen etwas Neues abzugewinnen weiß.
Mit
Sebastian Koch und
Carice van Houten großartig besetzt, bricht er mit den Erwartungen und inszeniert einen ranghohen Nazi mit fast schon liebevoller Perspektive als Gutmensch im Kampf um den Wahnsinn. Gerade diese Zwiespältigkeit der menschlichen Psyche ist es, die sein Werk trotz einiger überzogener Erzählmomente so gelungen macht und Bilder erzeugt, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Ein Werk, das packt, schüttelt, verstehen lässt - und gerade wegen dieser eigenwilligen Mischung zu heftigen Kontroversen führen wird.