© 20th Century Fox
Einem Schauspieler eine animalische Präsenz zu attestieren, kann problematisch sein. Nicht so sehr, weil dieser sich beleidigt fühlen könnte, sondern weil die Formulierung die übliche Diskriminierungs-Rhetorik auslösen dürfte. Denn der Schauspieler, um den es hier geht, ist schwarz. Forest Whitaker spielt einen der schlimmsten Diktatoren der jüngeren afrikanischen Geschichte: Idi Amin Dada hat geschätzte 300.000 Menschen auf dem Gewissen. Unschwer, sich vorzustellen, dass dessen Porträtierung als Monster Diskussionen um die Schuld des Westens an den vielen afrikanischen Tragödien auslösen wird.
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Forest Whitaker und James Mc Avoy in "Der letzte König von Schottland"
Doch so einfach ist die Sache unter filmischen Gesichtspunkten eben nicht. Whitaker entwirft mit einer geradezu beängstigenden physischen Präsenz ganz und gar nicht eindimensionalen Charakter. Er zeigt Amin als Menschen mit unwiderstehlichem Charme und einer nicht unsympathischen Volksnähe. Das macht die Gestalt angesichts ihrer Verbrechen allerdings umso bedrohlicher.
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des jungen schottischen Arztes Nicholas Garrigan (James McAvoy) der zunächst in einem ugandischen Missions-Krankenhaus arbeitet bis er eher zufällig auf den Diktator trifft. Bei einem Autounfall kümmert er sich um eine leichte Blessur Amins. Die Tatsache, dass der Arzt Schotte ist, macht Amin auf ihn aufmerksam, denn er ist ein großer Bewunderer der schottischen Kultur. Nach einer Einladung in sein Anwesen sträubt sich Garrigan zunächst, ist dann aber zu sehr von der charismatischen Persönlichkeit Amins - und dem Luxus, in dem dieser lebt - beeindruckt. Er wird sein Leibarzt und später auch sein engster Berater. Erst als ihm bewusst wird, wie sehr er bereits in die Verbrechen Amins verstrickt ist, versucht er, das Land zu verlassen. Der Diktator lehnt dies ab und verhindert seine Ausreise. Als Garrigan auch noch eine Affäre mit Amins dritter Frau beginnt und diese schwängert, ist er entgültig auf dem absteigenden Ast.
Obwohl Whitaker zunächst den Arzt in die fiktive Geschichte einführt und erst später den Diktator, lässt er keine Zweifel aufkommen, wer in seinem Thriller die Hauptrolle spielt. Mc Avoy spielt nicht schlecht, nachvollziehbar verkörpert er den anfangs naiven wenn auch nicht dummen Europäer, der sich den Afrikanern überlegen glaubt und dennoch in einer Mischung aus Faszination und Abscheu verharrt. Die Leistung Whitakers gibt dem Begriff "Wandlungsfähigkeit" allerdings eine neue Bedeutung. Die Grausamkeit, der Wahnsinn und vor allem die Unberechenbarkeit wird fast ausschließlich in der Mimik und Gestik des Schauspielers sichtbar, nur ganz am Rande werden dessen Verbrechen zurückhaltend bebildert.
Zwar keimt bei den meisten Schauspielern irgendwann der Wunsch auf, sich mit einer neuen Rolle von bisherigen Rollen-Klischee zu emanzipieren und manchmal gelingt dies auch. Selten aber in derart beeindruckender Art und Weise wie hier Whitaker: Sensibel, schüchtern, verhalten, seine bisherigen Parts waren alles - nur das nicht, was er in "Der letzte König von Schottland" darstellt: Ein Charakter, der vor Energie, Brutalität, Wahnsinn und, ja, animalischer Ausstrahlung fast zerbirst. Der es in anderen Momenten aber auch versteht, seine Umgebung mit seinem Charme zu bezaubern. Eine Darstellung von derart physischer Präsenz gepaart mit sensiblem, Nuancen reichen Spiel war auf der Leinwand lange nicht zu sehen.
Andreas Pflieger/Filmreporter.de - 17. März 2007
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