Jean-François Martin/Ricore Text
Joaquin Phoenix
Der Träumer und die Traumfabrik
Interview: Joaquin Phoenix: Panzer, Träume, Versagensängste
Lange stand Joaquin Phoenix im Schatten seines toten Bruders River, doch spätestens seit "Gladiator" gehört der 27-Jährige zur ersten Garde Hollywoods. Nun kommt mit "Army Go Home!" eine makabre Militärsatire in die Kinos, in der Phoenix einmal mehr die volle Bandbreite seines schauspielerischen Könnens zeigt: Als charmanter Antiheld Ray Elwood schmuggelt er Heroin und verführt ganz nebenbei die Tochter seines Vorgesetzten.
erschienen am 31. 10. 2002
Anna Paquin und Joaquin Phoenix in Army go home!
Ricore: Ihr neuer Film "Army Go Home!" ist eine recht gewitzte Militärsatire. Wie kamen Sie zu dieser bitterbösen aber auch sehr charmanten Rolle?

Phoenix: In "The Yards", "Gladiator" und "Quills" spielte ich gleich drei tragische Figuren hintereinander. Also war es Zeit für eine Komödie. Wenn ich ehrlich bin: Ich musste einfach in einem Film mitspielen, in der ein paar durchgeknallte Soldaten mit einem Panzer einen Kleinwagen platt machen (lacht).
Anna Paquin und Joaquin Phoenix in Army go home!
Ricore: George Bush wird sich über den Film nicht freuen - oder?

Phoenix: Keine Ahnung, wie Mr. Bush darüber denkt. Es ist mir auch egal. Fragen Sie mich nie, welche Reaktion ein Film bei jemandem hervorruft, da liege ich immer falsch. Die Filme, die mir gefallen, mag meistens fast niemand. Die großen Blockbuster dagegen finde wiederum ich uninteressant.

Ricore: Wie wichtig ist Ihnen bei der Auswahl Ihrer Rollen denn das kommerzielle Potenzial?

Phoenix: Da befinde ich mich in einem Zwiespalt: Natürlich möchte ich in erster Linie meinem Empfinden nach hoch künstlerische und geniale Filme drehen. Aber würde ich Kassenknüller wie jetzt "Signs - Zeichen" ablehnen, könnte ich mir die kreativen Projekte mit wenig Budget nicht mehr leisten. Schließlich muss ich auch von etwas leben. In dieser Hinsicht bin ich sehr realistisch.
Prokino
Ed Harris und Elizabeth McGovern in "Army Go Home!"
Ricore: Seit Ihrer Kindheit arbeiten Sie im Entertainment-Business. Können Sie sich etwas anderes überhaupt noch vorstellen?

Phoenix: (stutzt und schüttelt den Kopf) Neulich habe ich mir für diese Frage eine so schöne Antwort überlegt - und jetzt habe die Antwort vergessen... (überlegt) ... ah, ich weiß es wieder: Ich wäre gerne Berufsträumer (lacht). Es wäre doch herrlich, wenn ich mein Geld mit Träumen verdienen könnte.

Ricore: Was wäre denn Ihr größer Traum?

Phoenix: Mein großer Traum ist es, irgendwann eine eigene Familie zu haben. Aber ich denke, dafür brauche ich noch etwas Zeit. Ich bin einfach noch nicht soweit.

Ricore: Träumen Sie nicht auch davon, irgendwann mal selbst Regie zu führen?

Phoenix: Ich habe darüber nachgedacht. Aber ich bin einfach unfähig, schnelle und konsequente Entscheidungen zu fällen. Diese Vorraussetzung muss man als Regisseur aber unbedingt mitbringen. Ich würde in diesem Job vermutlich verrückt werden. Ich wäre nicht mal imstande zu entscheiden, wo die Kamera aufgestellt werden soll. Ich würde meine Meinung dauernd ändern. Mit dieser Art Stress werde ich momentan noch nicht fertig.
Joaquin Phoenix in Army go home!
Ricore: Wie wichtig ist Ihnen Ihr Image?

Phoenix: Manchmal lese ich da ein paar Sachen, und wirklich böse Behauptungen ärgern mich schon. Aber meistens kümmere ich mich nicht mehr darum. Ich wohne nicht in Los Angeles, lese keine Branchenblätter wie "Variety" und schere mich nicht um Klatschmagazine. Daher bekomme ich nicht allzu viel mit. Ich lasse mich nicht unter Druck setzten. Ich setze mich schon selbst genug unter Druck.

Ricore: In "Army Go Home!" fällt der Satz: "In Friedenszeiten haben Soldaten nichts totzuschlagen außer die Zeit." Was machen Sie, wenn Ihnen langweilig ist?

Phoenix: Ich kann stundenlang an einem Fleck zu sitzen und einfach nur die Wand anstarren. Ich kenne Kollegen, die während der Drehpausen in ihrem Wohnwagen sitzen und unentwegt Computer spielen oder fernsehen. Ich gehe auch in meinen Wohnwagen. Aber ich mache das, um allein zu sein, dazusitzen und nachzudenken.
Anna Paquin und Joaquin Phoenix in Army go home!
Ricore: Über was zum Beispiel?

Phoenix: Ich werde oft unsicher. Wissen Sie, Filmdrehs stressen mich enorm: Ich möchte etwas Zeitloses schaffen, das über das erste Startwochenende hinaus in den Köpfen der Zuschauer bleibt. Aber es ist so leicht, beim Dreh Fehler zu machen, die später nicht mehr geändert werden können.

Ricore: Versagensängste?

Phoenix: Es ist schon ein enormer Druck. Am Abend vor dem ersten Drehtag zu "Army Go Home!" war ich so nervös, dass ich Gregor Jordan, den Regisseur, mit weinerlicher Stimme anrief und ihn bat, zu mir zu kommen. Er kam dann auch vorbei, aber er hat mich ausgelacht! Können Sie sich das vorstellen? Anstatt mich zu trösten, lachte Gregor mich einfach aus.

Ricore: Sind Sie nach den aufreibenden Dreharbeiten wenigstens mit Ihrer Leistung zufrieden?

Phoenix: Nie! Ich finde immer Fehler und Nuancen, die ich hätte besser ausarbeiten können. Daran ändert auch meine Oscarnominierung nichts. Ich kenne mich selbst am besten und bemerke Dinge an mir, die vielleicht niemand sonst sieht. Für mein Empfinden war ich bisher in keiner meiner Rollen auch nur annähernd perfekt. Mein großes Ziel ist es, in einer Rolle absolute Vollkommenheit zu erreichen. Ich hoffe, das gelingt mir irgendwann.
erschienen am 31. Oktober 2002
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2023