© Studiocanal
'Ich bin ein Naturneurotiker'
Julian Pölslers Demut
Julian Pölsler ist Regisseur und Autor. Mit der gleichnamigen Adaption des 1963 erschienenen Romans "
Die Wand" von
Marlen Haushofer erreicht er den künstlerischen Höhepunkt seiner Karriere. Die Hauptrolle besetzte er mit "
Bella Martha"-Darstellerin
Martina Gedeck. Im Interview mit
Filmreporter.de berichtet der Österreicher nicht nur von seinen Beweggründen, das berühmte Buch zu adaptieren, sondern erzählt auch von seiner engen Verbundenheit mit der Natur. Diese halte uns einen Spiegel vor, der uns zwingt, in uns zu gehen und uns mit existentiellen Themen auseinanderzusetzen.
© StudioCanal
Die Wand
Ricore: Wie hat sich der Roman seit dem ersten Lesen für Sie verändert?
Julian Pölsler: Ich habe den Roman zum ersten Mal 1986 gelesen, also vor genau 25 Jahren. Für mich sind Wandlung und Verwandlung die zentralen Themen. Es geht darum, wie sich diese Frau durch die Katastrophe verändert. Und so hat sich natürlich auch mein Zugang zu diesem Buch in den letzten 25 Jahren verändert. Mir begegnen immer wieder Zuschauer, meistens Frauen, die ihre eigenen Interpretationen haben. Das sind Interpretationen, an die ich nie gedacht hätte. So verwandelt sich mein Zugang zum Roman immer noch. Das ist das spannende an ihm, er ist nicht greifbar.
Ricore: Das Buch ist ja schon etwas älter. Welche gesellschaftliche Relevanz hat der Film heute nach?
Pölsler: Ich glaube, dass die Thematik heute immer noch sehr relevant ist. In unserer Zeit gilt das Motto 'Alles geht, nichts ist aufzuhalten'. Aber ich höre über allem immer ein Katastrophenszenario. Ob es sich um Europa, Euro oder Weltwirtschaft handelt, immer ist von einer Katastrophe die Rede.
Ricore: Glauben Sie nicht, dass das vielleicht ein deutsches Problem ist?
Pölsler: Nein, da muss ich heftig widersprechen. Im Gegenteil, die Deutschen haben sich von der Katastrophen-Larmoyanz mittlerweile weit entfernt. Was der Roman und hoffentlich auch der Film bieten, ist das Innehalten. Alle Menschen sind immer so gestresst und haben keine Zeit. Mir selber ging es ja ähnlich. Deswegen nehme ich mir immer wieder Auszeiten im Wald. Dabei merke ich, man muss sich Zeit für sich nehmen. Ich hoffe, dass die Kinobesucher etwas entschleunigt werden und trotzdem die Chance haben, über Fragen und Probleme unserer Zeit nachzudenken.
Ricore: Der Film spielt in der Gegenwart, die Sprache ist die von damals. Haben Sie damit ein bestimmtes Ziel verfolgt?
Pölsler: Ja, das habe ich. Ich wollte mit dieser Verfilmung dem Roman eine Plattform geben, damit noch mehr Menschen ihn lesen. Er ist einer der wichtigsten Texte Deutschlands. Schon in der Drehbuchphase wurde ich für zu viel Off-Text kritisiert. Dann habe ich eine Drehbuchvariante komplett ohne Off-Text geschrieben und dabei kam ein mittelmäßig-interessanter Fernsehfilm heraus. Also habe ich versucht, die Sprache auf drei Ebenen aufzuteilen. Das Voice-Over von
Martina Gedeck, die Bach-Partiten und die Stille. Ich wollte bewusst auf den Text hinweisen.