Interview
Ricore Text
Doris Dörrie auf der Premiere zu "Der Fischer und seine Frau"
Pfund, Kilo und Gramm
Doris Dörrie stellt Fragen
Mit "Kirschblüten - Hanami" gelang der Münchner Regisseurin Doris Dörrie der große Wurf. Auf der Berlinale 2010 stellt sie "Die Friseuse" vor. Das Werk sprüht nur so von Lebensfreude, Fröhlichkeit und haufenweise Pfunde. Wir sprechen mit Dörrie über Schönheitsideale, Schubladen und darüber, dass Frauen sich selbst in Zwangsjacken stecken. Welche Rolle gestreifte Pullis dabei spielen, lesen Sie selbst!
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  21. Februar 2010
Constantin Film
Die Friseuse
Ricore: Warum das Berliner Stadtviertel Marzahn?

Doris Dörrie: Marzahn ist für mich genauso exotisch wie Emden. Da war ich auch noch nie. Ich komme ja aus München. In Tokio kenne ich mich beispielsweise besser aus als in Marzahn. Ich bin unbefangen hingefahren, so als würde ich nach Emden fahren. Ich wollte sehen, was ich dort entdecke, was mich interessiert und was dort ist.

Ricore: Und wie hat es Ihnen gefallen?

Dörrie: Ich muss sagen, Marzahn ist nicht so weltbewegend. Es sieht besser aus, als München Neuperlach. In den letzten Jahren wurde allerdings sehr viel gemacht. Marzahn liegt im Grünen, hat eine gute Verkehrsanbindung. Im fünften Stock eines Hochhauses, nämlich dort wo wir gewohnt haben, hat man zudem einen tollen Blick über Berlin. Das Klischee Marzahn stimmt also nicht.

Ricore: Sind Sie denn mit einem Klischee im Kopf hingefahren?

Dörrie: Marzahn war das erste, was ich von Ostberlin gesehen habe. 1990 ist ein Freund von mir dorthin gefahren. Er war damals erstaunt über die riesigen Neubaugebiete. Mich hat es weniger überrascht. Ich kannte das aus Moskau, Warschau, Budapest. Ich fand das nicht weltbewegend.

Ricore: Bei den Dreharbeiten im fünften Stock, in einer engen Wohnung, kamen da klaustrophobische Gefühle auf?

Dörrie: Nö. Ich bin viel und eng gereist. Ein indischer Zug ist auch nicht anders. Ein Bus in Rom im Sommer ist auch eng.
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Doris Dörrie auf der Premiere in Berlin
Ricore: Haben sich im Laufe der Dreharbeiten Überzeugungen bestätigt oder revidiert?

Dörrie: Ich habe versucht, keine Überzeugungen zu haben. Das steht einem im Weg. Ich versuche ständig, meine Überzeugungen fallen zu lassen und mich zu öffnen. Die generelle Übung ist doch, sich frei zu machen von Schubladen.

Ricore: Gehen Sie immer so unbefangen an Projekte heran?

Dörrie: Ich versuche es zumindest. Das hat aber mit Übung und Training zu tun. Denn was erfahre ich, wenn ich in ein anderes Land oder eine andere Stadt fahre, und schon vorgefertigte Konzepte und Vorstellungen habe? Die Bestätigung eines Klischees? Wenn ich versuche, mich möglichst leer und frei zu machen, erfahre ich erstmal mehr.

Ricore: Lassen Sie sich diesen Spielraum auch bei Dreharbeiten am Set?

Dörrie: Ich versuche jede Situation, die im Drehbuch steht, zu öffnen. Das endet oft damit, dass man am Ende relativ genau das Drehbuch umsetzt, auch was die Dialoge betrifft, trotzdem aber der Szene Luft gelassen hat. Denn so kann etwas entstehen, was nicht im Drehbuch steht.

Ricore: Im Vorfeld sind Sie selbst mit einem Fatsuit durch Berlin gelaufen. Was war das für ein Gefühl?

Dörrie: Ich habe mich furchtbar gefühlt. Ich wurde angeglotzt und spürte, dass jeder einen stummen, manchmal auch hörbaren Kommentar für mich hatte. Ich wusste nicht, dass es so schrecklich ist, sichtbar zu sein. Ich bin in meiner Größe und Hautfarbe ja eher Durchschnitt. Und da fiel mir auf, dass ich relativ unsichtbar bin. Das ist ein großes Gut, das ich mit mir herumtrage, ohne mir lange Zeit darüber im Klaren gewesen zu sein. Dauernd sichtbar zu sein, ist sehr anstrengend.
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Gabriela Maria Schmeide ist "Die Friseuse"
Ricore: Trotz der Gefahr, bei diesem Thema ins Klischee abzurutschen, haben Sie dieses Hindernis sehr gut gemeistert.

Dörrie: Was ist denn das Klischee? In "Die Friseuse" geht es darum, eine Person so genau wie möglich zu schildern. Zu ihr gehört, dass sie dick ist, dass sie eine schöne Haut und einen Faible für Obst-Ohrringe hat, dass sie sich sehr viel Mühe mit ihren Haaren gibt und so weiter. Jeder von uns setzt sich aus so vielen Details zusammen. Ich versuche, jede Figur auf Augenhöhe zu erzählen und dann zu gucken: Was bedeutet es, dass Sie einen gestreiften Pulli anhaben? Sind Sie immer gestreift? Wahrscheinlich nicht, könnte aber sein. Dann würden wir über Streifen reden und vielleicht erzählen Sie mir dann, dass Sie nur gestreifte Pullis im Kleiderschrank haben.

Ricore: Viele Menschen finden dicke Leute unästhetisch. Sie aber sind einen anderen Weg gegangen und haben in zahlreichen Großaufnahmen wunderbar ästhetische Bilder einer übergewichtigen, lebensfrohen Frau gezeigt.

Dörrie: Was ist ästhetisch? Ich kann Ihnen nur sagen, was für mich unästhetisch ist: ungepflegte Haut, fettige Haare, dreckige Fingernägel, Gestank. Aber Kathi König ist doch nicht unästhetisch. Sie ist in ihrer Art unglaublich attraktiv und ansprechend. Unsere Schönheitskriterien sind sowieso mit größter Vorsicht zu genießen. Ich finde es schrecklich, dass wir Frauen es hinnehmen, dass die Schubkästen, in die wir gestopft werden, immer enger werden. Was ist denn schön? Kleidergröße 36, 34 oder gleich Kleidergröße Null wie in Los Angeles? Was ist jung? Wenn jemand 23 ist? Und was ist Erfolg? Das ist grauenvoll. Dass wir das hinnehmen und sogar zulassen, finde ich schrecklich.

Ricore: Trägt der Film nicht zu diesem Jugend- und Schönheitswahn bei?

Dörrie: Das ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Was war zuerst da? Sind Filme so, weil wir das wollen, oder sind wir so, weil die Filme so sind? Ich glaube schon, dass wir Frauen großen Anteil daran tragen, dass diese Kriterien so eng gezurrt werden. Wir tun ja auch alles dafür, dass wir in diese Kriterien, dir wir selbst mit erfinden, hineinpassen. Was ist denn dünn genug? Wie viel darf ich wiegen? Wie groß darf mein Busen sein? Das ist doch eine Vergewaltigung, an der wir selbst mitarbeiten und die zum Himmel schreit.
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Fast schwerelos "Die Friseuse" (Gabriela Maria Schmeide)
Ricore: Haben Sie über dieses Schönheitsideal auch während der Dreharbeiten gesprochen?

Dörrie: Darüber brauchten wir nicht zu reden. Das war klar. Es war von vorneherein klar, dass Kathi König klasse ist. Dass sie klare Farben liebt, sich sehr viel Mühe mit ihren Kleidern macht. Wir haben sehr viel Liebe ins Detail gesteckt und wussten, dass sie in keine gängige Vorstellung von Schönheit passt.

Ricore: Kathi König ist einer echten Friseuse nachempfunden.

Dörrie: Nicht die ganze Figur. Einige Episoden, der Sound und vor allem die Dialoge sind sehr stark von ihr inspiriert.

Ricore: Die echte Friseuse hat Ihnen über ein Jahr lang die Haare gemacht, stimmt das?

Dörrie: Ja. Sie hat mir immer wieder die Haare geschnitten.

Ricore: Hat sie bei den Dreharbeiten mitgewirkt.

Dörrie: Ich habe sie eingeladen, ans Set zu kommen, und zwar in einer bestimmten Funktion. Sonst steht man immer so blöd rum. Sie hat uns bei den Frisuren ausgeholfen.

Ricore: Wie hat ihr das Ergebnis gefallen?

Dörrie: Sehr. Das war mir sehr wichtig. Ich wollte sie in keinem Punkt verletzen, falsch darstellen oder zu nahe zu kommen. Aber das ist zum Glück nicht geschehen. Sie war begeistert.
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Doris Dörrie mit Hauptdarstellerin Gabriela Maria Schmeide
Ricore: Für "Die Friseuse" haben Sie zum ersten Mal ein bestehendes Buch genommen und verfilmt. Wie hat sich das angefühlt?

Dörrie: Das war eine Premiere. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich mich spontan in ein Buch beziehungsweise in die Hauptfigur verliebe, wie hier. Ich war sehr viel gesitteter und höflicher mit diesem Buch, als mit meinen eigenen Büchern. Damit gehe ich immer ziemlich ruppig um. Ich verfluche dann den Autor und schmeiß' das Buch weg. Das ist hier nicht geschehen.

Ricore: Sind Sie eine aufbrausende Person?

Dörrie: Ich glaube ich bin sehr cholerisch, aber nicht am Set. Wenn ich drehen darf, bin ich glücklich (lacht). Ich rege mich aber sehr schnell über Ungerechtigkeiten auf, über Rassismus, Neonazis. Darüber echauffiere ich mich sehr.

Ricore: Sie sind auch politisch?

Dörrie: Ja, schon immer gewesen. Mal weniger, mal mehr.

Ricore: Der Film ist ja auch gesellschaftskritisch. War Ihnen das ein Anliegen?

Dörrie: Mit dem Anliegen bin ich vorsichtig. Ich bin nicht die Post, die irgendwelche Botschaften verschickt. Mir ist aber wichtig, dass der Boden für die Figur, die Geschichte stimmt. Ich will das zeigen, was notwendig ist, damit die Geschichte funktioniert. Genauso wichtig war es zu zeigen, wie Rudi Angerhofer in "Kirschblüten - Hanami" lebt, was es für ihn bedeutet, in eine Großstadt zu kommen, in der er nichts kennt.
Majestic Film Verleih
Kirschblüten - Hanami
Ricore: Wie schwer beziehungsweise einfach war es für Sie, nach "Kirschblüten - Hanami" einen Film zu machen?

Dörrie: Beides. Ich hab glücklicherweise schon etwas Übung darin. Man darf sich einfach nicht irre machen lassen. Man darf dem Misserfolg nicht glauben, ebenso wenig wie dem Erfolg. Man darf sich weder von dem einen entmutigen, noch von dem anderem überflügeln lassen. Hat man einmal Erfolg, heißt das nicht, dass man weiß, wie es geht.

Ricore: Erfolg und Misserfolg sind also gefährlich?

Dörrie: Ja genau. Man muss immer wieder zur ursprünglichen Motivation zurückkommen: Warum erzähle ich diese Geschichte, warum erzähle ich überhaupt Geschichten? Wenn man glaubt, man habe eine Masche gefunden, ist man verloren. Das ist gefährlich.

Ricore: Lernen Sie von Film zu Film?

Dörrie: Ja, wenn ich von der Geschichte, die ich erzähle, nichts lernen könnte, wäre sie für mich nicht interessant. Dann könnte ich morgens nicht so früh aufstehen. Ich muss schon das Gefühl haben, dass ich durch das, was ich mache, weiterkomme. Dass ich etwas begreife.

Ricore: Macht das Ihre Motivation aus?

Dörrie: Ja. Ich schreibe gleichzeitig ja auch. Ich möchte diese Welt, in der ich lebe, wenigstens im Ansatz begreifen, bevor ich sie verlasse.

Ricore: Schreiben ist eine relativ einsame Angelegenheit, während das Regieführen geselliger ist. Zieht Sie dieser Gegenpol an?

Dörrie: Ja, ich könnte weder auf das eine, noch auf das andere verzichten.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  21. Februar 2010

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