Buena Vista International
Gore Verbinski mit Geoffrey Rush am Set von: Der Fluch der Karibik
Verbinski über kleine Filme und große Studios
Interview: Die Piraten kehren zurück!
An Mut scheint es Regisseur Gore Verbinski ("The Ring") nicht zu fehlen: Zusammen mit dem Erfolgsproduzenten Jerry Bruckheimer ("Pearl Harbor") enterte er das bisher erfolgslose Piraten-Genre - und schaffte das schier Unmögliche: "Der Fluch der Karibik" segelt derzeit mit voller Fahrt an der Spitze der amerikanischen Kinocharts. Mit an Bord: Geoffrey Rush, Orlando Bloom und allen voran Johnny Depp als leicht exzentrischer Pirat. Wir trafen den "Kapitän" zum Interview.
erschienen am 27. 08. 2003
Buena Vista
Gore Verbinski am Set von: Der Fluch der Karibik
Frage: Mr. Verbinski, Piratenfilme waren in den letzten Jahrzehnten nicht gerade Publikumsrenner...

Gore Verbinski: Ich bin trotzdem ein großer Fan dieses Genres und musste deshalb diese seltene Möglichkeit einfach nutzen. Was hatte ich zu verlieren? Im Fall eines Flops wollte ich wenigstens richtig auf die Schnauze fallen. Mit einem großen Knall abtreten. Diese Gefahr bestand durchaus, denn das Piratenfilm-Genre ist in Amerika eigentlich nicht mehr existent.

Frage: Woran liegt das?


Verbinski: Keine Ahnung. Ich kenne alle Piratenfilme der letzten zwanzig Jahre und kann trotzdem keine triftigen Gründe nennen. Maßgeblich für mich ist aber nach wie vor eine gute Story - ganz gleich für welches Genre.

Frage: Bei "Der Fluch der Karibik" ließen Sie zahlreiche Horrorelemente in die Story mit einfließen. Liegt darin vielleicht das Geheimnis des Erfolgs?


Verbinski: Für mich war das eine Art Sicherheitsanker. Ich musste den Geldgebern das Gefühl geben, dass ich neue Elemente in ein an sich erfolgloses Genre einbringe. Nach den ersten Vorführungen merkte ich aber, dass nicht die Horrorelemente das Publikum begeisterten, sondern in erster Linie Johnny Depp alias Jack Sparrow. Ohne ihn und seine Interpretation der Rolle wäre derselbe Film ein Desaster geworden. Glauben Sie mir.
The Walt Disney Company (Germany)
Set von: Der Fluch der Karibik (2003)
Frage: Wann und wie entstand denn diese eigentümliche Darstellung von Johnny Depps Piratenfigur? Erst am Set oder bereits bei der Drehbuchentwicklung?

Verbinski: Die ersten Vorschläge kamen natürlich von Jerry Bruckheimer, dem Produzenten. Damals gab es aber noch kein richtiges Skript. Dann kamen die ersten Drehbuchseiten und mit ihnen entwickelte sich Johnnys Rolle: Jack Sparrow hat etwas von jemandem, der seinen eigenen Mythos propagiert und einer alten Frau Geld stehlen kann, ohne dadurch an Sympathie zu verlieren. Orlando Blooms Rolle stand dagegen das Ernsthafte und Ehrliche - und befreite Jack Sparrow von dieser Bürde.

Frage: Jack Sparrow führt sich im Film irgendwie wie ein bekiffter Rock Star auf...


Verbinski: Johnny ist ein guter Freund von Keith Richards und modellierte die Rolle ein wenig nach seinem Typ. Die Mischung von Piraterie, Rock n Roll und Rebellion erwies sich als wahrer Glücksgriff.

Frage: Bestand nicht die Gefahr, dass Depp das Ganz etwas übertreibt?


Verbinski: Die anderen Rollen sind wie gesagt sehr gemäßigt, sehr traditionell angelegt. Das gab uns die Möglichkeit, Johnnys Rolle als eine Art Experiment zu sehen, wie weit man wirklich gehen kann.

Frage: Was hielten die Geldgeber von solchen Experimenten? Allgemein ist man in Hollywood und insbesondere bei Disney doch eher risikoscheu.


Verbinski: Jerry Bruckheimer und das Studio waren ziemlich nervös und wussten nicht, ob dieser übertriebene Stil am Ende funktionieren würde. Also ging ich ein paar Kompromisse ein, entfernte den einen oder anderen Goldzahn und erklärte wieder und wieder, dass der Stil des restlichen Films einen ganz guten Ausgleich darstellen würde.
The Walt Disney Company (Germany)
Szene aus: Der Fluch der Karibik (2003)


Frage: Waren diese Verhandlungen nicht sehr mühselig? Soweit wir wissen, gab es auch heftige Diskussionen um die Altersfreigabe. Und siehe da: Entgegen der ursprünglichen Planungen ist der Film in den USA nun erst ab dreizehn Jahren freigegeben.


Verbinski: Klar, die Vorgabe war anders, aber meine oberste Priorität ist nun einmal, gute Arbeit abzuliefern. Und dafür brauche ich genügend Freiraum. Jerry akzeptierte diese Entscheidung und fungierte als vermittelndes Bindeglied zum Studio. Und, mal ehrlich: Der Film ist vielleicht nichts für Fünfjährige, aber die Freigabe ab dreizehn Jahren finde ich doch etwas übertrieben. An neun Jahren wäre fair gewesen - aber dieses Rating gibt es bei uns leider nicht.

Frage: Sind Sie mit dem Film im Nachhinein vollauf zufrieden?


Verbinski: Voll und ganz. Die Story hat zwar keinen Tiefgang, aber das war auch nie geplant. Wir wollten gute Unterhaltung liefern - und das haben wir geschafft.

Frage: Das Publikum denkt offenbar genauso. Und nach dem riesigen Erfolg in Amerika plant das Studio nun schon die Fortsetzung.


Verbinski: Ich will zuerst das Drehbuch lesen. Fortsetzungen sind oft eine heikle Angelegenheit: Die Studios wollen den Heißhunger nach einem zweiten Teil stillen, und zwar möglichst schnell. Trotzdem darf man dabei nicht vergessen, dass man erst einmal einen guten zweiten Gang kochen muss. Kein noch so großer Hunger rettet ein schlechtes Sequel vor dem Untergang. Momentan freue ich mich einfach über die positive Resonanz, auf die der erste Teil gestoßen ist. Ich bin wirklich überrascht. Wir haben es geschafft, uns von den herkömmlichen Sommerfilmen abzuheben.
Buena Vista International
Orlando Bloom in "Fluch der Karibik" (2003)


Frage: Erleben wir mit "Der Fluch der Karibik" womöglich eine Renaissance des Piraten-Genres?


Verbinski: Weiß ich nicht. Klar ist, dass seit dem Erfolg von "Gladiator" epische Filme wie "Troja" oder "King Arthur" wieder schwer im Kommen sind. Obwohl das Genre seit Jahrzehnten existiert, hält es das Publikum trotzdem für neu. Der Grund? Lange wurde kein derartiger Film mehr gedreht.

Frage: Wie kamen Sie eigentlich mit den typischen Problemen zu Recht, die ein Dreh im Wasser mit sich bringt?


Verbinski: Alle Horrorgeschichten, die man über Wasserdrehs hört, sind definitiv wahr. Nichts bleibt dort, wo es platziert wird. Jedes Detail wird zum Problem. Deshalb haben wir sehr viel mit Computereffekten gearbeitet und Dinge wie einen störenden Öltanker am Horizont im Nachhinein wegretuschiert. Das war am Ende billiger als mit unserer ganzen Crew darauf zu warten, dass er von selber aus dem Bildausschnitt verschwindet.

Frage: Gedreht wurde unter anderem auf der Insel St. Vincent, wo sehr viel Hanf angebaut wird. Hatten Sie dort eine schöne Zeit?


Verbinski: Oh, St. Vincent ist berühmt für seine reiche Ernte. Was das Team gemacht hat, weiß ich natürlich nicht. (lacht) Ich zumindest hatte eine großartige Zeit - allerdings eher wegen der schönen Landschaft.

Frage: Haben Sie schon ein neues Projekt im Auge?


Verbinski: Als nächstes drehe ich sicher wieder einen kleineren Film. Jerry Bruckheimer stellt dir zwar einen riesigen Sandkasten mit unendlich viel Spielzeug zur Verfügung, beschafft ohne weiteres Schiffe, Helikopter und Kräne. Aber ich als Regisseur hatte dabei manchmal das Gefühl, nur noch wie ein Polizist den Verkehr zu regeln. Deswegen suche ich momentan nach einer kleinen, aber feinen Story, bevor ich mich wieder an etwas Aufwändiges wage.

Frage: Schon konkrete Pläne?


Verbinski: Ich rede gerade mit Nic Cage über ein Projekt namens "Weatherman". Eine emotionale Story über Familie und Midlife Crisis. Mal sehen, was daraus wird.
erschienen am 27. August 2003
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2023