Jean-François Martin/Ricore Text
Arnaud Desplechin
Warum Kino bessere Menschen macht
Interview: Desplechins Drama-Komödie
Arnaud Desplechin tritt in Cannes 2008 mit dem Familienfilm "Un conte de Noël" im Wettbewerb an. Im Zentrum steht das Ehepaar Junon (Catherine Deneuve) und Abel (Jean-Paul Roussillon). Sie trauern um den Tod ihres geliebten Sohnes. Im Gespräch berichten Desplechin, Catherine Deneuve, Mathieu Amalric und Choreograph Melvil Poupaud über ihre Erfahrungen beim Dreh des bewegenden Dramas.
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Mathieu Amalric
Filmreporter.de: Zuerst eine Frage an den Regisseur: Könnte der Film rein inhaltlich nicht denselben Titel wie ihr Debüt "La Vie des morts" tragen?

Arnaud Desplechin: "Un conte de Noël" ist leichter. Aber es gibt schon Ähnlichkeiten in der Struktur. Es ist die Geschichte von einem Haus, einer Familie. Es ist alles in sich abgeschlossen, alle Schauspieler sind am selben Ort eingeschlossen.

Filmreporter.de: "Un conte de Noël" ist eine Dokumentation und eine Art Autobiografie. Haben Filmemacher einen moralischen Code, was sie aus ihrem privaten Leben verwenden? Oder sollte man vollkommen frei sein und das machen, was für die Geschichte wichtig ist?

Desplechin: Das ist die Spezifität von französischen Filmen und ich finde das lustig. Ich mache dasselbe wie Schauspieler. Ich denke an die erste Szene mit Abel: Wir haben ein bisschen von Friedrich Nitzsche und William Shakespeare genommen. Und dann musst du zusehen, dass du es spielen kannst - eher fremdartig als persönlich. Vielleicht ist das der Effekt, den sie meinen, die Schamlosigkeit. Ich versuche, einer der Schauspieler zu sein. Und ich will etwas machen, das einzigartig ist, etwas Spezielles.
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Catherine Deneuve (Cannes 2008)
Filmreporter.de: Es gibt eine Szene in einem Club, in der Ivan Musik macht. Wie haben sie es als Regisseur und Choreograf geschafft, dieses Ensemble zusammen zu bringen?

Desplechin: Vielleicht kann Melvil die Frage besser beantworten als ich. Jeder Schauspieler trägt seinen eigenen Teil dazu bei. Einer muss Mathematik lernen, einer lernt zu trinken. Und Ivan lernte zu musizieren. Er ist wundervoll, und ein besserer Musiker als ich.

Melvil Poupaud: Ich habe mit einem professionellen DJ gearbeitet, er ist einer der Weltmeister im Dejaying. Arnaud hat ihn mir empfohlen und er hat mir die Bewegungen gezeigt. Und als DJ musst du die linke Hand von deiner Rechten trennen. Als Schlagzeuger war das echt schwierig. Auch Arnaud probierte es, er war besser als ich. Der DJ kam zum Set, nahm an der Gestaltung teil, scratchte hier und da, machte rhythmische Musik, manchmal auch Visuals. Ich hab mehr oder weniger nur Playback gemacht. So hat es dann funktioniert. Ich verstehe jetzt auch, warum DJ's soviel Ecstasy nehmen. Du musst nämlich extrem konzentriert sein, was du gerade machst.

Filmreporter.de: Ist Kunst ein operierendes Feld?

Desplechin: Wenn ich Filme mache, dann schaue ich, wie Dinge funktionieren. Ich versuche, mir Dinge anzueignen und zu verstehen. Ich analysiere sie. Ich gehe grundsätzlich gerne ins Kino. Dort bin ich Beobachter - mehr als alles andere. Ich gehe ins Kino um besser zu leben - um ein besseres Leben zu führen. Was ich auf der Kinoleinwand sehe, ist besser arrangiert als im Leben. Alles ist besser, es ist interessanter, es ist heftiger. Es kommt und geht am Bildschirm, bevor es im wirklichen Leben existieren kann. Und ich bin glücklich im Kino, auf beiden Seiten des Bildschirms ist es wundervoll für mich. Ich mag es, so zu leben.
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Catherine Deneuve
Filmreporter.de: Frau Deneuve und Herr Amalric: Ihre gemeinsame Szene ist sehr schön und kraftvoll, in der Sie sich ihre nicht vorhandene Liebe eingestehen. Glauben sie, dass die Aufrichtigkeit der Charakter bei dem Publikum ankommen wird?

Mathieu Amalric: Die Szene ist sehr komplex. Das wichtigste an dieser Szene ist die Zigarette. Sie raucht. Und die Idee die Arnaud hatte war, die Zigarette nicht mit dem Feuerzeug sondern mit der Zigarette der Mutter anzuzünden. Wie in einem alten Western mit zwei Cowboys. Und so werden sie zu Helden. Es verändert sich etwas. Und das ist was Catherine wahrscheinlich sagen will: Es ist eine wechselseitige Beziehung. Da ist nicht nur jemand, der von seiner Mutter unterdrückt wird. Die Mutter zeigt, dass sie nicht liebt, und der Gegenüber sagt ebenfalls: "Ich liebe dich nicht."

Catherine Deneuve: Ich denke, die Mutterfigur ist glaubhaft, wenn sie das sagt. Aber es ist nicht immer realistisch. Es ist nur oberflächliche Realität. Nur eine oberflächliche Mitteilung, die sie im Moment machen will. Tatsächlich ist es nicht ein Mangel an Liebe, ich glaube, es sollte eher eine amüsante Szene sein. Es ist Tabu, den eigenen Kindern zu sagen, dass du sie nicht liebst. Weil wir dazu verpflichtet sind, unsere Kinder von Geburt an zu lieben. Die Liebe zum Ehemann ist sehr stark. Die Kinder, die in die Ehe hineingeboren werden, haben es schwer, ihren Platz zu finden. Die Eltern sind verliebt und die Kinder sind ausgeschlossen.

Filmreporter.de: Sie waren auch letztes Jahr hier - dieses Jahr mit einem jüngeren Regisseur?

Deneuve: Sie haben recht. Die Regisseure werden immer jünger. Es sind viele junge Regisseure hier. Aber ich werde älter und die Kluft zwischen uns wird natürlich größer. Darauf wurde ich schon des Öfteren angesprochen. Ich arbeite gerne mit jüngeren Regisseuren zusammen. Ich bin ein neugieriger Mensch und das ist auch eine grundsätzliche Eigenschaft meines Charakters.

Filmreporter.de: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Barbara Mayr/Filmreporter.de,  21. Mai 2008
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2021