Interview
Salzgeber & Co. Medien
Ralph Herforth
Mit der Axt in der Hand
Landei Ralph Herforth
Ralph Herforth liebt das Land, er liebt die ersten Sonnenstrahlen am frühen Morgen und den Mondschein in der Nacht. Dass er das Holz für die Heizung seines Hauses selbst hacken muss, stört den Schauspieler nicht im Geringsten. Diese Fähigkeit eines Hausbesitzers kam ihm bei den Dreharbeiten zu "Unter Strom" gelegen. Denn auch dort hieß es für die Darsteller mit anpacken! Uns berichtet Herforth über die chaotischen Drehbedingungen und über seinen Wunsch, das deutsche Kino zu verbessern.
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  8. Dezember 2009
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Szene aus "Unter Strom"
Ricore: Stehen Sie manchmal unter Strom?

Ralph Herforth: Gerade eben stand ich unter Strom. Für eine Fahrt, die normalerweise eine halbe Stunde dauert, haben wir eineinhalb Stunden gebraucht. Wenn ich zu lange auf etwas warten muss, werde ich nervös.

Ricore: Sind Sie eher ungeduldig?

Herforth: Nein, nicht zwingend, aber es gibt Dinge, da warte ich nicht gerne drauf. Im Stau stehen macht mich definitiv nervös. Es kommt auch immer darauf an, ob ich vorher was gegessen habe (lacht).

Ricore: Und...?

Herforth: Nein. Leider.

Ricore: Es besteht also die Gefahr, dass Sie während unseres Gesprächs ungeduldig werden?

Herforth: Nein, ich bekomme nämlich hoffentlich bald eine Gulaschsuppe.

Ricore: Wunderbar, dann lege ich gleich mal los. Wie haben Sie die Dreharbeiten zu "Unter Strom" erlebt?

Herforth: Das war chaotisch. Ich habe beinahe nur Holz gehackt. Wir drehten nämlich in einem Jagdschlösschen im Wald. Kein Mensch wusste, wie diese Uralt-Öfen funktionierten. Da ich aber daran gewohnt war - ich heize nur mit Holz - habe ich mir eine kleine Axt aus dem Baumarkt besorgt und Holz gehackt. Die anderen haben natürlich auch geholfen. Regisseur Zoltan Paul hatte Angst um unsere Arme und Beine. Irgendwie machte es die Runde, dass ich mir gerne mal weh tue... Ich stand also nicht nur im Film, sondern auch während der Dreharbeiten immer unter Strom (lacht).

Ricore: Es soll ja auch Dixie-Klos gegeben haben.

Herforth: Ja, das ist so. Das war schon ok. Wieso sollen Schauspieler nicht aufs Dixi-Klo gehen? Jeder Bauarbeiter muss dahin, um sein Geschäft zu erledigen. Aber es gibt natürlich Kolleginnen, die sich sehr weit fahren lassen, um nicht aufs Dixie-Klo gehen zu müssen. Das finde ich bescheuert.
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Harald Krassnitzer
Ricore: Sie haben Regisseur Zoltan Paul sofort zugesagt?

Herforth: Ja, sofort. Das Buch hat mir gefallen. Es hat mich interessiert, einen ernsthaften Schwulen zu spielen. Zuerst war es das Buch, die Figur kam erst später.

Ricore: Gibt es wenige gute Drehbücher?

Herforth: Ich weiß nicht, ob es jemals mehr gegeben hatte. Es gab sicher niemals so viele Drehbücher wie heute. Das hat natürlich auch mit den vielen Fernsehsendern zu tun, die immer wieder Eigenproduktionen drehen. Viele Leute meinen, zum Beruf des Drehbuchautoren berufen zu sein und schreiben wie wild drauflos. Nun habe ich aber längst nicht alle guten Drehbücher auf meinem Tisch gehabt. Oft habe ich mir Filme angeguckt, wo ich mir dachte, schade, da hätte ich gerne mitgemacht.

Ricore: "Unter Strom" zeichnet sich durch einen eigenwilligen Humor aus. Welche Art von Humor mögen Sie?

Herforth: In der Beziehung bin ich ein Bauer. Mein Humor kann einerseits sehr subtil sein, andrerseits denkt man sich manchmal, puh, war das jetzt ein peinlicher Witz. Aber ich lache trotzdem.

Ricore: Sie sind eher der Landbursche, nicht wahr?

Herforth: Ja, definitiv. Ich habe fast 20 Jahre in Großstädten wie Berlin gewohnt oder New York gewohnt. Jetzt liebe ich das Land und bin gerne dort.

Ricore: Was zieht Sie am Land an?

Herforth: Der Tag hat dort eine andere Wichtigkeit als in der Großstadt. Ich mag den Rhythmus und die Verschiebung der Prioritäten. Es fängt ja damit schon an, dass man sein Haus selbst heizen muss und daher auch selbst für das Holz sorgen muss. Man kann nicht hergehen und einfach die Heizung anmachen. Auf dem Land geht die Sonne richtig auf, es gibt ja keine Straßenbeleuchtung. Nachts sieht man den Mond auch viel besser. Vielleicht erinnert mich das alles auch nur an meine Kindheit, da ich auf einem Bauernhof groß geworden bin.
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Unter Strom
Ricore: Mussten Sie damals mit zupacken?

Herforth: Klar. Das hat mir aber sehr viel Spaß gemacht.

Ricore: Auf dem Land können Sie sicher auch Ihren sportlichen Aktivitäten besser nachgehen?

Herforth: Ja, ich fliege gerne Drachen oder gehe Laufen. Zuletzt bin ich aber immer mehr gesegelt. Wassersport liegt mir, ich windsurfe auch recht gerne. Da ich direkt an einem See in Brandenburg bei Rheinsberg wohne, ist das kein Problem.

Ricore: Bereiten Sie sich dort auch auf ihre Rollen vor?

Herforth: Ich bereite mich nicht wirklich vor. Es sei denn, wenn es um Sprachen, Dialekte oder andere Dinge geht, die man selbst nicht kann. Als ich einmal einen manisch Depressiven gespielt habe, bereitete ich mich intensiv darauf vor. Über mehrere Wochen bin ich zwei Mal die Woche in die Psychiatrie gegangen und durfte den Professor bei seinen Visiten begleiten. Ich musste einfach sehen, was Depression ist, und wie sie sich auswirkt.

Ricore: Entscheiden Sie sich schon beim Lesen für eine Rolle?

Herforth: Das Lesen des Drehbuchs ist definitiv der erste Schritt. Wenn dabei etwas mit dir geschieht, dann weißt du, es ist das Richtige. Ich kann nur für mich reden, aber wenn mir beim Lesen die Rolle schon gefällt, dann fängt es in meinem Kopf automatisch an zu arbeiten.

Ricore: Welche Rollen würden Sie ablehnen?

Herforth: Das kann ich so nicht sagen. Das ist zu allgemein.

Ricore: Viele hätten vielleicht auch Ihre Rolle in "Unter Strom" abgelehnt?

Herforth: Es ist doch nichts dabei, einen Schwulen zu spielen. Ob man es ist Wahrheit nun ist oder nicht, spielt doch gar keine Rolle. Ich fand es schön, diese Figur zu verkörpern und zu versuchen, dass ich durch mein Verhalten die Homosexualität nicht denunziere, indem ich daraus eine Klamotte mache. Man muss vor jeder Figur Respekt haben.
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Ralph Herforth
Ricore: Betrachtet man Ihre bisherige Karriere, entdeckt man sie häufig in Krimis…

Herforth: Ja, so vielfältig waren meine Rollen bisher nicht. Ich hätte mir gewünscht, mehr Filme á Martin Scorsese zu machen. Aber solche Angebote sind in Deutschland eher rar. Es hätte mir gefallen, mich mit Themen wie der Mafia im eigenen Land auseinander zu setzen oder in Filmen zu spielen, die sich in bestimmten Nischen bewegen. Es gibt nicht viele Filme wie "Kurz und schmerzlos", "Schattenboxer" oder auch "Chiko". Im Fernsehen laufen die immer gleichen Krimis, im Kino herrscht auch nur wenig Vielfalt in dieser Hinsicht. Das finde ich schade.

Ricore: Das liegt zum Teil auch an der Finanzierung.

Herforth: Klar! Aus zu wenigen Töpfen wird zu viel Geld an Subventionen verteilt. Manchmal kriegen Leute Geld, die einfach nur einen guten Namen haben, das Drehbuch aber Müll ist. Hier wird meiner Ansicht nach zu wenig getan. Manchmal sollte man aber auch wirklich 20 Millionen an ein Projekt vergeben, das Potential hat, ein wahrhaft großer Film zu werden.

Ricore: Das hört sich wie ein Wunsch an das deutsche Kino an.

Herforth: Ich wünsche mir tatsächlich, dass weniger amerikanische Produktionen kopiert werden. Ich wünsche mir mehr Mut von Seiten der Produzenten und Regisseure, unsere eigenen, tollen, tragischen Geschichten zu verfilmen. Wir sind ein tolles Land und haben sehr viele historische Stoffe zur Verfügung, die man gut umsetzen könnte. Beispielsweise die Luftbrücke. Darüber gab es zwar schon einen Fernsehfilm, aber dieser Stoff würde sich doch hervorragend fürs Kino eignen. Wenn man so will, wünsche ich mir mehr gute Drehbücher, die nicht ans Fernsehen verschenkt werden sollen. Vor allem mit den Mitteln, die man heute hat. Und wir in Deutschland haben ja alle Ressourcen, die man benötigt: Wir haben tolle Schauspieler, gute Regisseure, technisches Know How und jede Menge Leute, die interessiert daran wären, an etwas Großem beizutragen.

Ricore: Gehen Sie als Schauspieler noch gerne ins Kino?

Herforth: Ja, ich gehe gerne, aber ich gehe zu wenig, da ich auf dem Land wohne, und nicht diese Möglichkeiten habe wie in der Stadt. Komischerweise fällt es mir immer noch schwer, eine DVD einzulegen. Ich stamme halt aus jener Generation, die sich die ganze Woche darauf freute, dass Freitags um 20.15 Uhr "Tatort" kam. Dann hat man sich hingesetzt und ihn geschaut. Ich bin nicht jemand, der Filme oder Serien aufnimmt, um sie später irgendwann zu gucken.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  8. Dezember 2009

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