Real Fiction Film
Julia Jentsch in "33 Szenen aus dem Leben"
Mit Meryl Streep auf dem roten Teppich
Interview: Julia Jentsch war skeptisch
Julia Jentsch liebt schwierige Rollen. Als Sophie Scholl kämpft sie gegen die Nazis, in "Ich habe den englischen König bedient" konzentriert sie sich beim Sex auf ein Hitler-Portrait und in "33 Szenen aus dem Leben" verliert sie beide Elternteile. Das Drama behandelt die Lebensgeschichte der Regisseurin Malgorzata Szumowska, die einer bekannten polnischen Künstlerfamilie angehört. Im Gespräch mit Filmreporter.de sprach Julia Jentsch über die emotionalen Dreharbeiten und wie es ist, bei der Oscar-Verleihung neben Meryl Streep zu stehen.
erschienen am 10. November 2008
Real Fiction
33 Szenen aus dem Leben
Ricore: "33 Szenen aus dem Leben" ist eine in Polen gedrehte deutsch-polnische Koproduktion. Wurde auf polnisch gedreht?

Julia Jentsch: Das meiste schon. Bis auf zwei Schauspieler waren alle Polen. Peter Gantzler, den man aus "Italienisch für Anfänger" kennt, ist Däne. Mit dem habe ich deutsch oder englisch gesprochen. Die Originalfassung sollte polnisch sein, und damit das möglichst gut synchronisiert werden kann, sollte ich polnisch sprechen. Das war der Anspruch der Regisseurin. Ich habe einige Wochen vor Drehbeginn mit einer Dolmetscherin angefangen zu arbeiten. Beim Dreh war es oft ein Mix aus drei Sprachen, und das innerhalb einer Szene. Das war sehr spannend und am Ende befriedigend zu sehen, dass so etwas möglich ist. Anfangs war ich skeptisch. Aber die Regisseurin und der Produzent haben mir gesagt, dass Fellini seine Schauspieler Zahlen aufsagen ließ. Das war das entwaffnende Beispiel, da konnte ich nichts mehr sagen.

Ricore: Haben Sie polnisch gelernt oder nur die Sätze im Drehbuch?

Jentsch: Leider habe ich die Sprache nicht gelernt. Das wäre toll gewesen, aber die Zeit hatte ich nicht. Ich habe die Sätze gelernt und wusste auch die Bedeutung der einzelnen Worte. Aber Grammatik oder normale Kommunikation war nicht drin.

Ricore: Wie lief die Interaktion mit den anderen Schauspielern? War immer eine Dolmetscherin anwesend?

Jentsch: Szenen, in denen viele Leute anwesend waren und viel durcheinander gesprochen wurde, haben wir schon vor dem Dreh mehrmals geübt. Man kann halt nicht spontan reagieren. Aber insgesamt lief es erstaunlich gut. Die Schauspieler haben Wert auf das miteinander gelegt, da wollte keiner sein eigenes Ding durchziehen.
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Kurz vor der Hinrichtung: Widerstandskämpferin Sophie Scholl (Julia Jentsch)
Ricore: Gab es bei den Dreharbeiten etwas, was sie als spezifisch polnisch beschreiben würden?

Jentsch: Natürlich ist jeder Dreh etwas Eigenes. Hier waren alle sehr freundlich und offen. Es handelt sich ja um eine autobiographische Geschichte der Regisseurin, und viele Leute aus der Crew kannten die Malgorzata schon vorher, waren teilweise mit ihr befreundet. Deshalb war es für viele mehr als nur ein Job. Wenn es mal länger gedauert hat, hat niemand gesagt: "Jetzt ist aber mal Schluss", oder "jetzt fangen die Überstunden an". Das war kein Thema. Das hatte nichts mit einem polnischen Dreh zu tun, sondern einfach mit diesem speziellen Projekt. Malgorzatas jetziger Mann ist der Cutter des Films, ihr Ex-Mann hat die Kamera gemacht. Das war faszinierend. Alle kannten die im Film vorkommenden Personen, auch jene, die gestorben sind. Jeder hat persönliche Erinnerungen mit einzelnen Szenen verbunden. Für mich war das sehr spannend.

Ricore: Wie sind Sie in diesen Kreis von Freunden und Bekannten gekommen?

Jentsch: Es war als deutsch-polnische Koproduktion gedacht, sollte aber nur in Polen und nur mit polnischen Schauspielern gedreht werden. Malgorzata hat aber von Anfang an gesagt, dass Sie mich gerne für die Rolle hätte. Sie hatte mehrere meiner Filme gesehen, auf jeden Fall "Sophie Scholl - Die letzten Tage". Außerdem meinte Sie, wenn Schauspielerinnen in Polen ein paar Sachen gemacht hätten, wären das gleich große Stars, die in allen Magazinen und auf Titelseiten auftauchen. Das hätte nicht zu ihrer Geschichte gepasst. Und mir hat das Buch von Anfang an gefallen und mich neugierig gemacht.

Ricore: Mit dem Film arbeitet Malgorzata Szumowska ihre eigene Geschichte auf und Sie spielen ihre Rolle. Ist das nicht merkwürdig, am Seelenleben der Regisseurin teilzunehmen?

Jentsch: Am Anfang habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie genau ich ihr entsprechen muss. Ob sie an jeder Sache, in der ich ihr nicht entspreche, gleich verzweifeln wird. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es ihr gar nicht darauf ankommt. Sie wollte Ihre Geschichte aus einem eigenen Bedürfnis heraus erzählen, aber sie hatte das Gefühl, dass dahinter etwas Universelles liegt. Das persönliche Erleben war die Ausgangssituation für etwas viel Allgemeineres. Darum war es nicht schlimm, dass ich ihr nicht in allem entsprochen habe. Es blieb sehr viel mir überlassen. Was auch daran lag, dass sie die anderen Personen aus der Außenansicht viel leichter beschreiben konnte als sich selbst. Sie hat mir nicht alles genau vorgegeben.
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Julia Jentsch in "Ich habe den englischen König bedient" als Nazifan
Ricore: Was ja wahrscheinlich auch angenehm ist…

Jentsch: Ja, und schlau. Für sie selbst war das die richtige Haltung so eine persönliche Geschichte zu verfilmen. Da muss man sich ein Stück davon loslösen und sich frei machen, dann entsteht auch etwas Neues.

Ricore: Konnten Sie sich sofort in die Julia hineinversetzen? Man stellt sich Menschen, die gerade beide Eltern verloren haben, anders vor.

Jentsch: Das erschien mir im Drehbuch schon auffällig und ungewöhnlich. Die Dinge die da passieren, sind ganz schön heftig und tragisch. Aber die Situationen, die geschildert werden, gehen oft in eine andere Richtung. Auf einmal sind da Aggressionen oder jemand macht sich über etwas lustig. Dass mich das so irritiert hat, hat mich dann auch neugierig gemacht. Ich würde auf eine solche Situation ganz anders reagieren. Mich würde das wahrscheinlich völlig ausknocken und herunterziehen. Aber Julias Verhalten erschien mir auch realistisch. Jeder Mensch ist anders, das hat mit individuellen Erfahrungen und der Erziehung zu tun. Malgorzata ist eine sehr eigene Person. Wenn Sie manchmal erzählt hat, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten hat, bin ich richtig erschrocken.

Ricore: Ist Julia Verhalten nicht etwas herzlos?

Jentsch: Oberflächlich betrachtet könnte man das meinen. Dabei ist die Geschichte einfach ehrlich. Die Eltern sind gestorben, aber man muss sich trotzdem um seine Karriere kümmern, die Ausstellung fertig machen. Und die Mutter geht einem auch einmal auf die Nerven, krank hin oder her. Zur Zeit der Dreharbeiten kam gerade ein Buch von einer Tochter von Ingmar Bergman heraus, in dem drei Tagebücher vereint sind: Eins von ihr selbst, eines von ihrem Vater und eines von ihrer Mutter. Die drei haben das geschrieben, als die Mutter wegen Krebs im Sterben lag. Die Tochter hat von Liebe und Sehnsucht geschrieben und von dem, was sie mit ihrer Mutter noch teilen und erleben möchte. Und daneben so etwas wie: "Ich habe das Gefühl ich komme in meinem eigenen Leben nicht weiter, hänge nur noch im Krankenhaus herum" und so etwas. Das war für mich noch ein Beispiel dafür, wie nah das an der Realität ist. Das mochte ich besonders an Malgorzatas Geschichte, dass sie nicht moralisch ist und das Verhalten der Menschen nicht wertet. Sie lässt vieles offen und möglich. Man kann Julia mögen oder nicht, aber sie ist einfach so.
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Julia Jentsch in "33 Szenen aus dem Leben"
Ricore: Zieht ein solcher Film mit diesem Thema nicht herunter?

Jentsch: Klar, das beeinflusst schon. Aber der Film zeigt ja auf, dass das Leben noch aus vielen anderen Dingen besteht. Neben dem Traurigen gibt es viele Möglichkeiten und Chancen. Dadurch war das auch kein beklemmender oder bedrückender Dreh.

Ricore: Wie gut können Sie nach der Arbeit abschalten?

Jentsch: Eigentlich erst, wenn ein Film ganz abgeschlossen ist. Während des Drehs ist es schon schwierig. Da komme ich nachhause und überlege mir, in welche Richtung sich die Arbeit und die Figur entwickelt. In dieser Zeit drehe ich mich ziemlich um die Arbeit. Das Gesamtgefühl bei diesem Projekt war positiv, trotz der Schwere des Stoffs. Die Geschichte zeigt, wie vielschichtig das Leben ist und dass man auch auf eine andere Art mit tragischen Situationen umgehen kann. Diese Haltung und Grundstimmung hat hauptsächlich auf mich gewirkt.

Ricore: Am Ende der Geschichte weiß man nicht, mit wem Julia ihr Leben weiterführen wird. Wie war es denn in der Realität?

Jentsch: Die Personen gab es alle, wenn auch mit anderen Berufen und anderem Charakter. Adrian hat lange mit der Regisseurin gearbeitet und auf einmal hat sich daraus mehr entwickelt. Weil er immer da war. Da hat sie gemerkt, wie vertraut sie mittlerweile waren, und der Ehemann war zu der Zeit nicht wirklich da. Jetzt ist für sie alles gut geworden, sie hat einen Mann und ein Kind.

Ricore: Aber ist das ihr alter Mann oder ein Neuer?

Jentsch: Ihr jetziger Mann ist quasi der Adrian, sie hat ein neues Leben angefangen. Ich erzähle das jetzt einfach alles so obwohl Malgorzata gesagt hat, sie fände es am besten wenn niemand erfahren würde, dass das ihre Geschichte ist. Aber ihre Familie ist in Polen sehr bekannt, da weiß jeder, der den Film sieht, wer da wen spielt. Das hat man auch in den Gesprächen mit polnischen Journalisten gleich gemerkt.
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Julia Jentsch in "33 Szenen aus dem Leben"
Ricore: Die Mutter im Film sieht am Ende wirklich aus wie jemand der an Krebs stirbt. Hatten Sie schon einmal eine Rolle, die rein physisch ähnlich extrem und anstrengend war?

Jentsch: Bisher habe ich nichts Vergleichbares gespielt. Aber am Theater hatte ich schon Rollen, die körperlich fordernd waren. Einmal habe ich an den Kammerspielen ein verkrüppeltes Mädchen gespielt, und das hat dann auch auf so einer Art Bett-Schaumstoff-Skulptur stattgefunden. Das war sehr schräg und ich konnte mich kaum darauf halten. In "Schneeland" musste ich im schwedischen Winter barfuß durch das Gestrüpp rennen, Berge rauf und runter. Aber das macht auch Spaß, weil es eine besondere Herausforderung ist.

Ricore: Die Julia im Film wird durch den Tod der Eltern ins Erwachsenenleben und eine neue Lebensphase geschubst. Was war bei Ihnen Auslöser einer solchen neuen Phase?

Jentsch: Ein großer Schritt war sicher das Ende der Schulzeit. Vorher gibt es einen klaren Rahmen, danach verändert sich alles. Auf einmal sind die Leute weg, die man über Jahre jeden Tag gesehen hat. Und dann muss man sich entscheiden, was man mit dem Rest seines Lebens anfangen will. Ich bin dann nach München gezogen und habe Freunde und Familie zuhause gelassen. Plötzlich war der Beruf das Wichtigste, obwohl man ihm diese Wichtigkeit vielleicht gar nicht geben will. Aber größere Veränderungen gibt es immer wieder. Fast mit jedem neuen Projekt, mit jedem neuen Menschen, den man kennen lernt und auch mit denen, die man verliert. Da sieht die Welt dann ganz anders aus, alles muss sich neu ordnen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Erwachsenwerden zu tun, aber man muss die Neuerung akzeptieren. Bei der Julia geschieht das alles geballt, das ist schon hart.

Ricore: Was war es, als Sie 30 geworden sind?

Jentsch: Ich hatte keine Angst und es fühlte sich relativ normal an. Ich habe mich aber gefragt, ob ich mir Gedanken machen müsste, weil die anderen Leute das von einem erwarten und sagen: "Krass, jetzt bist du auch 30, und mit Kindern wird es auch langsam Zeit." Ich glaube vom inneren Gefühl ist man oft ein bisschen hintendran und fühlt sich noch viel jünger. Es gibt Phasen, in denen man zurückdenkt und ein Resümee zieht. Sich überlegt, was war und was die Zukunft bringen soll. Aber das war bei mir nie mit festen Daten verbunden.
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In der weite der Schneewüste
Ricore: Sie haben kein festes Engagement mehr an den Münchner Kammerspielen, wo wohnen Sie jetzt?

Jentsch: Immer noch in München. Die ersten drei Jahre habe ich mich hier sehr schwer getan und Berlin sehr vermisst. Dann habe ich angefangen mich wohl zu fühlen und jetzt will ich den Kontakt zu den Kammerspielen auch als Freie halten. Es ist hier ok und ich habe keine Motivation, weg zu ziehen.

Ricore: Waren Sie bei der Oscar-Verleihung, als "Sophie Scholl" nominiert war?

Jentsch: Glücklicherweise ja, obwohl ich gerade in Hamburg Theater gespielt habe. Die anderen haben davor und danach einige Zeit in Los Angeles verbracht und den Trubel voll mitbekommen, ich bin nur für die eine Oscar-Nacht angereist. Aber ich bin froh dabei gewesen zu sein, das war sehr aufregend.

Ricore: Was war so aufregend?

Jentsch: Auf einmal stand Meryl Streep auf dem roten Teppich direkt neben mir. Man kennt diese Leute aus tausend Filme aber kann sich irgendwie gar nicht vorstellen, dass es die in echt gibt. Besonders bei den amerikanischen Schauspielern ist das so. Seltsam, dass man die auf einmal richtig anfassen könnte. Joaquin Phoenix fand ich toll, und Keira Knightley und George Clooney waren auch da. Das ist wie Disneyland, eine riesige, bunte Inszenierung. Es ist wie ein Spiel und macht Spaß, das einmal zu sehen. Du sitzt halt mit Robert De Niro und Jack Nicholson im Kodak Theatre.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 10. November 2008
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