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Interview

Ralf Huettner
"So sind wir eben"

Ralf Huettner und die Seele

Ralf Huettner gehört zu den vielseitigen Regisseuren hierzulande. In den 1990er Jahren inszeniert er die Filme zweier deutscher Komiker: "Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem" mit Helge Schneider und "Voll Normaaal!" mit Tom Gerhardt. Zusammen mit seinem Freund Dominic Raacke ("Tatort") schafft er drei Teile der charmanten Polizeikomödie "Die Musterknaben". Wir trafen den Münchner nach den Dreharbeiten von "vincent will meer", einem bittersüßen Roadmovie über die Freundschaft dreier Ausreißer, die mit ihren psychischen Makeln zu kämpfen haben. Wir fragten nach, was Huettner über das Tourette-Syndrom denkt, wie er das Publikum einbezieht und was ihn morgens zum aufstehen motiviert.


vincent will meer

vincent will meer

Ricore: Wie sind Sie auf das Drehbuchdebüt von Florian David Fitz gekommen und was war Ihr erster Gedanke?

Ralf Huettner: Ich wurde angerufen, ganz banal. Als ich es gelesen habe, war ich total gerührt und dachte, ich möchte den Film unbedingt machen. Mir hat von Anfang an die Entwicklung, die Veränderung, fasziniert, die diese Figuren durchmachen. Es sind zwar nur kleine, aber das macht den Film aus.

Ricore: "vincent will meer" ist ja ein Roadmovie.

Huettner: Die Veränderungen gehören zum Genre dazu. Eine andere Umgebung verändert auch die Leute. Aber es ist ja eigentlich nur ein Fünf-Personen-Stück, wenn man genau hinsieht. Das Tolle an dem Film ist, dass so verschiedene Leute zusammengemixt werden. Man kommt gar nicht auf die Idee, dass die drei abhauen wollen. Das wollen sie ja auch gar nicht so recht. Es passiert einfach irgendwie. Und dann haben sie untereinander noch so viel zu tun: der Vater mit dem Sohn, Dr. Rose mit Marie, Dr. Rose mit dem Vater. Da geschehen Dinge, die man nicht mehr auserzählen muss. Die große Aufgabe war es, nicht so sehr darauf einzugehen, nicht zu viel Gas zu geben. Nein, man muss nicht zeigen, wie die noch ins Bett gehen und ein Paar werden. Wie weit wir gehen und mit den Entwicklungen spielen hat große Diskussionen verursacht.

Ricore: Hat Ihnen dieses Drehbuch mehr Respekt eingeflößt, als andere Projekte?

Huettner: Auf der einen Seite war ich wie gesagt berührt. Auf der anderen war mir klar: Damit der Film berührt, muss Du sehr ehrlich und wahrhaftig mit diesen Krankheiten umgehen. Es gibt nichts Schlimmeres als Filme, die diese Krankheiten benützen, um sich lustig zu machen. Wenn man keine Balance findet, kann sich das Thema total gegen den Film, die Charaktere und den Regisseur wenden. Sonst wird es ausbeuterisch. Das zu vermeiden, war meine Herausforderung. Wir haben Szenen doppelt gedreht, weil wir nicht wussten, wie lange die obszönen Flüche von Vincent noch lustig sind. Ein-, zweimal ist es lustig, beim dritten Mal kann es schon ganz anders sein. Während dem Dreh verliert man leicht den Überblick.


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