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Eine alte Autogrammkarte von Margitta Ina Vogelmann
Karlheinz Vogelmann

"Heinz Erhardt war mein Filmvater"

Margitta Scherr wagt den Salto Mortale
Margitta Scherr wurde bereits als Zwölfjährige für den Film entdeckt. Das hübsche Mädchen war Heinz Erhardts Tochter in "Vater, Mutter und neun Kinder" und "Natürlich die Autofahrer". Später zierte sie die Titelseiten von Bravo und anderen Magazinen, einmal war sie im amerikanischen Playboy - angezogen vom Blusenkragen bis zum großen Zeh. Wie es dazu kam, erzählte uns Frau Scherr entspannt bei Kaffee und selbstgemachtem Karotten-Kuchen auf der Terrasse ihres Münchner Hauses.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  6. Dezember 2016
Margitta Scherr in "Die Glocken von London"
Paul Sessner
Margitta Scherr in "Die Glocken von London"

Ich bin eigentlich zu selten zu Hause...

Ricore: Danke, dass Sie uns zu sich eingeladen haben. Wo leben Sie heute übers Jahr?

Margitta Scherr: Ich bin eigentlich zu selten zu Hause, um die schöne, ruhige Lage hier mitten in München richtig genießen zu können. Ein Freund nannte meine Wohngegend einmal „einen Katzensprung zum Marienplatz und doch im Grünen“. Hier habe ich also beides. Ich fühle mich hier sehr wohl. Wenn ich verreist bin, wirft mein Nachbar sein 'Adlerauge', wie er immer sagt, herüber. Er hat im Winter schon mal zwei Männer aus meinem Garten vertrieben. Mein Lebensgefährte wohnt einen Großteil des Jahres in Spanien und ich bin natürlich auch oft dort. Am liebsten wäre ich überall gleichzeitig. Meine bevorzugte Zeit im Süden ist zwischen Ende Oktober und Anfang Mai, wenn die meisten Hotels und Strände fast leer sind.

Ricore: Auf einem Künstler-Steckbrief von 1965 gaben Sie bereits diese Münchner Adresse an. Leben Sie seither hier?

Scherr: Ja. Zwischendurch wohnte ich länger in Wolfratshausen, wo auch mein Sohn Axel aufwuchs. Er ist eher ein Landmensch und wohnt jetzt am Alpenrand mit Frau und Kindern.

Ricore: Sind Sie eher ein Stadtmensch?

Scherr: Ich mag die Stadt wegen der kulturellen Vielfalt und das Land, wo es nicht so reich aussieht wie rund um den Tegernsee. Niederbayern im Morgennebel, ein Einödhof auf einer Anhöhe, das ist echt, das gefällt mir. Ich finde es überall schön, wo es noch Landwirtschaft gibt.

Ricore: Sie wurden fast in München geboren.

Scherr: Meine Eltern stammen aus Niederbayern, auf dem Weg in die große Stadt München haben sie sich im Zug kennengelernt. Mein Vater stammt aus der Bad Füssinger Gegend, meine Mutter aus der Nähe von Landau an der Isar. Zum Zeitpunkt meiner Geburt waren meine Eltern jedoch in Chemnitz, wo ich allerdings nur sieben Tage meines Lebens verbrachte.

Ricore: Sind Sie in diesem Haus aufgewachsen?

Scherr: Nein, es wurde erst 1961 gebaut, ich wuchs im Osten von München auf, in Berg am Laim. Im benachbarten Trudering ging ich in die Forellenschule. Die war damals noch von Kartoffelfedern umgeben. Wir Ehemaligen treffen uns immer noch alle zehn Jahre.


Margitta Scherr im Alter von 16 Jahren
PG Neubarth
Margitta Scherr im Alter von 16 Jahren

Durch einen Zufall zur Schauspielerei gefunden

Ricore: Wie kamen Sie zur Schauspielerei?

Scherr: Ich bin da durch Zufall reingerutscht. Es war damals nicht mein Wunsch, Schauspielerin zu werden. Ich war ja noch ein kleines Mädchen, das noch gar nicht darüber nachgedacht hatte, was es einmal werden wollte. Meine Mutter und unsere Nachbarin haben sich sehr für den Film interessiert. Da gab es Kinderstars wie Christine Kaufmann und Oliver Grimm. Die Nachbarin kannte den späteren Regisseur Rainer Erler, der damals Regie-Assistent war. Er ließ für den Kinofilm "Der Meineidbauer" acht bis zehnjährige Mädchen zu den Bavaria-Filmstudios kommen. Ich war zwar schon zwölf, aber so klein, dass ich wie zehn aussah. Da ging es nicht um Begabung, sondern um die Ähnlichkeit mit Christiane Hörbiger. Die war damals 18 Jahre alt und hatte lange, dunkle Haare. Bei dem Casting waren vielleicht ein Dutzend Mädchen dabei, darunter unsere Nachbarstochter und ihre Mutter. Erler sprach mit jedem Mädchen, ging jedoch als erstes auf mich zu. Schließlich wurde ich wegen der großen Ähnlichkeit ausgesucht. "Der Meineidbauer" wurde ein großer Erfolg, der auch heute immer wieder im Fernsehen zu sehen ist. Christiane Hörbiger war unglaublich nett und bescheiden. Wenn man sie auf ihre damals berühmten Eltern Paula Wessely und Attila Hörbiger und ihr bereits erkennbares großes Talent ansprach, sagte sie immer: "Ich muss noch sehr viel lernen."

Ricore: Wie lief der erste Dreh ab?

Scherr: Wir fuhren nach Südtirol in einen Ort namens Sankt Jakob. Es war 1956, ich glaube im Juni. Da habe ich sogar schulfrei bekommen. Während der Dreharbeiten hatte ich zum ersten Mal erlebt, was Heimweh ist. Denn nicht meine Mutter hatte mich begleitet, sondern die Nachbarin, die unbedingt darauf bestand, weil sie mir die Rolle verschafft hatte, sowie ihre Tochter, die die Rolle nicht bekommen hatte. Nach Rückkehr von den Dreharbeiten hat meine Lehrerin, Frau Steichele, mir immer auf den Hinterkopf geklopft und gesagt: "Margitta, Margitta, wenn du mir nachlässt in der Schule, lass ich dich nicht mehr zum Film." Das hat mich damals sehr geärgert. Sie war sehr streng, aber auch sehr gut. Sie kitzelte viel aus mir heraus. Obwohl ich doch gelegentlich fehlte, hatte ich gute Zeugnisse.

Ricore: Wie ging es dann weiter?

Scherr: Rainer Erler holte mich noch im selben Jahr für das Fernsehspiel "Die Tochter des Brunnenmachers" erneut vor die Kamera. Darin spielte der damals noch völlig unbekannte Mario Adorf eine Rolle. Darin war ich eine von Vielen. Später meldete sich der Film. Ich spielte in den Heinz-Erhardt-Filmen "Vater, Mutter und neun Kinder" und "Natürlich die Autofahrer". Die werden ja noch heute unglaublich oft auf verschiedenen Kanälen gesendet. Dann nahm mich die rührige Filmagentin Ada Tschechowa unter Vertrag. 1966 kam sie leider bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ich nahm Schauspielunterricht...


Margitta Scherr
Karlheinz Vogelmann
Margitta Scherr

Wie man richtig schreit

Ricore: Wie war das?

Scherr: Ich lernte bei Annemarie Hanschke, wie man richtig schreit und wie man hinfällt, ohne sich weh zu tun. Das kann ich heute noch. Wir lasen viele Klassiker aus gelben Reclam-Heften. Die kosteten damals 80 Pfennige.

Ricore: Die gibts immer noch...

Scherr: Tatsächlich? Ja, daraus haben wir Rollen gelernt. Mit mir waren dort auch Vera Tschechowa und Rex Gildo, der damals Alexander Gildo hieß. Da war ich schon 17 oder so. Ich spielte dann 1960 in dem Fernsehfilm "Frédéric Chopin" die Stieftochter des Komponisten. Dafür bekam ich in der Süddeutschen Zeitung und der Abendzeitung sehr gute Kritiken, ebenso für "Schwarzwaldmädel", wo ich in der Fernsehfassung die Titelrolle spielte. Kürzlich versuchte ich, eine Kopie dieses Films zu bekommen, was nicht möglich war. Ich habe von allen Fernsehfilmen, in denen ich Hauptrollen spielte, nur Zeitungsausschnitte, nicht einmal Fotos. Damals habe ich das alles sträflich vernachlässigt. Meine Schwiegertochter hat jetzt angefangen, alles, was sie über mich in Ebay findet, zu ersteigern. Sie hat schon viel gefunden: Die Bravo-Ausgaben aus den 60er Jahren, bei denen ich auf dem Rücktitel war, Filmprogramme, Plattenhüllen mit meinem Foto auf dem Titel, Autogrammkarten, Kinoaushang- und Szenenfotos aus Filmen.

Ricore: Wie erlebten Sie Heinz Erhardt in Ihren beiden Filmen?

Scherr: Ich meine, dass "Vater, Mutter und neun Kinder" der beste ist von den Erhardt-Filmen, die ich gesehen habe. Da stimme ich mit seiner Tochter überein. Die sagte im Fernsehen öfter, dass dieser ihr Lieblingsfilm sei. Beim Drehen war Heinz Erhardt eher still, nicht permanent komisch und hat auch nicht immer Sprüche gemacht. Zwischen den Szenen hat er aber schon die eine oder andere Bemerkung eingeworfen. Viel von dem, was er vor der Kamera sagte, stand gar nicht im Drehbuch, das hat sich beim Dreh ergeben. Er war sehr liebenswert, hatte oft auch seine Frau dabei, Gilda, eine Italienerin. Wir drehten beide Filme in Göttingen. Dort hat Heinz Erhardt mich und meine Mutter sowie den kleinen Arne Madin, der meinen Bruder spielte, zum Essen eingeladen. Das war auf einer Burg und es gab Forelle.

Ricore: Sie hatten viele Film-Väter, O.W. Fischer zum Beispiel. Wer war denn Ihr Lieblings-Filmvater?

Scherr: Auch Gustav Knuth war mein Vater in der Zirkus-Serie "Salto Mortale". O.W. Fischer als mein Vater und Maria Schell als meine Mutter waren reizend zu mir, was mich damals erstaunte, denn ich war ja ein kleines, unbekanntes Mädel. Ich merkte nichts von Star-Allüren, obwohl das ja beiden nachgesagt wurde. Gustav Knuth hatte noch mehr Schalk in den Augen als Heinz Erhardt. Daher würde ich die Frage mit "Gustav Knuth" beantworten. Bei Heinz Erhardt war ich noch zu klein, um Vergleiche ziehen zu können. Gustav Knuth war einmalig. Er war immer gut drauf, immer pünktlich, hat präzise seinen Text gebracht. Was ihn ausgemacht hat, war seine Verschmitztheit und sein Humor. Wenn Knuth bei "Salto Mortale" zwischen den Szenen einen netten Satz sagte, lockerte das die Stimmung immer auf. Als Gustav mir schon nach relativ kurzer Zusammenarbeit das 'Du' anbot, mit dem er sparsam umging, wusste ich, dass er mich als Kollegin anerkannt hatte. Als wir für "Salto Mortale" beim Zirkus Knie in der Schweiz drehten, lud der leidenschaftliche Hobby-Koch Knuth ein halbes Dutzend Schauspiel-Kollegen sowie Regisseur und Kameramann in sein Züricher Haus zum Essen ein. Er servierte seinen berühmten Heringssalat - das Rezept habe ich noch heute - und Tafelspitz mit Meerrettich- und Schnittlauchsauce. Ein Sternekoch hätte das nicht besser gekonnt. Knuth war ein sehr herzlicher Mensch ohne Allüren.


Margitta Scherr
Karlheinz Vogelmann
Margitta Scherr

Starallüren?

Ricore: Haben Sie denn viele Starallüren mitbekommen?

Scherr: Eins muss ich sagen: Je bekannter und berühmter die Leute waren, desto bescheidener waren sie. Möchtegern-Berühmtheiten sind schlimmer. (Imitiert) "Fellini wollte mich haben, aber ich habe abgesagt!" Leute, die nicht so sehr über ihre Erfolge sprechen, sind wie Leute, die wirklich Geld haben: die müssen nicht darüber reden.

Ricore: Wie frei waren Sie damals in Ihrer Rollenwahl?

Scherr: Ich war schon frei. Ich war ganz zufrieden mit den Rollenangeboten. Die kamen ja auch vom Theater. An der Kleinen Komödie in München kam einmal ein Engagement aus Termingründen nicht zustande, aber am Intimen Theater in Wuppertal stand ich dann wochenlang jeden Abend auf der Bühne mit der Titelrolle in der Boulevard-Komödie "Mary, Mary". Dass die guten Fernsehfilme, in denen ich Hauptrollen spielte, heute nicht mehr gezeigt werden, finde ich sehr schade. Ich würde sie gerne noch einmal sehen.

Ricore: Gibt es Rollen, wo Sie sagen, die Sie aus heutiger Sicht nicht mehr so gut finden?

Scherr: Naja. Die Leute mochten mich in diesen so genannten Musik-Komödien. Heute stehe ich da nicht mehr dahinter. Ich bereue es aber auch nicht, weil es eine schöne Zeit war.

Ricore: Haben Sie denn noch Kontakt zu anderen "Salto Mortale"-Mitwirkenden?

Scherr: Nein. (Lacht) Außer zu meinem Sohn, der ja auch mitwirkte. Heute habe ich zwei Enkelkinder. Das Mädchen ist zehn, der Junge acht. Vor drei Jahren bekamen sie die DVD von "Salto Mortale" - alle 18 Stunden in Farbe. Beide waren vollends begeistert. Das endete damit, dass meine Enkeltochter einen Badeanzug anzog und Trapez-Künstlerin spielte. Sie und ihr Bruder ließen sich vom Treppengeländer herunterhängen und spielten "Salto Mortale" nach. Sie sagte, dass sie Schauspielerin werden wolle. Es ist aber nicht so, dass sie aus einer Schauspieler-Dynastie kommt und das ganz große Talent geerbt hat. Ich habe ihr erklärt, dass es heutzutage viele gute Schauspielerinnen gibt, die jahrelang studiert haben und dann keine Arbeit bekommen. Das fand sie dann auch nicht so lustig. Es ist ja heute viel schwieriger als damals. Ich bekam nur so viel Aufmerksamkeit, weil es nur das Erste und das Zweite und ein bisschen Drittes Fernsehen gab. "Salto Mortale" war die erste Familienserie in Farbe. Die haben Millionen gesehen.

Ricore: Und Sie haben immer noch Ihre Fans...

Scherr: Ich war vor kurzem in Wolfratshausen, wo ich lange lebte. Auf dem Friedhof, wo ich das Grab meiner Eltern besuchte, sprach mich eine Frau an: "Sie haben doch in "Salto Mortale" gespielt!" (lacht). Mein Lebensgefährte hat sich im Süden extra digitales Fernsehen eingerichtet, um "Salto Mortale" zu gucken. Da läuft das nämlich immer noch jedes Jahr. Ich kriege immer noch Autogramm-Anfragen. Eine Verehrerin schickte mir das Foto-Buch zu "Salto Mortale", ein anderer den Soundtrack auf CD. Und kürzlich sendete mir eine Frau eine Auflistung mit all meinen Rollen zu. Was das Arbeit gemacht hat...


Margitta Scherr als TV-Schwarzwaldmädel
Karlheinz Vogelmann
Margitta Scherr als TV-Schwarzwaldmädel

Auch Sohn bei Salto Mortale

Ricore: Wie kam es dazu, dass Ihr Sohn bei "Salto Mortale" mitspielte?

Scherr: Das Drehbuch verlangte für meine Rolle der Trapezspringerin Francis Doria einen Sohn von drei Jahren. Regisseur Michael Braun kam auf mich zu und sagte: "Margitta, du hast doch einen Sohn in diesem Alter. Kann der nicht die kleine Rolle spielen?" Ich sagte: Nein, ich möchte das nicht." Ich wollte kein Filmkind. Er sagte: "Guck mal, wenn wir jetzt einen fremden Dreijährigen zum Drehen nehmen, dann schreit der ständig nach der Mama. Das kann nicht funktionieren. Überleg es dir doch." Dann hab ich mit meinem Mann und dem Kind selbst gesprochen, soweit das mit einem Dreijährigen möglich ist. Er sagte ja. Bei der zwei Jahre später gedrehten zweiten Staffel teilte mir mein Sohn nach Drehende mit: "Aber die nächsten Folgen müsst ihr dann ohne mich drehen." Im Alter von fünf Jahren wusste er also schon, dass er nicht Schauspieler werden wollte.

Ricore: Was machte er später?

Scherr: Er hat Filmtechnik gelernt (Lichtbestimmung, Vertonung, Schnitt etc.) und bei mehreren Filmfirmen gearbeitet. Später hat er sich als Postproduction Supervisor selbständig gemacht.

Ricore: Sie haben also mit zwölf Jahren beim Film begonnen. Wie hat sich das in Ihrer Jugend entwickelt?

Scherr: Ich habe schon sehr früh fürs Kino und Fernsehen gedreht. Bis ich Mitte zwanzig war, kamen über 50 Rollen zusammen. Kürzlich habe ich die Liste mit all meinen Filmen komplettiert, weil mir wieder ein Titel eingefallen war: "Die Botschafterin" von 1960 mit Nadja Tiller als Hauptdarstellerin. Ich hatte darin eine kleine Sprechrolle als Dienstmädchen. Erst über dieser Liste wurde mir bewusst, dass ich damals bereits meinen späteren Ehemann kennenlernen hätte können, weil der als Pressefotograf dabei war. Er hätte mich aber wohl gar nicht wahr genommen. Ich war ja noch ein sehr junges Mädchen. Der Film wurde in Berlin gedreht, und ich durfte zum ersten Mal fliegen. Da sind wir mit einer Propellermaschine in Tempelhof mitten zwischen den Häusern gelandet. Ich konnte in die Zimmer sehen.

Ricore: Es gibt da ja eine sehr romantische Geschichte, wie Sie sich kennenlernten...

Scherr: Ja. Mein Mann war der Fotograf Karlheinz Vogelmann, der die Standbilder zu "Das Boot" und "Die unendliche Geschichte" gemacht hat. Davor arbeitete er für eine Agentur, für die er so genannte "Star-Fotos" machte, beispielsweise von Romy Schneider während des Drehs von "Scampolo" und "Liebelei". Starfotos waren Vorab-Pressefotos, um auf einen Film aufmerksam zu machen. Vogelmann hat viel für die Film Revue gemacht, die ich als kleines Mädchen immer las. Da dachte ich immer, das sei ein bekannter Fotograf, der immer die Stars fotografiert, aber ein alter Mann natürlich. Eines Tages rief er bei mir an und wollte für die Film Revue eine Mode-Foto-Reportage über mich machen. Die entstand am 13. April 1961.


Margitta Scherr
Karlheinz Vogelmann
Margitta Scherr

Ich fühlte mich geschmeichelt

Ricore: Wie war das Foto-Shooting?

Scherr: Das war am Starnberger See, die Mode war aus der Boutique einer Bekannten von Herrn Vogelmann. Vieles von der Kleidung war viel zu groß, wir haben sie auf dem Rücken mit Klammern zusammen gehalten, aber auf den Fotos schaut es dann doch gut aus. Ich war sehr erstaunt, wie ich ihn sah. Er war 33, ich fast 18. Er war sehr nett und hatte einen unglaublich guten Humor, mit dem er sich so nett über sich selbst lustig machen konnte. Gut ausgeschaut hat er außerdem. Ich war damals viel zu schüchtern, um ihn anzumachen oder so. Das ging schon von ihm aus. Er wollte mich wiedersehen und beschloss nach drei Tagen, dass er mich heiraten wollte. Ich sei die Frau, auf die er die ganze Zeit gewartet hat - dabei war da noch gar nichts. Wörtlich sagte er: "Ich habe die beste Idee meines Lebens: Ich heirate dich."

Ricore: Wie ging es weiter?

Scherr: Ich fühlte mich geschmeichelt. Dann ist daraus eine sehr schöne, liebevolle Beziehung entstanden. Es gab wenige Fotografen, die mich wirklich gut fotografieren konnten. Er konnte das einfach. Ich bin stolz auf ihn. (zeigt Fotos) Das sind alles Vogelmann-Fotos.

Ricore: Haben Sie auch selbst fotografiert?

Scherr: Ich habe das Fotografieren an sich nie gelernt, aber durch die vielen Jahre mit Herrn Vogelmann den richtigen Blick dafür bekommen, wie ein gutes Foto aussehen muss. Auf Reisen fotografiere ich schon wahnsinnig gerne.

Ricore: Auf den Bildern fällt auf, dass Sie viele Gesichter haben und sehr unterschiedlich wirken.

Scherr: Ja. Ich war sehr wandelbar und konnte mich gut in die Rollen einleben. Das hatte also nicht nur mit der äußeren Veränderung zu tun, die für manche Rolle notwendig war. Zum Beispiel engagierte mich Michael Pfleghar, damals der bekannteste Fernseh-Show-Regisseur, für "Zu jung um blond zu sein". Wie schon der Titel sagte, mussten die Kessler-Zwillinge, Bibi Johns, Lill-Babs und ich blond sein. Ich als einzige nicht naturblonde Darstellerin wurde zu einem Friseur geschickt. Der musste mich zuerst bleichen und dann färben. Die Paste reichte aber nicht für meine damals sehr langen Haare, daher hat er einfach zwölf Zentimeter abgeschnitten. Das war vielleicht eine Prozedur - fünf Stunden saß ich dort. Die Show wurde mit der Goldenen Rose von Montreux ausgezeichnet und wurde in 40 Ländern gezeigt, u.a. in Finnland und Japan. Ich erfuhr alle Länder aus den Abrechnungen für Wiederholungs-Honorare, die damals noch jeder Mitwirkende erhielt.

Ricore: Ihr international bekanntestes Bild war das im amerikanischen Playboy. Wie kam es dazu?

Scherr: Ich habe hier eine Original-Ausgabe, die mir mein Sohn im Internet ersteigert hat. Wie schon erwähnt, hatte ich damals kaum was aufgehoben, nicht einmal diese bemerkenswerte Veröffentlichung. Die Geschichte mit dem Foto war so. Ich bekam einen Anruf von einem reizenden älteren Herren namens Peter Basch. Er sagte: Ich bin vom amerikanischen Playboy. Wir machen eine Geschichte mit dem Titel "The girls of Germany". Wir würden gerne Fotos von Ihnen machen." Was glauben Sie, was meine erste Antwort war? "Ich zieh mich nicht aus!" (lacht) Er meinte: "Sie müssen sich nicht ausziehen. Wir machen eine Geschichte über die derzeit interessanten Mädchen in Deutschland. Es ist über den großen Teich gedrungen, dass es hier interessante Nachwuchsschauspielerinnen gibt." Manche anderen deutschen Mädels haben - wenn ich das so sagen darf - die Titten in die Kamera gehängt. Ich war angezogen bis zum Fußknöchel. Dazu kann ich Ihnen noch eine sehr schöne Geschichte erzählen.


Margitta Scherr
Karlheinz Vogelmann
Margitta Scherr

Viel mit dem Rucksack gereist

Ricore: Ja?

Scherr: Da muss ich etwas ausholen. Nach der Filmkarriere bin ich viel mit dem Rucksack gereist, nach Nord-, Mittel-, Südamerika und vor allem in den Fernen Osten.

Ricore: Mit Ihrem Mann?

Scherr: Mit meinem Mann bin ich in unseren gemeinsamen 16 Jahren ebenfalls viel gereist. Nach der Scheidung war ich 20 Jahre mit jemand anderem zusammen, mit dem ich das Reisen fortsetzte. Aber zurück zu der Playboy-Geschichte. Wir sind von Bangkok mit dem Bus nach Norden gefahren. Nach elf Stunden stiegen wir in einem winzigen Ort namens Fang aus. Da gab es neben ein paar Hütten eine Art Bar. Neben dem Kühlschrank und zwei Tischen hingen ein paar Fotos an der Wand. Ich stand davor und rief: "Das kann jetzt nicht wahr sein!" Da hing mein Playboy-Foto. Unglaublich. Meinen Partner hatte der Hafer gestochen. Er verriet den Thais in der Bar, dass ich diejenige sei, die mit ihrem Foto an der Wand hängt. Die Einheimischen waren ganz aufgeregt, liefen raus und erzählten es auf der Straße weiter.

Ricore: Das Bild ist weit gereist.

Scherr: Ja, ich war ja auch auf vielen anderen Titelbildern damals. Meine Filmkarriere lief eigentlich von alleine. Jetzt wollen Sie wahrscheinlich wissen, warum ich das aufgegeben habe.

Ricore: Ja, warum?

Scherr: Ich bin da so rein gerutscht. Das Filmen hatte auch viele Nachteile für mich. Meine Schulfreundinnen haben sich die Haare kurz geschnitten. Ich wollte das auch, durfte aber nicht, weil mein Aussehen laut meiner Mutter mein Kapital war. Das sah ich als Einschränkung meiner persönlichen Freiheit. Auch ging meine ganze Jugend hin - ich war ja immer in der Erwachsenenwelt und fiel quasi vom Kinderbett ins Ehebett. Ich habe meine Jugend später nachgeholt, aber nicht so, wie man vielleicht vermuten möchte, sondern eben mit meinen monatelangen Rucksackreisen in ferne Länder. Dort war ich unter vielen jugendlichen Backpackern, und so jugendlich fühlte ich mich ebenfalls.

Ricore: Wie kam es dann zu der Entscheidung, aufzuhören?

Scherr: Ich fragte mich: "Was steckt sonst noch in dir?" Ich hatte nie Gelegenheit, das festzustellen. Ich war Mitte 20, als ich die Entscheidung fällte, meinen Beruf an den Nagel zu hängen. Das hat meiner Mutter nicht so gut gefallen. Sie war sehr stolz darauf, eine relativ bekannte Schauspielerin als Tochter zu haben. Auch mein Mann war nicht so begeistert.


Margitta Scherr
Margitta Scherr
Margitta Scherr

Ich hörte auf dem Höhepunkt auf!

Ricore: Tatsächlich?

Scherr: Ja, ich habe ja auch gutes Geld verdient. Aber es war mein Leben. Manchmal muss man Entscheidungen treffen, auch wenn sie die Anderen nicht verstehen.

Ricore: Sie hörten ja auch zu einem Zeitpunkt auf, wo die Karriere gut lief...

Scherr: Genau. Ich hörte auf dem Höhepunkt auf.

Ricore: Gab es einen Knackpunkt?

Scherr: Meine Filmkarriere war eine schöne Zeit. Ich habe keinen Frust davongetragen. Auch bin ich viel herumgekommen und hatte mit interessanten Leuten zu tun. Ich musste nie um Rollen kämpfen. Eher das Gegenteil. Mir war das manchmal fast zuviel. Auch hatte ich einen kleinen Sohn zuhause, auf den meine Mutter aufgepasst hat. Da gab es folgende Situation: Der Kinderarzt war da und wollte meinem Sohn eine Spritze geben, meine Mutter und ich waren beide im Raum. Der Kleine rief: "Oma, Oma". Der Arzt sagte: "Aha, auch ein Omakind." Er hatte recht. Das war der Knackpunkt: das Kind hat nicht "Mama, Mama" gerufen, was eine Ohrfeige für mich war. Da fing ich an, nachzudenken.

Ricore: Wie ging es dann weiter?

Scherr: Nach diesem Erlebnis dauerte es noch ein wenig, aber nach "Salto Mortale" fiel die Entscheidung endgültig. Nach Beendigung der Schauspieler-Karriere konnte ich das verwirklichen, was ich schon immer wollte: Ich lernte Fremdsprachen und war zum ersten Mal in meinem Leben auf etwas stolz, weil ich es mir erarbeitet hatte: das jahrgangsbeste Diplom der Sprachenschule in Spanisch. Später habe ich noch ein Diplom in Englisch gemacht und Schwedisch gelernt. Auf Reisen lernte ich noch so viel Indonesisch, dass ich mich verständigen konnte. Die fragten mich in Sulawesi immer, wie viele Kinder ich denn hätte. Am Anfang sagte ich wahrheitsgemäß: "Eins". Da sagten die: "Oh, sind Sie krank?" Mein Partner hat dann gesagt, dass wir zwei Söhne und eine Tochter in Deutschland hätten. Das war dann ok für die Einheimischen. Später habe ich jahrelang als Pressebetreuerin für internationale Kinofilme gearbeitet, was mir viel Freude machte.

Ricore: Haben Sie noch Freunde aus der Filmzeit?

Scherr: Ich bin seit 50 Jahren mit meinem Filmbruder aus "Natürlich die Autofahrer", Arne Madin, befreundet, Er war damals vierzehn und ich fast sechzehn. Ich kenne seine Eltern und Geschwister und habe mit Arne, seiner Frau und Tochter mal eine Woche in deren Berliner Haus verbracht. Arne hat Mathematik, Physik und Informatik studiert und war dann Fachbereichsleiter Mathematik an einem Gymnasium. Er kam aus einer Künstlerfamilie und sagte: "Ich lerne etwas anderes." Auch jetzt im Ruhestand veranstaltet er noch Seminarwochen mit Hochschullehrern, um sich mit speziellen Themen der Mathematik zu beschäftigen. Wir telefonieren in unregelmäßigen Abständen. Er ist der Einzige, zu dem ich noch Kontakt habe, und das seit einem halben Jahrhundert.

Ricore: Was machen Sie heute am liebsten?

Scherr: Ich verwalte mein Vermögen (lacht). Nein. Ich habe keins, jedenfalls nicht so große Geldsummen, dass ich vor einem Banken-Crash zittern müsste. Ich würde sagen, ich genieße mein Leben, reise und fotografiere gerne. Auch lese und koche ich gerne, am liebsten die gesunden, mediterranen Rezepte, vor allem Italienisch.

Ricore: Vielen Dank dass Sie uns bei sich Zuhause empfangen haben und den hausgemachten Kuchen.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  6. Dezember 2016

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