© Ascot Elite
Was Armut aus Menschen macht
Katja Riemann bekämpft Elend
In den 1990er Jahren ist
Katja Riemann die Vorzeigefrau des deutschen Kinos. Nach einer letzten Hochphase mit Kinofilmen wie "
Rosenstraße", "
Bergkristall" und "
Agnes und seine Brüder" ist es stiller um sie geworden. Doch ganz von der Bildfläche ist Riemann nicht verschwunden. Vielmehr hat sie den Schwerpunkt ihrer Arbeit verlagert, spielt viel Theater und realisiert Musikprojekte. Mit der schweizerisch-deutschen Produktion "
Der Verdingbub" kehrt die 48-Jährige eindrucksvoll auf die Leinwand zurück. Im Interview mit
Filmreporter.de spricht die auf dem Land aufgewachsene Schauspielerin über das bäuerliche Leben und darüber, was Armut aus Menschen macht.
© 20th Century Fox
Der Verdingbub
Ricore: Vielen Deutschen dürfte das Thema von "Der Verdingbub" wenig vertraut sein. Wie ging es Ihnen dabei?
Katja Riemann: Mir war das Thema auch nicht besonders vertraut. Erst im Verlauf der Arbeit zum Film hat es sich mir erschlossen. Aus diesem Grund ist "Der Verdingbub" so wichtig. Es schließt eine Bildungslücke.
Ricore: Wie haben Sie sich dem Thema genähert?
Riemann: Ich habe viel darüber gelesen und mit Menschen, die sich auskannten gesprochen.
Ricore: Hatten Sie auch Kontakt zu noch lebenden ehemaligen Verdingkindern?
Riemann: Einige von ihnen hatten im Vorfeld mit den Autoren des Films gesprochen. Einige waren auch am Set und haben als Komparsen mitgespielt. Ansonsten basierten die Bücher, die ich gelesen habe, auf Interviews mit den Betroffenen. Der Erfolg des Films in der Schweiz hat viele ehemalige Verdingkinder ermutigt, sich zu outen und dem Verband der Verdingkinder beizutreten. Das Thema wird also immer mehr öffentlich gemacht und dadurch enttabuisiert.
Ricore: Viele Betroffenen trauen sich also noch immer nicht, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen?
Riemann: Ja, es ist erstaunlich, wie tief die Scham sitzt. So wie vergewaltigte Frauen sich schämen, die Tat anzuzeigen, gibt es auch viele Menschen, die sich dafür schämten, ein Verdingkind gewesen zu sein.
Ricore: Max Hubacher, der die Hauptfigur gespielt, fühlte sich nach eigenen Aussagen von der Tatsache befangen, dass am Set auch ehemalige Verdingkinder anwesend waren. Wie ging es ihnen dabei?
Riemann: Im Gegensatz zu Max, der ein sehr talentierter junger Mann ist und wohl auch Schauspieler werden will, betreibe ich die Schauspielerei nun schon ziemlich lange, was jedoch nicht heißt, dass man sich nicht befangen fühlte. Es waren zarte ältere Menschen da, und wir waren alle sehr schüchtern im Umgang mit ihnen.