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M. Night Shyamalan
M. Night Shyamalan über das Spiel mit der Angst
Interview: Auf der Suche nach Magie
Mit "The Sixth Sense" feierte Manoj Night Shyamalan vor fünf Jahren einen astronomischen Welterfolg, er ihn schlagartig zu einem der meistgefragten jungen Filmemacher in Hollywood machte. Seine Folgeprojekte "Unbreakable - Unzerbrechlich" und "Signs - Zeichen" stießen bei Kritikern und Publikum allerdings auf verhalteneres Echo - dabei hatte Disney ihm allein für das Drehbuch von "Signs" stolze fünf Millionen Dollar bezahlt. Nun kommt mit "The Village - Das Dorf" Nights neuestes Werk ins Kino. Neben einem mitten in der Wildnis angesiedelten Dorf und einem Haufen unheimlicher Kreaturen verlässt sich der 34-jährige Filmemacher dabei auf ein Starensemble erster Güte. Wir trafen Shyamalan in München.
erschienen am 7. 09. 2004
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Voll konzentriert am Set zu "The Village - Das Dorf"
Ricore: Mr. Shyamalan, für "The Village - Das Dorf" haben Sie Joaquin Phoenix, Adrien Brody, Sigourney Weaver, William Hurt und Brendan Gleeson engagiert. Machen Sie deshalb so wenig Schnitte, weil Sie diesen Vollprofis ein ungestörtes Agieren auf der Leinwand ermöglichen wollen?

M. Night Shyamalan: Bei "Wide Awake", meinem Film vor "The Sixth Sense", habe ich zum ersten Mal mit diesem Prinzip gearbeitet. Heute entstehen die meisten Filme durch aufwändige Montagen im Schneideraum, der eigentliche Dreh vorkommt zur puren Materialbeschaffung. Ich wähle einen anderen Ansatz und versuche, die Magie des Augenblicks einzufangen. Wenn man während eines Gesprächs häufig schneidet, erzeugt man automatisch eine andere Realität als am Set. Oft kommt dann das böse Erwachen, weil man die Magie nicht mehr spüren kann. Deshalb wähle ich oft Theaterschauspieler und drehe so zusammenhängend wie möglich.

Ricore: In "The Village" setzen Sie wieder auf dieselben Ängste wie in "Signs - Zeichen": Eine Gruppe Menschen fürchtet sich vor unbekannten Kreaturen, die ihnen gefährlich nahe kommen. Ein bisschen einfallslos, finden Sie nicht?

Shyamalan: Ich betrachte meine Filme nicht aus diesem Blickwinkel. In "Signs" ging es für mich darum, dass eine Familie zu sich selbst findet, und jeder endlich seine Meinung über den anderen sagt. "The Village" dagegen handelt von der Erkenntnis, was uns wichtig ist. Es geht um die übernatürliche Kraft von Liebe und Vertrauen und darum, was sie bewirkt. Ich denke, dass ich bisher noch keinen einzigen Horrorfilm gedreht habe.

Ricore: Wie würden Sie Ihre Filme dann bezeichnen?

Shyamalan: Es sind dramatische Geschichten, die im Optimalfall so enden, dass sie den Zuschauer auch nach Verlassen des Kinos weiter beschäftigen. Angst ist nur ein Hilfsmittel, das die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Geschichte lenken soll, um ihn in den Bann der Story zu ziehen. Ich möchte das Publikum berühren.
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Weltpremiere: Feiern nach getaner Arbeit.
Ricore: In "The Village" erzählen Sie von einer anfangs orientierungslosen Suche nach Geborgenheit und der Notwendigkeit, zusammenzufinden. Eine politische Thematik, die Sie nach dem 11. September ganz bewusst gewählt haben?

Shyamalan: Am Set haben wir viel darüber gesprochen, ganz klar. Ich könnte jetzt über Metaphern in diesem Film erzählen, aber das würde zuviel von der Story verraten. Deshalb nur soviel: Ich habe Bush genauso satt wie die Terroristen. Glauben tue ich keiner der beiden Parteien.

Ricore: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Shyamalan: Ich wohne - ähnlich wie in "The Village" - in einer historischen Gegend Philadelphias, und versuche, mit Ruhe und Gelassenheit zu leben. Meine Kinder sollen ein geregeltes Leben führen. Natürlich bringt mein Beruf zwangsläufig Unruhe in diesen Alltag. Ich bin viel unterwegs und muss einen Teil unseres simpel gehaltenen Lebens dafür opfern. Aufgeben kann ich meinen Job deswegen trotzdem nicht, ich würde dadurch einen Teil meines Wesens einbüßen. Es ist also immer eine Sache der richtigen Ausbalancierung. Ich bemühe mich, Drehorte in die Nähe zu verlagern und nicht zu lange auf Interviewtour zu sein.

Ricore: Wie weit würden Sie gehen, um Ihre Kinder zu beschützen?

Shyamalan: So weit es die Umstände erfordern. In dieser Hinsicht gibt es für mich keine Grenze. Mal angenommen, ich würde seit Generationen in einem Land leben, in dem plötzlich ein Glaubenskrieg ausbricht. Sobald die erste Bombe fällt, würde ich das Land mit Sack und Pack verlassen. Menschen, die für ihren Glauben oder ihr geheiligtes Land ihr eigenes Leben oder das Leben ihrer Angehörigen riskieren, sind für mich verrückt. Noch viel verrückter als die Menschen, die ich mir für "The Village" ausgedacht habe. Als Teufel hätte ich wohl die Religion erfunden, um damit alles nur Erdenkliche zu rechtfertigen. Einer tötet den anderen um des Glaubens willen, der Angehörige des Toten rächt sich am Mörder, und so geht es immer weiter. Das muss man sich mal vorstellen! Manche stellen ihren Glauben über ihre Familie. Absurd.
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Verfolgungswahn? Szene von "The Village - Das Dorf"
Ricore: Apropos Rangordnung: Sie selbst haben Ihren Film angeblich in vierzig Tanzschritte unterteilt. Was hat das zu bedeuten?

Shyamalan: Das steht symbolisch für die Tatsache, dass die Story sich aus einer Reihe von Schritten zusammensetzt, die für mich alle gleich bedeutend sind. Es ist mir unbegreiflich, warum viele sich in meinen Filme immer auf eine bestimmte Wendung, auf einen bestimmten Plot konzentrieren. Für mich hat jedes Element dieselbe Bedeutung für den Handlungsverlauf. Schritt 35 ist genauso wichtig wie Schritt 17. Sonst kann man den ganzen Tanz nicht genießen.

Ricore: Eigentlich drehen Sie immer mit unterschiedlichen Schauspielern, nur Joaquin Phoenix haben Sie nach "Signs" erneut besetzt. Aus welchem Grund?

Shyamalan: Er ist eine ungeschliffene Rohnatur. Ihm geht es nicht um Kunstfertigkeit, sondern um spontane Gefühlszustände. Er weigert sich zu proben, weil er seine Energie für eine Szene nicht vorher verplempern will. Er kommt an den Set, spielt die Szene, und plötzlich spürt man diese Magie, nach der ich ständig suche. Will man das Ganze zur Sicherheit noch einmal drehen, gelingt ihm das oft nicht mehr. All das macht es ziemlich schwierig, mit ihm zu arbeiten, aber gleichzeitig sprüht aus ihm der Funke, den ich für meine Orchestrierung unbedingt brauche. Er ist ein wundervoller Partner, auf dessen Leistung ich mich verlassen kann.
erschienen am 7. September 2004
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