Jean-François Martin/Ricore Text
Julianne Moore
Blinder Fernando Meirelles
Interview: Cannes war nicht begeistert
"Die Stadt der Blinden" war der sehnlichst erwartete Eröffnungsfilm bei den Filmfestspielen von Cannes 2008. Kritiker und Publikum reagierten auf die Premiere dann aber sehr zurückhaltend. Dabei vereinte der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles hochkarätige Schauspieler wie Julianne Moore, Mark Ruffalo und Danny Glover, die auch bei der Premiere an der Côte d'Azur anwesend waren. Im Interview sprechen sie über ihre Erfahrungen am Set und über das unheimliche Thema, das dem Film zugrunde liegt. Ebenfalls am Gespräch beteiligt ist Drehbuchautor Don McKellar.
erschienen am 18. Oktober 2008
Jean-François Martin/Ricore Text
Fernando Meirelles


Ricore: Der Tsunami 2003, Hurrikan Katrina 2005, die Hungernöte auf der Welt - täglich liest kann man über Katastrophen in den Zeitungen. Was bewegte Sie - als Regisseur und Drehbuchautor - gerade dieses Thema anzupacken?

Fernando Meirelles: Es faszinierte mich. Ich habe lange versucht, die Rechte für das Buch zu bekommen. Der Autor meinte jedoch, dass eine Verfilmung die Vorstellungen der Menschen zerstören würde. Als ich zum ersten Mal das Buch las, war es die Zerbrechlichkeit der Zivilisation, die mich so faszinierte. Wir betrachten uns selbst als weltoffen, solide und stark. Und dann passiert eine Sache und alles bricht zusammen. Alles kann passieren - das ist es, was mich beeindruckte.

Don McKellar: Genau so denke ich. Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, schien es mir wie eine Zusammenfassung der tragischen Ereignisse auf der Welt im letzten Jahrhundert. Es schien mir zeitgemäß, das denke ich auch heute noch. Die Aussage des Buches ist nach wie vor aktuell und wird es noch für lange Zeit sein.
Jean-François Martin/Ricore Text
Julianne Moore
Ricore: Wie war die Zusammenarbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen?

Meirelles: Wir sind sehr glücklich, dass die Chemie zwischen uns allen so gut funktionierte. Die Stimmung zwischen Produzenten und den Schauspielern war gut, wir hatten keinen einzigen Streit. Das ist ein unabhängiger Film, vielleicht hat deshalb alles reibungslos funktioniert. Das wird für immer mein Vorbild sein - hoffe ich zumindest.

Ricore: Frau Moore, Konnten Sie sich mit Ihrer Figur identifizieren?

Julianne Moore: Ich möchte wiederholen, das Fernando sagte. Es war eine bewundernswert einfache Produktion. Wir waren sehr abhängig voneinander. Das war auch der Grund, warum wir es so genossen haben. Und wir machten Witze darüber. Wir waren immer zusammen und hatten eine großartige Zeit. Wir haben viel gelacht, genossen unsere Gesellschaft, haben zusammen zu Mittag gegessen. Darum geht es auch im Film.

Meirelles: Sobald du das Drehbuch in den Händen hast, und einen Blick reingeworfen hast, weißt du sofort, ob du ein Teil dieses Films bist, oder nicht.
Kinowelt
Die Stadt der Blinden
Ricore: Wer von Ihnen war schon mit dem Buch vertraut?

Mark Ruffalo: Ich habe oft gehört, das jemand das Buch verfilmen will. Ich war wirklich sehr überrascht, als ich eingeladen wurde, diese Rolle zu spielen. Ich war sehr aufgeregt, denn es war eine große Chance für mich. Der Anruf kam sehr überraschend für mich.

Moore: Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen. Ich hatte damals noch keine Ahnung, dass ich einmal in einer Verfilmung mitspielen werde. Vor den Dreharbeiten habe ich noch mal gelesen. Ich liebe das Buch.

Ricore: Herr Meirelles, fühlten Sie sich nicht unter Druck, da der Film Cannes eröffnete?

Meirelles: Ja, es war ein ziemlich großer Druck. Aber gleichzeitig war es auch eine große Ehre. Und um ehrlich zu sein, glaube ich, es ist das Tollste, ein Festival zu eröffnen. Darf ich das denn überhaupt sagen? Es ist ein schöner Film.

Ricore: Frau Moore, ist dieser Film ein weiterer Schritt in ihrer Karriere?

Moore: Fernando ist ein außergewöhnlicher Filmemacher. Die Cannes Filmfestspiele sind ein Festival, um Filmemacher zu feiern. Es ist schön, an einem Platz zu sein, wo dies so wichtig ist. Es ist eine große Ehre für mich, hier zu sein - und vor allem, hier mit Fernando zu sein. Ich hatte noch nicht mal das Drehbuch gelesen, als mein Agent sagte: "Ich glaube, du wirst ein Angebot bekommen." Und ich sagte: "Mach keine Witze mit mir! Und dann wollte ich gar nicht darüber reden, weil ich so aufgeregt war."
erschienen am 18. Oktober 2008
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2022