© Universal Pictures International
Der Wahnsinn des Establishments
Oliver Stone lästert über die USA
In seinen Filmen nimmt
Oliver Stone kein Blatt vor den Mund. Immer wieder prangert er sozialpolitische Missverhältnisse an. Das Motiv der Gewalt durchzieht sein Werk wie ein roter Faden. So als wollte er sagen, dass sein Land aus Gewaltakten erstanden sei - der Mythos vom amerikanischen Alptraum. Auch in "
Savages" geht es um Verbrechen und Tod an der Grenze zwischen Mexiko und den USA.
Filmreporter.de fragt den 66-jährigen Regisseur zu Drogenkrieg und der politischen Situation der USA. Seine ernüchternde Aussage: Das Establishment ist dem Wahnsinn verfallen! Und es wird noch schlimmer werden, wenn
Mitt Romney zum US-Präsidenten gewählt wird.
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Im Sumpf des Verbrechens: John Travolta und Taylor Kitsch in "Savages"
Ricore: Mr. Stone, ich würde gerne mit dem Ende von "Savages" beginnen...
Oliver Stone: Wir sollten alle mit dem Ende beginnen... (lacht).
Ricore: Sie belassen es im Film nicht beim großen Showdown, sondern hängen der wilden Schießerei ein zweites Ende an. Warum?
Stone: Filme aus Hollywood steuern immer auf einen Showdown zu. Wenn man dabei aber die emotionale Katharsis vergisst, ist das Ende unbefriedigend. Das Emotionale macht das Wesen des Kinos aus. Das Buch endete mit einer Schießerei. Es handelt davon, wie die zwei jungen Männer jeweils ihr Leben für den anderen opfern. Es war ein romantisches Ende im Stil von "
Zwei Banditen". Ich fand es schön, auch wenn ich es ein wenig unglaubwürdig fand. Um die Option eines negativen Endes zu wahren, haben wir uns für den Off-Kommentar entschieden. Da sagt die von
Blake Lively gespielte Figur: 'Nur weil ich diese Geschichte erzähle, bedeutet nicht, dass ich noch am Leben bin'. Wenn dann am Ende die blutige Schießerei vorbei ist, sagt sie, dass die Geschichte so hätte enden müssen. Doch die Wahrheit hat ihren eigenen Willen.
Ricore: Der Schluss ist nicht die einzige Änderung, die Sie gegenüber der Vorlage vorgenommen haben.
Stone: Ja, es hat einige Änderungen gegeben. Zum Beispiel haben wir
John Travoltas Charakter realistischer gestaltet. Er ist ein habgieriger DEA-Agent, der jeden verrät, sowohl die Hauptprotagonisten als auch die Figur
Benicio Del Toros. Das ist nun mal der Drogenkrieg. Es ist Krieg um Geld in einer zynischen Welt. Dennoch ist es eine Welt, in welcher der Mensch eine zweite Chance verdient.
Ricore: Im Vergleich zu den Gewaltszenen sind die Liebes- und Nacktszenen eher zurückhaltend inszeniert.
Stone: Ja, das ist Teil der amerikanischen Demokratie (lacht). Es gibt ein Zensursystem, das die Filmemacher unter Druck setzt. Es geht um das große Geld, aus diesem Grund darf man im Kino nicht zu viel zeigen. Aber so ist das nun mal in Amerika, hier erlaubt man dir eher eine Brust abzuschneiden, als sie in einem Bild zu zeigen. Dennoch habe ich innerhalb der Vorschriften das Bestmögliche herauszuholen versucht.
Ricore: Die Grenzen der Gewalt-Ästhetik wurden in den letzten Jahren durch das amerikanische Fernsehen sehr weit gedehnt. Fühlten Sie sich in der Gewaltdarstellung in "Savages" davon unter Druck gesetzt?
Stone: Als Filmemacher lasse ich mich nicht von bestimmten Techniken oder Trends beeinflussen. Mit "Savages" wollte ich keine Klischees bedienen. Das Buch war sehr wild und originell und ich wollte, dass auch der Film unvorhersehbar wird. Mit den sechs Figuren bot sich mir die Möglichkeit dazu. Keiner von ihnen ist eine gefestigte Persönlichkeit. Außer der von
Taylor Kitsch gespielten Figur, machen alle eine Wandlung durch. Ich wollte zeigen, dass die Welt, wie ich sie darstelle, tatsächlich existiert. Was die Gewalt angeht, so wollte ich, dass sie von den Charakteren ausgeht. Ich mag den modernen Actionfilm nicht, bei dem es nur um Action geht und man die Figuren nicht versteht. Das langweilt mich. Sogar in "
The Dark Knight Rises" und in den "
Bourne"-Filmen habe ich mich gelangweilt. Ich wünsche mir, dass man sich wie in früheren Tagen wieder darauf besinnt, dass die Handlung von den Charakteren diktiert wird.