Feature
11`09``11 - September 11
11 Regisseure, 11 Filme, 11 Minuten, 9 Sekunden + 1 Frame!
Bilder wider den Horror
"Sie sollen eine neue Art von Bombe in Hiroshima benutzt haben" sagt man in einem kleinen japanischen Dorf angesichts des zurückgekehrten Soldaten, der sich für eine Schlange hält. Sein Vater lobt "er kriecht schon ganz gut", aber dass das zischende Bündel Ratten hinunterwürgt und dem Nachbar Hühner stiehlt, kann auch er nicht tolerieren.
Von  Thorsten Krüger/Komm & Sieh,  28. November 2002
Der Soldat ist von seinem Menschsein derart entsetzt, dass er wie einst Alan Parkers "Birdy" zum Tier mutiert. Japan steht im fanatischen heiligen Krieg gegen die Alliierten - der Mensch, kann letztlich nur Opfer sein: so absurd, so tragikomisch, so eng verknüpft mit der Aktualität ist Shohei Imamruas Beitrag zum Kollektiv-Film "11'09''01 - September 11". Elf namhafte Regisseure haben in jeweils elf Minuten, neun Sekunden und einem Frame versucht, die Ereignisse des Terroranschlags auf das World Trade Center zu verarbeiten.
Kurz und knapp - das riskante Projekt ist gelungen. Es hätte leicht scheitern können an dieser enormen Aufgabe. Aber in dem weltweiten Echo auf das Erdbeben, das die Grundfeste der westlichen Kultur im Mark erschütterte, wurde das lange totgesagte politische Kino wiederbelebt. Naturgemäß schwanken die Beiträge qualitativ, doch vieles bleibt im Gedächtnis haften! Der rauchende Schornstein bei Samira Makhmalbaf etwa, um den sich afghanische Flüchtlingskinder versammeln, um die von ihrer Lehrerin angeordnete Schweigeminute abzuhalten. Sie stehen wie New Yorker unter den brennenden Türmen. Der riesige Ziegelschlot hat etwas vom monströsen Babylon.
Dass die Regisseure in den Zwischentiteln, einer Weltkarte, immer als Repräsentanten ihres Landes ausgewählt wurden, in diese Fall der Iran, identifiziert die Aussagen eines Künstlers mit einem ganzen Land - eine sich aufdrängende, aber unzulässige Gleichsetzung. Es liegt eine nicht zu unterschätzende Suggestion in dieser Anmaßung.
Erstaunlicherweise tritt dieser Effekt gerade bei Ken Loach zurück, der mit bitterster Wucht zwei lange auseinanderliegende elfte September gegenüberstellt. 1973 wurde Chiles demokratisch gewählter Präsident Allende brutal ermordet - finanziert und weitgehend gesteuert von den USA. Die Parallelität der beiden historischen Ereignisse zielt noch mehr als bei Imamura auf den Zusammenhang zwischen Amerikas eigenen Schicksal und seiner amoralischer Politik, die in Chile 30.000 Demokraten das Leben kostete.
Von der schlagenden Wahrheit der Dokumentaraufnahmen von Folteropfern und Hingerichteten bis zur waghalsigen Sicht Sean Penns, der radikale, pure Ästhetik schuf reichen die Schattierungen der Regisseure. In Penns Beitrag wohnt ein alter Mann (Ernest Borgnine) im Schatten der Twin Towers. Er erlebt den ersten Sonnenschein in seinem Zimmer, als der Kollaps der Türme die Sicht freigibt. Gleichzeitig wird er gewahr, dass seine Frau, mit der er jahrelang gesprochen hat, längst tot ist. Penn findet die blühende Rose im Chaos, den Schmerz in der Sonne - ein Prinzip des Yin und Yang. In allem Schlechten findet sich sein Gutes - und umgekehrt.
Von  Thorsten Krüger/Komm & Sieh,  28. November 2002

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