Interview
Ann-Catherin Karg/Ricore Text
Maximilian Brückner
"Ich bin nicht so intelligent"
Maximilian Brückner im Glück
Maximilian Brückner ist ein Mensch, der sich alles offen lässt. Obwohl er gerne Medizin studiert hätte, geht es ihm mit der Schauspielerei richtig gut. In "Selbstgespräche" spielt der Bayer die Rolle eines Möchtegern-Showmasters. Die Dreharbeiten mit Regisseur André Erkau haben ihm viel Spaß gemacht. Auch wenn laut seinen Erzählungen eine Gott-erbärmliche Szene dabei war. Der gut gelaunte 29-Jährige berichtet uns in einem sehr netten Gespräch seine Erfahrungen während der Dreharbeiten und erzählt, warum er nie aus Rosenheim weg will.
Von  Ann-Catherin Karg/Filmreporter.de,  26. Juli 2008
Filmlichter
Selbstgespräche
Filmreporter.de: Sascha Wegemann hat in "Selbstgespräche" einen Job, der ihm nicht wirklich gefällt. Sind Sie selbst einmal einer Arbeit nachgegangen, welche Sie nur aus der Not heraus gemacht haben?

Maximilian Brückner: Nebenjobs habe ich immer gemacht. Ich habe viel am Bau gearbeitet. Damit war ich immer sehr glücklich. Bei körperlicher Arbeit fühlt man sich einfach wohl. Man weiß abends, was man getan hat und ist wohlig müde. Ich habe aber manchmal Probleme mit dem Job, den ich jetzt ausübe. Ich denke schon manchmal an etwas anderes. Das Schauspielern ist nicht so greifbar. Man dreht den ganzen Tag und liegt am Abend fix und fertig im Bett. Dabei weiß man gar nicht genau warum. Als Bauarbeiter schleppe ich den ganzen Tag etwas durch die Gegend und sehe ein Ergebnis. Beim Film sieht man das erst später, wenn man schon wieder drei andere Sachen dazwischen gemacht hat. Man beschäftigt sich mit Dingen, die dann schon wieder vorbei sind. Dreharbeiten sind nicht greifbar. Man muss sich auch immer auf Andere verlassen. Zwar hat man selbst auch ein Gefühl dafür, aber das täuscht auch manchmal.

Filmreporter.de: Überlegen Sie öfter, etwas anderes zu machen?

Brückner: Ja, klar. Mich interessieren viele andere Sachen. Aber im Moment läuft alles super.

Filmreporter.de: Sie wollten eigentlich Medizin studieren. Ist das eine mögliche Berufsalternative?

Brückner: In das Medizin-Studium müsste man sich sehr hineinknien. Das würde nicht nebenbei gehen. Eine Kollegin, Christiane Paul, hat es geschafft. Ich ziehe meinen Hut davor. Ich bin nicht so intelligent, dass ich das Studium nebenbei machen könnte. Aber andere Sachen interessieren mich immer. Gelegentlich arbeite ich auch nebenbei. Zum Beispiel bei Freunden, die einen Betrieb haben.
Selbstgespräche
Maximilian Brückner in "Selbstgespräche"
Filmreporter.de: Wie wichtig ist der ausgeübte Beruf für das Glücklich-Sein?

Brückner: Ich glaube, es macht viel aus. Weil der Beruf einen großen Teil unseres Lebens und unserer Zeit in Anspruch nimmt. Wenn man sich nicht wohlfühlt, dann kann das Leben ziemlich Scheiße werden. Noch dazu, wenn es Zuhause Probleme gibt. Deswegen ist der Beruf sehr wichtig. Das Tolle ist, man fängt mit einem Studium an und endet dann bei etwas anderem, an das man vielleicht nie gedacht hat. Das ist das Tolle am Leben und diese Offenheit muss man behalten. Man darf nicht sagen "Ich habe das studiert und muss das jetzt machen". Ich kenne Leute, die haben Jura studiert, dann einen Hof gekauft und und dort behinderte Leute aufgenommen. Die machen gutes Geld damit. Es kann einen überall hin verschlagen. Ich glaube, man muss offen bleiben und auf der Suche sein.

Filmreporter.de: Ist Ihnen Sascha Wegemann sympathisch?

Brückner: In manchen Dingen schon, in manchen nicht. Ich mag es, dass dieser Typ nicht aufgibt. Er rennt immer wieder gegen die Wand. Für ihn ist das aber nicht so schlimm, er hat alles im Griff. Das ist bewundernswert. Was im gleichen Maße schade ist, dass er sich nicht eingesteht, wie es wirklich aussieht. Er hat keine Selbstreflektion und verdrängt alles. Deswegen führt er sich manchmal wie ein Arsch auf. Was mir noch gefällt, ist die Energie, die er hat. Er macht immer den Großen, hat aber nichts in der Hose. Aber ich mag solche Leute. Die sind mir sympathisch.

Filmreporter.de: Gibt es Parallelen zu Ihnen?

Brückner: Es gibt überall Parallelen. Aber ich gehe nie an Rollen heran, indem ich mich frage: "Was haben wir gemeinsam?" Sondern ich habe ein Gefühl für die Rolle und denke mir: "Okay, so kann man das machen, so würde er sich ausdrücken, bewegen und reden." Aber wir haben schon Gemeinsamkeiten. Ich überschätze mich auch manchmal. Aber das tut jeder irgendwie. Es kommt immer auf das Maß an.

Filmreporter.de: Worin haben Sie sich denn schon einmal überschätzt?

Brückner: Beim Theaterspielen zum Beispiel. Da muss man sich heranarbeiten. Bei Rollen, die für einen selbst fünf Schuhnummern zu groß sind, muss man sehen, dass man irgendwie reinpasst. Ich glaube, dass man sich schnell überschätzt, wenn man am Anfang steht. Mittlerweile mache ich viel weniger. Wenn eine Zeit nichts kommt, dann kommt halt nichts. Aber es ist wichtig in diesem Beruf, dass man lange drin bleibt und dabei sein Gesicht auch ein bisschen schont. Man muss nicht alles machen. Das war immer mein Ziel, mich auch zurückzuhalten. Man muss auf eine lange Sicht planen, wenn man auch die nächsten 30 Jahre im Geschäft bleiben will.
Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Maximilian Brückner auf dem "Filmfest München 2008"
Filmreporter.de: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Filme aus?

Brückner: Es ist ein wahnsinniges Privileg, etwas aussuchen zu können. Dessen bin ich mir bewusst. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es auch Projekte gibt, die ich nicht mache. Noch geht das. Das sage ich jetzt als Junggeselle, der noch keine Familie und noch keine großen Rechnungen zu begleichen hat. Danach sieht es anders aus, da gibt es eine andere Wertestufe. Es gibt Drehbücher, die liest man und findet man gut. Es ist gut geschrieben und man will es machen. Gott sei dank war es die letzten zwei Jahre so. Das Drehbuch zu "Selbstgespräche" war super, und auch das zu "Räuber Kneißl". Das waren super Rollen, alle sehr unterschiedlich. "Kirschblüten - Hanami" war ebenfalls toll. Man bekommt auch viel Schrott, aber das ist überall so. Ich lese ganz gerne. Man merkt sofort, ob jemand Schreiben kann. Bei André Erkau (Drehbuchautor und Regisseur von "Selbstgespräche") war das so.

Filmreporter.de: Woran erkennen Sie das?

Brückner: Er hat an diesem Thema mehrere Jahre geschrieben. Er hatte viel Spaß dabei, den Film zu machen. Als ich den Film gesehen habe, war ich überrascht. Die Farbtechnik war von Anfang an durchdacht, auch die Kameraeinstellungen - und alles unterstützt den Film. Ein Film ist ein Gesamtwerk. Dieser hier ist sehr stimmig. Ich mag ihn gerne, weil es eine charmante, tragisch-komische Geschichte von verschiedenen Leuten ist. Sie wird mit viel Feingefühl erzählt. Sie setzt nicht auf Klamauk, obwohl es komisch gespielt wird. August Zirner ist ein grandioser Schauspieler. Er war super am Set. Er ist noch Kind geblieben.

Filmreporter.de: Gibt es eine lustige Anekdote mit August Zirner bei den Dreharbeiten?

Brückner: Einmal saßen wir hinter der Bühne und er hat vorgemacht, wie sich Kinder bei der Fernseh-Nanny aufführen. Er ist auf dem Bett herum gehüpft und wir saßen da und dachten: "Das gibt es ja gar nicht". Er ist super, und man merkt, dass er von der Bühne kommt. Er hat eine gute, schräge und lustige Fantasie.
Filmlichter
Maximilian Brückner bei der Arbeit in "Selbstgespräche"
Filmreporter.de: "Selbstgespräche" gefällt Ihnen also?

Brückner: Ja, ich stehe hinter dem Projekt. Es ist für mich zweitrangig, ob der Film groß ankommt oder nicht. Natürlich freue ich mich, wenn er erfolgreich ist. Ich bin stolz auf den Film. Ich hatte letztes Jahr sehr viel Glück mit meinen Rollen. Diesen aufgedrehten Möchtegern-Showmaster und diesen Rebellen in "Räuber Kneißl". Jedes Mal hatte ich ein anderes Äußeres. Das macht Spaß. Man muss sich jedoch im Klaren sein, dass dies nicht jedes Jahr so sein wird. Es wird auch mal zwei Jahre ruhig sein. Was nicht heißen muss, dass man schlecht geworden ist. Für manche ist es dann psychisch viel härter als finanziell. Deswegen sollte man sich auch immer was Zweites offenhalten.

Filmreporter.de: Was ist die schlimmste Szene, die Sie je gedreht haben?

Brückner: Die Sex-Szene im Film war schon ein bisschen unangenehm. Weil es so erbärmlich war. Es war so Gott-erbärmlich, finde ich. Es ist unangenehm, weil du so eine Intimität spielen musst. Man kennt sein Gegenüber ja noch nicht lange. Aber wenn das passt, dann zeigt man den Hintern auch gerne her. Gefährlich wird es dann, wenn es wirklich eine Show oder eine Masche sein soll, hinter der sich ein Regisseur, dem nichts eingefallen ist, versteckt. So etwas finde ich schade. Es war schon ein bisschen unangenehm - aber ich bin halt etwas schüchtern.

Filmreporter.de: Warum drehen Sie so gerne mit Marcus H. Rosenmüller? Weil Sie dann in Ihrem Dialekt spielen können?

Brückner: Ja, klar. Wenn jetzt ein Berliner mit einem Berliner Regisseur dreht, freuen sie sich auch. Und ich mag grundsätzlich Dialekte. Ich mag den Berliner total gerne, weil er so eine freche Schnauze hat. Das ist anders als im Bayrischen. Du kannst mit wenigen Worten viel sagen. Im Dialekt steckt viel drinnen. Du kannst in hochdeutsch zehn Seiten schreiben, das kriegst du im Dialekt in zwei Sätzen hin. Du kannst sehr viel in ein Wort packen."Passt scho" - das hat viele Bedeutungen, das kann alles heißen. Das kann heißen "Ich liebe dich" oder "Du bist ein Arschloch". Man kann das vielseitig verwenden. Die meisten Filmleute haben Angst - das habe ich nie verstanden - dass beim Dreh im Dialekt die Zuseher nichts verstehen. Aber ich sehe mir zum Beispiel gerne Filme in Englisch an. Da verstehe ich auch nicht jedes Wort, vor allem, wenn die in ihren jeweiligen Slangs reden. Aber wenn der Film gut gemacht ist, dann zieht es dich hinein, egal wie viel du verstehst. Die Qualität setzt sich immer durch. Diese Angst muss man den Leuten nehmen, egal ob das jetzt Nordrhein-Westfalen, Berlin oder Hamburg ist. Wenn es gut und authentisch ist, gibt es kein Problem. Bei älteren Heimatfilmen holten sie Leute aus dem Norden, die der Sprache oder dem Dialekt nicht mächtig waren. Die haben dann so ein Kunst-Bayrisch gesprochen. Dann sieht sich das einer aus dem Norden an und denkt sich: "Was soll denn das sein?". Das ist alles total künstlich. Und der Bayer sagt ohnehin: "Was ist das für ein Scheiß?" Das war lange so, sie wollten es allen recht machen. Wenn man eine Suppe lauwarm kocht, dann schmeckt sie halt beschissen. Also entweder richtig oder man lässt es. Ansonsten ist das Geld rausgeschmissen. Es kann dabei auch etwas richtig Tolles entstehen. Marcus H. Rosenmüller hat es vorgemacht. Bei "Wer früher stirbt ist länger tot" funktioniert das. Und ich bin überzeugt, dass diese Filme auch im Ausland wunderbar funktionieren. Denn da fällt die Sprachbarriere komplett weg. Diesen Mut muss man haben.
Filmreporter.de: Was ist das Besondere an der Zusammenarbeit mit Marcus H. Rosenmüller?

Brückner: Das Besondere am Rosi ist seine schräge Fantasie, mit der ich viel anfangen kann. Wenn er etwas sagt, dann ist das auch meine Fantasie. Dieses rebellische, schräge Denken ist uns gemein. Er verbreitet gute Stimmung am Set. Er kommt in der Früh und macht gleich ein "Gstanzl". Das kann er aus dem Stegreif - das ist unfassbar. Er legt Wert auf gute Stimmung, und dann funktioniert alles. Trotzdem lässt er dich auch 20 Mal durch den Dreck laufen. Es ist auch wichtig, dass er sagt: "Letztendlich interessiert nur das, was ich in diesem Ding sehe". Das würde er persönlich zwar nie so formulieren. Aber man merkt seine Ernsthaftigkeit für die Arbeit - aber auch die Offenheit. Wir haben viele Szenen neu improvisiert. Wir haben viel probiert, wenn uns etwas zu fad war. Dabei ist er total offen. Man muss schon ein Riesen-Genie sein, wenn man einen Film im Kopf hat, und den umsetzten will, ohne sich von jemanden beeinflussen zu lassen. Bei André Erkau ist das ähnlich.

Filmreporter.de: Sie wohnen in Ihrem Geburtsort Riedering. Wollen Sie dort bleiben oder können Sie sich auch vorstellen, mal woanders hinzuziehen?

Brückner: Ich bin dort zu Hause und habe dort meine Familie, die ich sehr gerne mag. Ich bin in Deutschland auch schon viel herumgekommen und finde für mich, ganz subjektiv, dass es in Riedering sehr schön ist, und da will ich bleiben. Ich hätte aber auch keine Probleme damit, ins Ausland zu gehen. Vielleicht nicht für immer, dafür bin ich einfach ein Landmensch durch und durch.

Filmreporter.de: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Ann-Catherin Karg/Filmreporter.de,  26. Juli 2008

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