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RETRO Feature
Maria Schell auf dem Cover der Gong 1954.
Gong

"Niemand weint so schön"

Traurig lächelnde Maria Schell

Maria Schell gehört mit Marlene Dietrich und Romy Schneider zu den wenigen deutschsprachigen Schauspielerinnen, für die das Etikett Weltstar gerechtfertigt ist. Die Karriere dieser Schauspielerinnen beginnt im deutschsprachigen Film - aber auch die restliche Welt kam nicht umhin, sich von ihren beruflichen Qualitäten, dem Zauber ihrer Wesen und dem Glanz ihrer Schönheit faszinieren zu lassen. Bereits als Jugendliche in vielen Filmen zu sehen, spielte sie schon bald an die Seite von zahlreichen Hollywoodgrößen
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  20. November 2018
Cover der Münchner Illustrierten
Münchner Illustrierte
Cover der Münchner Illustrierten

"Seelchen" der Nation

"Lächeln unter Tränen" ist ein Markenzeichen der Schell, das im Kino ihrer Zeit einzigartig bleibt. "Die Huldigung fasste intuitiv den Zauber, der von dieser Frau in ihren jungen Jahren ausging", schreibt die FAZ im April 2005 anlässlich des Todes der Schauspielerin. "Über ihrem Gesicht und ihrem Spiel lag ein Schimmer wie von Perlen, glitzernden Wellen - oder eben Tränen". Was so manchen ihrer Kolleginnen, allzu schwer fällt, und deshalb auch zu Mitteln wie Goldstaubpuder und Silberstift greifen, fällt der Schell leicht. Dies macht sie mit einer Natürlichkeit, die jeder ihrer Rollen glaubhaft erscheinen lassen. Dabei war es egal, ob sie, wie die FAZ berichtet, ein "Luder oder eine Keusche" verkörpert. Sie selbst betrachtet ihr Image eher mit Augenzwinkern und tut es gerne mit der selbstironischen Bemerkung ab: "Niemand weint so schön und schnell wie im Film Maria Schell."

Das Etikett des "Seelchen", das ihr von Schauspielkollege Oskar Werner aufgedrückt wird, gefällt ihr weniger. Vielleicht weil sie sich damit in eine Schublade gesteckt fühlt, die ihr gar nicht behagt: nämlich als Schauspielerin angesehen zu werden, die weniger durch ihr Spiel, als ihr äußeres Erscheinungsbild auffällt. Schließlich spielt Schell beileibe nicht nur Heilige, sondern auch Charaktere, die gar nicht dem Idealbild unserer Gesellschaft entsprechen, darunter eine Trinkerin und eine Kindsmörderin.


Maria Schell und Francois Perier in "Gervaise"
Münchner Illustrierte
Maria Schell und Francois Perier in "Gervaise"

Durchbruch beim Film

Vor ihrer Schauspielkarriere greift der Nationalsozialismus schicksalhaft in das Leben der Schell ein. Sie ist gerade zwölf, als das Deutsche Reich im Jahr 1938 Österreich annektiert. Ihre Familie entscheidet sich für die Flucht in die Schweiz. Marias Vater, der Schweizer Schriftsteller Hermann Ferdinand Schell, ist den Nationalsozialisten gegenüber kritisch eingestellt. Hier trennt sich die Familie vorübergehend und Maria wird auf eine Klosterschule im elsässischen Colmar geschickt. Die Schule beendet sie regulär mit 14 Jahren und beginnt anschließend mit einer kaufmännischen Ausbildung. Diese führt sie nicht zu Ende, weil ihr die Filmkarriere dazwischen kommt. Als Sechzehnjährige feiert sie ihr Debüt in der Schweizer Produktion "Steibruch". Vor ihrem Durchbruch 1948 in Karl Hartls "Der Engel mit der Posaune" absolviert sie eine dreimonatige Schauspielausbildung. Schell nimmt die Schauspielerei sehr ernst, sie möchte eine fundierte Ausbildung als Grundlage und nicht als begünstigte Tochter einer Künstlerfamilie - Vater Hermann ist wie gesagt Schriftsteller, Mutter Margarete Schell Noé Schauspielerin - gelten. Es folgen Engagements an Theatern in Zürich, Bern und Wien, wo sie ab 1947 spielt.


Gutgelaunte Kollegen: Maria Schell und Glenn Ford
Film Revue
Gutgelaunte Kollegen: Maria Schell und Glenn Ford

Einmal England und zurück

Ihr Auftritt "Der Engel mit der Posaune" beschert ihr die Aufmerksamkeit des englischen Regisseurs und Produzenten Sir Alexander Korda. Er holt sie nach England, wo er mit ihr die englische Fassung des Films dreht ("The Angel with the Trumpet"). Nach weiteren Filmen auf der Insel ("Der wunderbare Flimmerkasten", "Wenn das Herz spricht") kehrt Schell nach Deutschland zurück, wo sie in Rudolf Jugerts Liebesdrama "Es kommt ein Tag" besetzt wird und zur beliebtesten Schauspielerin Deutschlands avanciert. Auch "Dr. Holl" mit Dieter Borsche, mit dem sie das Traumpaar der fünfziger Jahre bildet, sowie "Der träumende Mund" und "Solange du da bist", beide mit Frauenschwarm O.W. Fischer, untermauern ihre Popularität und vertiefen ihr Image als "Seelchen" der Nation.


Maria Schell (in "Meine Schwester Maria")
Angel Falls Film
Maria Schell (in "Meine Schwester Maria")

Die letzte Brücke

Den internationalen Durchbruch schafft Schell 1954 mit Helmut Käutners "Die letzte Brücke". Darin spielte sie eine deutsche Ärztin, die keine Grenzen kennt, wenn es um die Behandlung der Verletzten geht, am Ende dennoch vom Krieg aufgerieben wird. Ihre glänzende Darstellung beschert ihr einen Sonderpreis in Cannes, während ihr Partner Bernhard Wicki durch Käutners Werk zu seinem Meisterwerk "Die Brücke" inspiriert wird. Ihr Auftritt ebnet Schell den Weg nach Hollywood. Zwei Weltliteratur-Verfilmungen heben sich aus ihren amerikanischen Produktionen hervor. Zum einen die Rolle der Gruschenka in der Fjodor Michailowitsch Dostojewski-Verfilmung "Die Brüder Karamasov" sowie die Ernest Hemingway-Adaption "Wem die Stunde schlägt" (Episode von "Playhouse 90") für das amerikanischer Fernsehen. Romantiker halten Schell für die Idealbesetzung, während die Kritik sie immerhin als "faszinierendes Rätsel" feiert.


Eine strahlende Maria Schell.
Starrevue
Eine strahlende Maria Schell.

Künstlerische Erfolge

Auch Frankreich ist von Schell fasziniert. In der Émile Zola -Verfilmung "Gervaise" von René Clément ist sie eine Wäscherin, die aufgrund der wiederkehrenden Misshandlungen durch ihren Ehemann zur Trinkerin wird. Hiermit geht sie zudem erfolgreich gegen das "Seelchen"-Image an. Auch in England dreht sie wieder. Mit Trevor Howard in "Das Herz aller Dinge" nach Graham Greenes Roman spielt sie "bestrickend verhalten ", so der FAZ-Kritiker. Trotz zahlreicher künstlerischer Erfolge, wie Robert Siodmaks "Die Ratten" 1955 in Deutschland, Luchino Viscontis "Weiße Nächte" 1957 in Italien und Claude Chabrols "Die verrückten Reichen" 1976 in Frankreich wird es um die Schell stiller. Auch im Theater wird ihr die Anerkennung vom Publikum jetzt verweigert. Mehr noch: Gerade auf der Bühne erfährt Maria ihre größten Enttäuschungen, wird in der Branche als Filmschauspielerin abgetan, die sich anmaße, Theater zu spielen. Dabei vergessen die meisten offenbar, dass sie ihre Karriere im Theater begonnen hatte und als Luise in Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" euphorisch umjubelt wurde.

Zwar triumphiert sie im Theater noch einmal in Pavel Kohouts "Armer Mörder". Private Krisen und einsetzende Depressionen verstärken jedoch den Niedergang. In den 1980er Jahren ist Maria vorwiegend in TV-Produktionen zu sehen. Von 1987 bis 1991 ist sie etwa der Star der ARD-Familienserie "Die glückliche Familie". Ihren letzten Auftritt hat die Schauspielerin in der Dokumentation "Meine Schwester Maria" von Maximilian Schell, die sie selbst produziert. Darin zeichnet ihr Bruder ein liebevolles und doch distanziertes Bild einer Frau, die große Erfolge erlebt hat, der aber auch große berufliche und private Enttäuschungen nicht erspart geblieben sind. Es ist das Porträt einer großen Schauspielerin, "die sich an Kunst und Leben wund gescheuert hatte und längst in einer Traumwelt lebte, in der Depressionen sie immer wieder zwischen stumpfer Trauer und lichten Glücksmomenten schweben ließen" (FAZ).
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  20. November 2018

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