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Es ist schwer, ein Gott zu sein

Es ist schwer, ein Gott zu sein

Originaltitel
Trudno byt bogom
Genre
Science Fiction
Land /Jahr
Russland 2013
 
177 min, ab 16 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
Kinostart
03.09.2015 ( Russland ) bei Bildstörung
Regie
Aleksei German
Darsteller
Pyotr Merkurev, Leonid Yarmolnik, Andrey Mokeev, Yuriy Nifontov, Aleksandr Orlovskiy, Vytautas Paukste
Homepage
http://www.schwergottzusein.de
Links
IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
8,0 (Filmreporter)
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Regisseur Aleksej Germans geniales Vermächtnis
Literarische Vorlage von "Es ist schwer, ein Gott zu sein" ist der gleichnamige Roman der Brüder Arkadi und Boris Strugatski. Adaption wäre bei Aleksei Germans bildgewaltiger Herangehensweise an das 1964 veröffentlichte Werk zu viel gesagt. Der Regisseur hält sich allenfalls an das Handlungsgerüst der Parabel auf das menschenverachtende Regime der Stalin-Ära - und selbst dieser Erzählfaden lässt sich angesichts der Bilder- und Tonflut des Epos' schwer ausmachen.

Angesiedelt ist das Geschehen auf einem der Erde ähnlichen Planeten, auf dem die Gesellschaft in einem Entwicklungsstadium verharrt ist, der unserem Mittelalter ähnelt. Die Renaissance wird sich hier wohl nicht durchsetzen, allzu sehr sind die Bewohner dem Chaos und der Zerstörung anheimgefallen. Einige Wissenschaftler wurden auf den sonderbaren Planeten entsandt, um Erkenntnisse über die gesellschaftliche Entwicklung zu sammeln. Einen von ihnen, einen Mann namens Rumata (Vasiliy Domrachyov), verehrt die Bevölkerung wie eine Gottheit.
"Es ist schwer, ein Gott zu sein", die im Titel bereits anklingende Dystopie findet ihr Echo in jeder Einstellung, jeder Kamerabewegung und jeder Geste dieses einzigartigen Films. Es handelt sich um das filmische Vermächtnis des großen russischen Ausnahmeregisseurs Aleksei German, den man im Westen vor allem durch Filme wie "Zwanzig Tage ohne Krieg" und "Moy drug Ivan Lapshin" kennt.

German beginnt bereits in den 1990er Jahren mit der Arbeit an dem Epos, dreht das vor Detailfreude nur so strotzende Werk von 2000 bis 2006 an Originalschauplätzen in der Tschechischen Republik und den Lenfilm Studios. Dann investiert er etwa genauso viel Zeit und Energie in die Postproduktion, um die Fertigstellung seines Opus Magnum letztendlich doch nicht mehr zu erleben. Als er 2013 an einer schweren Krankheit stirbt, vollenden seine Frau Svetlana Karmalita und sein Sohn, der ebenfalls als Regisseur tätige und gleichfalls monumentale Bilderwelten kreierende Aleksei German (sein "Pod elektricheskimi oblakami" wird auf der Berlinale 2015 preisgekrönt), das 'wichtigste Werk' (German Jr.) des Regisseurs. Viel haben die beiden nicht mehr zu tun, der Film war fast fertig, nur die Tonbearbeitung fehlte.

Die Brüder Arkadi und Boris Strugatski verbinden Filmkenner eigentlich mit einem anderen bedeutenden Filmemacher des russischen Kinos: dem Kinopoeten Andrej Tarkowskij, zu dessen Science-Fiction-Parabel "Stalker" die Autoren die Vorlage geschrieben haben. Tatsächlich hat Germans letzter Film, sein insgesamt sechster, einiges mit Tarkowskijs Werk gemeinsam. Vor allem an Tarkowskijs Mittelalter-Meisterwerk "Andrej Rubljow" (1966) ist "Es ist schwer, ein Gott zu sein" formal und motivisch angelehnt: die großartige Grau-in-Grau-Fotographie, die grausame, von Gott verlassene Wirklichkeit des Mittelalters, die Verweigerung an eine lineare Erzählung, der an Künstler wie Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel dem Älteren angelehnte Draufblick auf das wilde Treiben einer durch und durch verkommenen Menschheit und zugleich das Fehlen eines positiven, zupackenden Helden - in diesen Punkten ähneln sich die beiden Filme.

Und doch unterscheidet sich Germans Film in einem Punk grundlegend von dem Epos seines Vorbildes: der Haltung. Glaubt Tarkowski im menschlichen Geist, dem Glauben und vor allem der Kunst die Erlösung der Menschheit gefunden zu haben, fehlt bei German auch nur der Ansatz eines Hoffnungsschimmers. Seine Welt ist durch und durch materiell, Sinn stiftende Instanzen wie Kunst und Religion haben längst ausgedient. Wie Alexander Sokurow, ein weiterer Tarkowski-Epigone, in seiner preisgekrönten "Faust"-Adaption wird auch German nicht müde, den Zuschauer diese geistlose Welt vor Augen zu führen. Selten hat man im Kino eine größere Barbarei gesehen, selten ging es grausamer zu, wurden Menschen von Menschen so gequält und gefoltert wie hier. Und immer regnet oder schneit es, eine Wärme spendende, den Schmutz und Unrat austrocknende Sonne gibt es in diesem düstersten Film seit langem nicht. In dieser Welt ist es 'schwer, ein Gott zu sein.'

Für den Zuschauer ist nicht nur das Dargestellte eine Qual, auch und vor allem die eigenwillige Machart des fast dreistündigen Films wird er als Tortur empfinden. German meidet konsequent erzählerische Fixpunkte, mit seiner sich stets in Bewegung befindenden Kamera ist er immer nah dran an den Figuren, orientierende Totalen gibt es kaum, in den Bildkompositionen herrscht das Prinzip Chaos. Angesichts der scheinbar sinnlos aneinander montierten Bilder wird man schier erdrückt und bleibt angesichts des Gesehenen und Gehörten ratlos zurück.

Und doch. Hat man die Höllentour erst überstanden, werden einen die Bilder dieses bemerkenswerten Films nicht wieder loslassen. "Es ist schwer, Gott zu sein" wird wie Béla Tarrs "The Turin Horse" und Sokurovs Faust, diese anderen beiden großen Epen des Apokalyptischen, noch lange nachwirken. German gehört zu den vielen tragischen Künstlern der Sowjetunion, dessen Werk vom damaligen Regime entweder verstümmelt oder gar nicht erst gezeigt wurde. Es ist leider zu befürchten, dass sein neuer Film heute einem anderen Diktat zum Opfer fallen wird: dem des Geschmacks und der am seichten Mainstream geschulten Sehgewohnheit. Es ist jedem Verleih und jedem Filmkunsttheater zu danken, die den Mut aufbringen, dieses sperrig-poetische Meisterwerk in ihr Programm aufzunehmen.
© Studio Sever / Russia 1 TV
Videoclip:
Dieser Planet gleicht der Erde, der Gesellschaftsentwicklung ist jedoch im Mittelalter... 
Galerie:
"Es ist schwer, ein Gott zu sein" ist das meisterhafte Vermächtnis des großen Regisseurs Aleksei German. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Arkadi und Boris Strugatski.
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2021