Feature
SoloalbumConcorde Filmverleih
Gutes Timing von Regisseur Gregor Schnitzler
Leichtes und universelles Soloalbum
Ben (Matthias Schweighöfer) ist jung, attraktiv und erfolgreich. Er hat alles, was man braucht, um in der Berliner Szene bestehen zu können: eine coole Wohnung im Bezirk Mitte, einen Job beim wichtigsten Musikmagazin der Stadt und damit eine Dauereintrittskarte für alle wichtigen Parties, die richtigen Klamotten sowie eine hübsche Freundin (Nora Tschirner). Katharina läuft ihm allerdings nach drei Jahren Beziehung weg, weil Ben vor lauter Hipness ihren Geburtstag vergessen hat und sie sich auch sonst "irgendwie auseinandergelebt" haben. Was Ben nun versucht, um Katharina entweder zu vergessen oder wiederzugewinnen oder am besten erst das Eine und dann das Andere, das erzählt die Komödie "Soloalbum" nach dem Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre.
Von  Christiane Guth, Filmreporter.de,  24. März 2003
Szene aus: Soloalbum
Gewisse Namensgleichheiten sind im Übrigen so offensichtlich, dass sie hier gar nicht besprochen werden sollen. Der Film wurde "nach" dem Buch gedreht, darauf legen die Produzenten Wert, er ist keine Eins-zu-eins-Verfilmung. Was bedeutet: Das Buch, diese 1998 erschienene Sammlung von Polemiken gegen Menschen, die die falsche Einstellung haben, die falschen Klamotten tragen und die falsche Musik hören - also so ziemlich alle außer dem Protagonisten selbst - wurde entschärft. Aus Stuckrad-Barres verbalen Bösartigkeiten hat Drehbuch-Autor Jens-Frederik Otto leichter verdauliche Gags gemacht, die Ausfälle gegen die Musikbranche (Oasis ist gut, alles andere schlecht) wurden beinahe ganz gestrichen, und die Figur der Katharina, im Roman bloß der Auslöser von Bens liebeskümmerlichen Selbst- und Weltreflexionen, bekam mehr Profil. So ist Soloalbum, der Film, universeller als Soloalbum, das Buch. Er spricht ein größeres Publikum an, denn Liebeskummer kennt jeder - auch wer nicht den ganzen Tag Britpop hört und auf den Partys der Hauptstadt zuhause ist.
Szene aus: Soloalbum
Geblieben ist die Selbstironie des Protagonisten. Und aus der bezieht der Film einen Großteil seiner Komik. Wie Ben seine Lage immer noch selbstbewusst-zuversichtlich kommentiert, während tatsächlich sein Leben in Scherben fällt, er den Job verliert, Thomas D von den "Die Fantastischen Vier" ihn niederschlägt und Feuerwehrleute wegen Verwesungsgeruchs seine verwahrloste Wohnung aufbrechen - das ist wirklich komisch und macht den eitlen Egozentriker fast ein bisschen sympathisch. Die "10 Verhaltensmaßregeln bei Liebeskummer", die als Zwischentitel die Geschichte in Episoden unterteilen, tun ein Übriges. "Loslassen können!" heißt es da zum Beispiel - was bedeutet, dass Ben durch ein geöffnetes Fenster in den Luxuswagen von Katharinas neuem Liebhaber pinkelt, stecken bleibt und mit Maschinenöl befreit werden muss. Dass das Auto zu allem Überfluss nicht mal seinem Nachfolger gehört, versteht sich von selbst.
Szene aus: Soloalbum
Doch eine Komödie lebt nicht von Selbstironie allein. Wichtig ist auch das Timing, das Gespür für Pausen, für das Tempo und für den richtigen Zeitpunkt, um eine Pointe zu setzen. Hier liegen ganz klar die Stärke des Films und seines Regisseurs Gregor Schnitzler. Einmal wird Bens bester Freund Christian auf einer Party gefragt, wo Ben denn sei. Der versucht schon seit einer Viertelstunde, vom Balkon, wohin er sich ausgesperrt hatte, wieder nach drinnen zu gelangen, doch keiner sieht ihn. "Ben?" antwortet Christian. "Der ist auf dem Bal-", Ben bricht durch die Glastür, die Musik erstirbt, alle starren ihn an, "-kon." Das sitzt, das passt, das wirkt - und macht "Soloalbum" um Längen besser als herkömmliche amerikanische Geschwätzigkeitskomödien.
Szene aus: Soloalbum
Überhaupt Christian: So heißt die Rolle, und so heißt auch der Darsteller. Christian Näthe, 1976 in Potsdam geboren, Kameradebüt mit zwölf Jahren, 1999 im Horrorstreifen "Flashback - Mörderische Ferien" gelingt ihm erstmals der Sprung auf die Kinoleinwand. Die Hauptrolle hat in "Soloalbum" zwar ein anderer, doch das größte komödiantische Talent zeigt zweifellos Christian Näthe. Sein Christian ist ein Don Quichote der Gegenwart, ein aufrichtiger Streiter für Freundschaft und Gerechtigkeit, der immer wieder an der Realität scheitert und doch nie seine Würde verliert. Als er die Chance bekommt, Oasis zu interviewen, trinkt er sich zuviel Mut an und ruft dann seinen Freund Ben zu Hilfe. Der versucht, ihn in eine aufrechte Position zu bringen und fragt: "Kannst du gehen?". Mit aller ihm zu Gebote stehenden Würde antwortet Christian: "Sseitch vier bin!" Abgesehen davon, dass derart doppelbödigen Pointen den einfachen sowieso überlegen sind, sagt das alles über den komisch-tragischen Charme dieser Figur.

Nun soll aber vor lauter Schwärmerei nicht der Hauptdarsteller vergessen werden, das hätte er nicht verdient. Matthias Schweighöfer ist Jahrgang 1981 und also wirklich furchtbar jung. So jung, dass sich die Rezensentin anfangs fragte, ob so einer eigentlich schon einen derart guten Job und ernsthaften Liebeskummer haben darf. Die Frage blieb unbeantwortet, aber spielen kann Schweighöfer diese Gefühle. Und das ist ja schließlich das Wichtigste.
Von  Christiane Guth, Filmreporter.de,  24. März 2003

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