"
City of God" ist ein Wendepunkt in
Fernando Meirelles ' Leben. Nach dem Erscheinen seines fesselnden Dramas über das Leben in den Favelas von Rio, wurde der Brasilianer zum weltweit gefeierten Regisseur. Auf dem
Filmfest München 2012 präsentierte Meirelles mit "
360" ein Episoden-Drama über die Macht des Zufalls und die Liebe in Zeiten der Globalisierung.
Filmreporter.de traf den sympathischen Künstler während des Festivals und sprach mit ihm über sein Werk und den Moment, der alles verändert hat.
Ricore: Was haben Sie beim ersten Lesen von Peter Morgans Drehbuch zu "360" gedacht?
Fernando Meirelles: Ich habe mich mit einigen Charakteren identifiziert, insbesondere mit deren Konflikten. Mir gefiel vor allem, dass es keinen Antagonisten gibt. Alle Figuren versuchen, ihr Bestes zu geben, wollen gute Ehegatten, Ehefrauen oder Väter sein. So geht es auch mir und den meisten von uns. Alle Charaktere werden jedoch durch Wünsche und Impulse in Versuchung gebracht, so dass sie vom Weg abkommen, den sie für sich selbst vorgesehen haben. Wie jeder andere, habe auch ich solche Konflikte mehrmals austragen müssen und habe dumme Dinge getan, die ich später bereut habe. Ich habe mich schon immer gefragt, was uns dazu bringt, diese Dinge zu tun, anstatt einfach das zu machen, was unser Verstand uns sagt. Selbst der Vergewaltiger im Film will sein Verhalten ändern. Menschen sind ziemlich primitiv, wir werden immer noch von Dingen beherrscht, die wir nicht kontrollieren können.
Ricore: Die episodenhafte Struktur von "360" wurde bereits bei diversen Filmen eingesetzt. Was unterscheidet Ihren Film von vergleichbaren Werken wie "Magnolia" oder "Short Cuts"?
Meirelles: Ja, diese Struktur ist bestens bekannt. Selbst in der Literatur des Mittelalters kommt sie bereits vor. Das Problem bei "360" ist, dass es zu viele Geschichten sind, so dass man wenig Zeit, um die Geschichten zu entwickeln. Bei "Magnolia" waren es, glaube ich, drei Geschichten. Dadurch hat man genug Zeit, um die Charaktere, deren Welt und Konflikte zu präsentieren und weiterzuentwickeln. Wir hatten allerdings nur sieben oder acht Minuten pro Geschichte. Das ist nichts. Ich wusste, dass der Film wie ein Kurzfilmfestival wirken könnte. Doch ich entschied mich, das Risiko einzugehen.
Ricore: Was haben Sie getan, um dem Eindruck eines Kurzfilmfestivals entgegenzuwirken?
Meirelles: Zwei Dinge. Zum einen habe ich versucht, Übergänge zu schaffen, die auf organische Weise von einer Geschichte zur anderen führen. Zum anderen habe ich bekannte Darsteller gewählt, deren Gesichter wiedererkannt werden. In ihren jeweiligen Ländern sind die Darsteller alle sehr bekannt. Wenn man im Film
Jude Law sieht, erkennt man ihn auf Anhieb und ist sofort an ihm interessiert. In gewisser Weise habe ich mir die Berühmtheit der Darsteller zu Nutze gemacht, damit das Publikum eine Beziehung zu den Figuren aufbauen kann. Ich bin nicht sicher, ob mir das gelungen ist…
Ricore: Normalerweise ist es einfacher, die Illusion der filmischen Realität aufrechtzuerhalten, wenn man die Darsteller nicht kennt.
Meirelles: Das sehe ich genauso und normalerweise mache ich das auch. Ich arbeite gerne mit unbekannten Darstellern. Doch da ich in diesem Fall keine Zeit hatte, dachte ich mir, dass bekannte Gesichter hilfreich sein würden.
Ricore: Inwiefern reflektiert der Film die heutige globalisierte Welt?
Meirelles: In dem Film geht es darum, wie alles in der Welt miteinander verbunden ist. Peter Morgan wollte diesen Aspekt thematisieren. Er reist viel, lebt in Wien, arbeitet in London, New York und Los Angeles und bewegt sich dauernd hin und her. Er dachte daran, etwas über die Wirtschaft zu schreiben, wie etwa die Wirtschaft in Deutschland jemanden in Südamerika beeinflusst. Doch dann entschied er sich, etwas über persönliche Beziehungen zu machen. Das ist eine riskante, aber sehr interessante Idee, weil es weniger offensichtlich ist.