© Der Spiegel
Curt Oertel präsentiert "Der gehorsame Rebell"
Luther einmal anders
Schon mit seinem Dokumentarfilm "
Michelangelo - Das Leben eines Titanen" erregte
Curt Oertel Aufmerksamkeit. Der Regisseur lässt seine Bilder wirken, begleitende Kommentare oder handelnde Figuren gibt es kaum. Nun hat er dieses Konzept für einen weiteren Dokumentarfilm perfektioniert. "
Der gehorsame Rebell" handelt vom Leben
Martin Luthers und ist durch die besondere Darstellungsweise für die Zuschauer ein ungewöhnliches Filmerlebnis.
Der Spiegel hat dem Werk und seiner Entstehung in der Ausgabe vom 6. August 1952 einen Bericht gewidmet.
© Der Spiegel
Cover des Spiegels vom 6. August 1952
Großes Entgegenkommen von russischer Seite
Um den Dokumentarfilm so authentisch wie möglich zu gestalten, war der Dreh an Originalschauplätzen unerlässlich. Entgegen aller Befürchtungen unterstützten die Russen die Dreharbeiten und boten jede erdenkliche Hilfe an. Der Eiserne Vorhang erwies sich in diesem Fall als sehr durchlässig, das Team konnte sich an den historischen Luther-Stätten voll entfalten. Regisseur
Curt Oertel sagt dazu: "Ganz begreife ich das immer noch nicht, aber es ist Tatsache: wir durften überall drehen, wo wir es wünschten."
Oertels Filmbiographie dürfte nicht jedermanns Geschmack treffen. Wie in "
Michelangelo" gibt es keine handelnden Personen, der Reformator selbst figuriert nur einige Male akustisch: mit "neutralen", rein "geistigen" Stimmtönen. So gleicht der Abendfüller eher einem gewaltigen Museum der Luther-Zeit als einem Spielfilm. Vom lutherischen Geist der Epoche können die Antiquitäten, Stiche, Folianten und Akten nur wenig vermitteln. Wie soll der Zuschauer die Notwendigkeit der aufrührerischen Thesen an der Wittenberger Schloßkirche nachvollziehen können, wenn man ihm nur eindruckslose Bilder von mittelalterlichem Geld zeigt, mit dem die Christen ihren Ablaß bezahlten? Der Regisseur ist von der Qualität seines Werkes überzeugt und nennt es gar "einen Beitrag zum Fortschritt der Filmkunst".
Vergangenheit als "Blut und Boden"-Regisseur
"
Der gehorsame Rebell" war einer der letzten Filme von
Curt Oertel. Bis zu seinem Tod im Jahre 1960 war er nur noch zwei Mal als Regisseur tätig. Seine Karriere startete 1925, als er nach Berlin zog, um dort als Kameramann zu arbeiten. Nur zwei Jahre später wechselte er ins Regiefach.
Während des Nationalsozialismus produzierte er mehrere kurze Dokumentarfilme, in denen das Vaterland verherrlicht dargestellt und der Krieg heroisiert wurde. In dieser Zeit entstand auch sein Dokumentarfilm "
Michelangelo". Als der Krieg beendet war, verlegte sich Oertel auf die Produktion, er gründete dafür die Curt Oertel Film-Studiengesellschaft mbH.