La mala educación - Schlechte Erziehung, Regisseur Pedro Almodóvar
Die Kirche ist ihr eigener Feind
Interview: Pedro Almodóvar schlecht erzogen
Er steht wie kein Zweiter für das spanische Kino der Gegenwart: Pedro Almodóvar bewegt und schockiert seine Zuschauer immer wieder mit kontroversen Themen. Sein neuer Film "La mala educación - Schlechte Erziehung" ist ein surreal anmutender Film Noir, der den Kindesmissbrauch durch katholische Priester thematisiert. Der Ausnahmeregisseur, der als Kind selbst in einer katholischen Schule unterrichtet wurde, will seinen Film aber nicht als bewussten Angriff gegen die Kirche verstanden wissen.
erschienen am 29. September 2004
Almodóvar mit spanischem Schauspielnachwuchs
Ricore: Herr Almodóvar, "La mala educación" scheint ihr bislang persönlichster Film zu sein. Würden Sie dem Recht geben? Pedro

Almodóvar: Ich glaube, alle meine Filme sind sehr persönlich. Aber sie sind es nicht immer auf direkte und vordergründige Art und Weise. Sie reflektieren auch nicht immer meine Person. Oft versteckt sich das Persönliche hinter einer Figur, einer Landschaft oder einer Stimmung - aber nur ganz selten stecken meine Erfahrungen in den Handlungssträngen meiner Filme.

Ricore: Welche eigenen Erfahrungen stecken denn nun in diesem Film?

Almodóvar: Das Persönlichste in "La Mala Educación" ist die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Ich habe tatsächlich in den beiden Milieus gelebt, die dieser Film näher beleuchtet: Also auf der einen Seite die katholische Schule zu Beginn der Sechziger Jahre. Und auf der anderen Seite das fröhlich-feiernde und freie Madrid zu Beginn der Achtziger Jahre.
Tobis
Am Set mit Hauptdarsteller Gael García Bernal
Ricore: Wollten Sie sich mit ihrem Film bewusst gegen die Kirche wenden?

Almodóvar: Ich glaube nicht, dass sich der Film direkt gegen die Kirche wendet. Eine anti-kirchliche Haltung braucht man doch heute gar nicht mehr. Die Kirche degradiert und entlarvt sich doch ständig selbst, wenn sie sich öffentlich äußert - gegenüber der Presse zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie es anderswo ist, aber zumindest in Spanien ist die Kirche selbst der größte Feind der Kirche.

Ricore: Warum spielt sie dann aber in "La mala educacion" so eine prominente Rolle?

Almodóvar: Was ich im Film zeige, und zwar mit größter Sorgfalt, ist die Faszination, die ich gegenüber der katholischen Liturgie empfinde - und das tue ich schon seit meiner Kindheit. Ich glaubte damals bereits nicht mehr an Gott, aber ich glaubte stark an seine Zeremonien. Das hat für den Film eine wichtige Bedeutung: In "La Mala Educacion" habe ich mich der Liturgie und der religiösen Zeremonien bemächtigt, sie meinen Figuren sozusagen geschenkt, damit sie dadurch in Verbindung zueinander treten können. Die Liturgie, die normalerweise Gott gewidmet wäre, haben sich hier meine Figuren einverleibt, als seien sie Vampire.
erschienen am 29. September 2004
Zum Thema
Der spanische Regisseur und Drehbuchautor erlebte Höhen und Tiefen. Er wurde in eine Zeit hineingeboren, die einem revolutionären Filmemacher wenig Chancen gab. Dazu die religiöse Ausbildung, die nur dazu führte, seinen Glauben an Gott zu verlieren. Und starke Frauen, die sein späteres Ich grundlegend verändern. Diesen Kindheitserfahrungen verdanken wir Produktionen wie "Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón", "La mala educación - Schlechte Erziehung" und "Volver".

Kritiker..
Auch wer die Filme von Pedro Almodóvar mied, weil sie ihm zu exaltiert, zu schräg oder einfach zu schwul waren, sollte sich "La mala educación - Schlechte Erziehung" ansehen. Der Eröffnungsfilm des Festivals von Cannes 2004 hat alle Zutaten aus Almodóvars früheren Filmen und ist trotzdem ein ganz anderer geworden. Denn die Geschichte, die der Spanier hier erzählt, ist von universeller Bedeutung, die Homosexualität der Protagonisten ist nur Ausgangspunkt eines Leidensweges.
2022