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RETRO Feature

Heinrich George in Der Postmeister
Mime in tiefen Tälern

Die Irrwege des Heinrich George

Ohne die Schule mit dem Abitur abzuschließen, geht Heinrich George seinen eigenen, äußerst eigenwilligen und umstrittenen Weg. Schauspieler will er werden und so nimmt er in Stettin Schauspielunterricht. Der Erfolg gibt ihm Recht. Die Karriere des aufstrebenden Mimen führt ihn auf die Bühne, zum Stummfilm und dem Tonfilm der 1930er Jahre. Schließlich erliegt George - zunächst ein Sympathisant der kommunistischen Idee - den Verlockungen der Propagandamaschinerie Joseph Goebbels und wird von diesem zum Staatskünstler ernannt.


Heinrich George in Der Postmeister

Heinrich George in Der Postmeister

Schneller Aufstieg

Der Aufstieg Georges als Bühnendarsteller ist kometenhaft. Bereits 1920, mit gerademal 27 Jahren, ist der Stettiner festes Mitglied im Ensemble der Salzburger Festspiele und tritt unter Max Reinhardt in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" auf. 1923 gründet er mit den Kollegen Elisabeth Bergner und Alexander Granach ein eigenes Schauspiel-Ensemble, um sich eine künstlerische Unabhängigkeit zu bewahren.

Bis zu seinem Einstieg ins Filmgeschäft spielt George alles, was in der Theaterwelt Ruf und Anspruch besitzt und arbeitet mit renommierten Regisseuren wie Max Reinhardt, Jürgen Fehling und Bertolt Brecht zusammen. Sein Rollenspektrum ist enorm breit. Mal gibt er Johann Wolfgang von Goethes "Götz von Berlichingen", dann Gerhart Hauptmanns Fuhrmann Henschel. Das zeitgenössische Theater ist eine Konstante in seiner Rollenauswahl. So spielt er in Brechts "Mann ist Mann", die Titelfigur in Ernst Barlachs "Der blaue Boll" und den versehrten Helden (Thomas Koebner) in Ernst Tollers "Hinkemann".


Heinrich George in Der Postmeister

Heinrich George in Der Postmeister

Harte Schale, weicher Kern

George hat eine beeindruckende Statur und weiß seine körperliche Gegebenheit von Anfang an dramaturgisch einzusetzen. Denn sein großer Körper ist nicht ohne Brechungen, ist nicht nur groß und plump, sondern auch von einer eigentümlichen Schwäche gekennzeichnet, eine Art "Verschränkung von zugleich starker und weicher Männerkraft", wie Filmwissenschaftler Thomas Koebner mit Verweis auf einen zeitgenössischen Kritiker bemerkt (vgl. Thomas Koebner. Der Betrogene. Zum 100. Geburtstag von Heinrich George. In Film-Dienst, Heft 21, 1993). George setzt dem plumpen und kraftvollen Äußeren oft ein höchst sensibles und gebrechliches Inneres entgegen.

Aus dem Kontrast zwischen den starken Äußeren und dem brüchigen Inneren zieht Koebner nicht nur ein durchgehendes gestalterisches Prinzip, sondern auch eine Art Weltanschauung des Schauspielers. "War es das humane Grundmuster seiner künstlerischen Arbeit", diesen Typus des nicht mehr jungen, doch im Kern naiven, des gütigen und starken, des vielleicht behäbigen Menschen zu spielen, des äußerlich kraftvollen und in der Seele so verletzlichen "Mannes aus dem Volke"? Vermutlich sei es so, so Koebner.


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Heinrich George

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