Universum Film
Ryan Phillippe in "Der Mandant"
Wie der Phönix aus der Asche
Interview: Ryan Phillippes düstere Seite
Ein Tattoo sagt manchmal einiges über einen Menschen aus. Das gilt auch für Ryan Phillippe. Im Interview mit Filmreporter.de erklärt uns der Schauspieler die Bedeutung der zahlreichen Tätowierungen auf seinem Körper. Anlässlich seines neuen Thrillers "Der Mandant" spricht er zudem über die Faszination des Bösen und seine dunklen Seiten. Wie er diese am besten in Schach hält, wollten wir natürlich auch wissen.
erschienen am 23. 06. 2011
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Ryan Phillippe in "Der Mandant"
Ricore: Ihr Tattoo sieht interessant aus. Hat es eine besondere Bedeutung?

Ryan Phillippe: Es stellt den mythischen Vogel Phönix dar, der verbrennt und aus seiner Asche wiedergeboren wird. Nach meiner Scheidung gab es eine dunkle Phase in meinem Leben. Meine Kinder halfen mir aus dieser schwierigen Situation. Damals nahm ich mir viele Dinge vor, die ich verbessern wollte. Dieses Tattoo sollte mich an diese Vorsätze erinnern.

Ricore: Dann haben Sie noch ein kleineres, wie ich sehe.

Phillippe: Ja, dieses habe ich, seit ich 19 bin. Das habe ich mir zu der Zeit stechen lassen, als ich meinen ersten Film "White Squall" machte. Als ich ein Teenager war, war es mein größtes Ziel, in einem Film mitzuwirken. Als ich dieses Ziel endlich erreicht hatte, habe ich mir dieses Tattoo machen lassen, damit ich mich daran erinnere. Mittlerweile ist es sehr blass, weil ich schon alt bin.

Ricore: Wie bitte? Sie sind doch nicht alt.

Phillippe: [lacht] Vielleicht fühle ich mich auch einfach nur alt. Ich habe in meinen 36 Jahren viel erlebt. Deshalb habe ich so einige Tattoos.

Ricore: Für jeden Film eins?

Phillippe: [lacht] Nein, das wäre ja lächerlich. Ich habe 30 Filme gemacht, das geht nicht.

Ricore: Was für Tattoos haben Sie noch?

Phillippe: Am Fuß habe ich noch eins, das auf die Geburt meiner Tochter im Jahr 1999 verweist. Auf meinem Rücken habe ich auch eins. Es symbolisiert meinen Großvater, der vor der Geburt meines Sohnes starb. Mein Opa war mein großer Held. Das Tattoo stellt seine schützende Hand dar, die meinen Sohn hält. Sie haben sich nie getroffen und ich wollte, dass sie zusammen wären. An meinem Bein habe ich einen großen Dolch. Er gibt mir das Gefühl von Sicherheit.
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Der Mandant
Ricore: Sie sagten vorhin, ihr Opa war ein Held für Sie. Inwiefern?

Phillippe: Er hatte ein besonders schwieriges Leben. Er war ein dekorierter Soldat im Zweiten Weltkrieg. Als er zurückkehrte, hatte er ein Alkoholproblem, das er dann überwunden hat. Er ist in sehr ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Er hatte sieben Geschwister und sie mussten sich ein einziges Paar Schuhe teilen, wenn sie Vorstellungsgespräche hatten. Angesichts solcher Umstände bewundere ich ihn sehr für das, was aus ihm geworden ist. Er war eine große Inspiration für mich.

Ricore: Ist Älterwerden ein Thema für Sie?

Phillippe: Nein, das ist es nicht. In Wahrheit finde ich, dass Älterwerden auch etwas Beruhigendes an sich hat. Man lernt im Laufe der Zeit, wer man ist.

Ricore: Sie sagten eben, dass Sie viele Erfahrungen in Ihren 36 Jahren gemacht haben. Gibt es auch Erlebnisse, die Ihnen halfen, ein besserer Mensch und Schauspieler zu werden?

Phillippe: Ja, absolut. Wenn man bestimmte Herausforderungen im Leben übersteht, findet man an sich neue Seiten. Als meine Tochter geboren wurde, stellte ich fest, dass ich viel emotionaler bin, auch in Bezug auf meine Arbeit. Die Lebenserfahrung formt die Fähigkeiten eines Menschen. Das gilt auch für einen Schauspieler.

Ricore: Gibt es Entscheidungen, die Sie im Nachhinein bereuen?

Phillippe: Ja, sicher. Jeder Mensch macht Fehler im Leben. Doch aus Fehlern lernt man. Fehler machen einen Menschen erst reifer. Man wächst an ihnen.
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Ryan Phillippe und Matthew McConaughey liefern sich ein Duell in "Der Mandant"
Ricore: Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Matthew McConaughey?

Phillippe: Ich liebte die Arbeit mit ihm. Ich persönlich glaube, dass er in "Der Mandant" die vielleicht beste Leistung seiner Karriere abgeliefert hat. Es ist schön zu sehen, dass er wieder zu dramatischen Stoffen zurückgekehrt ist. Hier kann er zeigen, was für ein toller Schauspieler in ihm steckt. Außerdem ist er einfach ein großartiger Kerl. Er hat keine Attitüden, ist immer freundlich und nimmt sein soziales Engagement sehr ernst.

Ricore: Auch auf die Gefahr hin, das ich mit der nächsten Frage zu viel von der Handlung vorwegnehme: In "Der Mandant" spielen Sie einen Bösewicht. Ist das ein Rollentyp, der Ihnen liegt?

Phillippe: Ja, absolut. Die Rolle machte mir großen Spaß. In vielen meiner Filme verkörpere ich den Helden. Das kann sehr einschränkend sein. Man muss den Zuschauer immer dazu bringen, Sympathien für diese Figur zu empfinden. Bei der Rolle des Bösewichts gibt es keine Regeln. Man kann machen, was man will. Ich habe das sehr genossen.

Ricore: Ihre Figur entpuppt sich erst im Lauf der Handlung als böse. Zunächst ist sie das vermeintliche Opfer. Wie schwer war es für Sie, zunächst das Gute und dann das Böse zu verkörpern?

Phillippe: Wir haben jede Szene jeweils auf verschiedene Weise gedreht. Der Cutter hatte so die Möglichkeit, mit dem Material zu spielen und den Zuschauer zu manipulieren. Was den Spoiler angeht, den Sie angedeutet haben: Ich denke, dass sehr schnell klar wird, welche Figur ich verkörpere. Bereits aus dem Trailer geht hervor, dass Louis Roulet kein netter Mensch ist. Das ist also keine große Überraschung. Dennoch verliert der Film nach dieser ersten Überraschung nichts von seiner Spannung. Es gibt danach noch viele andere Wendungen.

Ricore: Was machte das Böse in der Kunst so faszinierend?

Phillippe: Schwer zu sagen. Vielleicht liegt es daran, dass jeder Mensch eine böse Seite in sich trägt. Das Böse in der Kunst auszuloten ist vielleicht deshalb so interessant, weil man es sonst in sich verschließen muss.
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Ryan Phillippe als Angeklagter in "Der Mandant"
Ricore: Was sind Ihre dunklen Seiten?

Phillippe: Das Dunkle in mir ist die Tatsache, dass ich vieles mit mir herumschleppe, allzu schnell resigniere und oft deprimiert bin. Die Kinder sind da meine Medizin. Außerdem gibt mir Sport viel Kraft und die nötige Balance. Seitdem ich acht Jahre alt bin, mache ich Kampfsport. Das hat etwas Meditatives an sich.

Ricore: Was für eine Kampfkunst trainieren Sie?

Phillippe: Ich habe einen schwarzen Gürtel in Taekwondo und Aikido. Vor kurzem habe ich mit Muay Thai angefangen. Ich bin also sehr gefährlich. [lacht]

Ricore: Wurden Sie jemals bei der Ausübung dieser Kampfkünste verletzt?

Phillippe: Ja, aber die Verletzungen waren nicht so gravierend. Ich habe zwar an einigen Turnieren teilgenommen, hatte aber das Glück, dass ich nie ernsthaft verletzt wurde.

Ricore: Wie schwer war es, die schwarzen Gürtel zu erringen?

Phillippe: Für den ersten habe ich fünf Jahre gebraucht. Als ich Teenager war, habe ich als Kampfsport-Trainer gearbeitet und habe Kindern Taekwondo beigebracht. Etwa um diese Zeit hatte ich die Möglichkeit, nach Korea zu gehen, um den Kampfsport zu vertiefen. Aber ich hatte nicht genug Geld für den Flug. Wenn es geklappt hätte, wäre ich wohl niemals Schauspieler geworden.

Ricore: Was finden Sie an Kampfsport so faszinierend?

Phillippe: Es hat etwas Befreiendes an sich. Es ist eine Möglichkeit der Stressbewältigung.
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Margarita Levieva und Ryan Phillippe in "Der Mandant"
Ricore: Sind Sie ein Morgenmensch? Ich habe gehört, Sie singen Frank Sinatra-Lieder unter der Dusche.

Phillippe: Ja, das tue ich manchmal, das stimmt. Aber ich würde nicht sagen, dass ich ein Morgenmensch bin. Überhaupt nicht [lacht]. Ich schlafe lieber länger. Dann fühle ich mich am lebendigsten. Aber wenn man Kinder hat, dann hat man sowieso keine Wahl, wann man aufsteht. Man muss zwangsläufig ein Morgenmensch sein. Man muss jeden Morgen aufstehen, um sie für die Schule vorzubereiten.

Ricore: Wie kommen Sie unter der Dusche auf Frank Sinatra?

Phillippe: Keine Ahnung. Das ist etwas, das mich schon seit Jahren begleitet. Ich liebe Frank Sinatra. Ich finde ihn auch als Menschen einfach faszinierend. Er ist der Grund, wieso ich meine Tochter Eva genannt habe. Denn Eva Gardner ist die einzige Frau gewesen, die Sinatras Herz gebrochen hat. Außerdem hatte ich eine Bulldogge, die ich Frank genannt habe. [lacht] Ich habe also ein großes Interesse an Frank Sinatra. Martin Scorsese bereitet gerade einen Film über ihn vor. Es wäre großartig, eine Rolle zu bekommen. Aber was meinen Musikgeschmack angeht, bin ich auch ein großer Fan von Hip-Hop und Rap. Es ist also nicht nur Sinatra.

Ricore: "Der Mandant" hat einen starken Hip-Hop-Soundrack. Hatten Sie Einfluss auf die Musikauswahl?

Phillippe: Regisseur Brad Furman kommt aus Philadelphia und ist im gleichen Alter wie ich. Wir haben uns tatsächlich viel über den Soundrack des Films unterhalten. Andererseits ist diese Musik auch in der Romanvorlage angelegt. Der Fahrer macht den Anwalt mit Rap vertraut.

Ricore: Sie haben in Ihrer Karriere viele Charaktere gespielt. Haben Sie eine Strategie bei der Rollenauswahl?

Phillippe: Nein, ich habe keine Strategie. Ich nehme nie eine Rolle an, weil ich von ihr erwarte, dass sich meine Karriere in diese oder jene Richtung entwickeln könnte. Ich suche einfach nach originellen Stoffen und Charakteren. Ich möchte Figuren verkörpern, die ich noch nicht gespielt habe und die neu für mich sind. Es wäre schlimm, wenn ich mich wiederholen würde. Das wäre auf Dauer langweilig. Ich liebe die Herausforderung, völlig fremde und unterschiedliche Charaktere zu kreieren. Andererseits fühle ich mich immer wieder zu bestimmten Filmen hingezogen. Ich liebe Filme mit Substanz, solche, die ernsthafte Themen ansprechen. Außerdem mag ich Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. "Flags of Our Fathers" von Clint Eastwood und mein aktueller Film "The Bang Bang Club" sind gute Beispiele dafür.
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Ryan Phillippe
Ricore: Können Sie uns sagen, wovon "The Bang Bang Club" handelt?

Phillippe: Der Film handelt von den wahren Erlebnissen von vier Fotografen, die während der Apartheid in die Townships von Südafrika fuhren, um die Welt mit ihrer Arbeit auf die dortigen Verhältnisse aufmerksam zu machen. Abgesehen vom Realitätsgehalt, erzählt der Film auch eine sehr dramatische Geschichte. Zwei der Männer haben für ihre Arbeit den Pulitzer-Preis gewonnen. Einer war Kevin Carter, der das berühmte Foto machte, in dem ein verhungerndes Mädchen zu sehen ist, das von einem Geier beobachtet wird. Später beging der Fotograf Selbstmord. Er tat es wohl aus Schuldgefühlen, weil er dem Mädchen nicht geholfen hat. Ein anderer der vier wurde während Gefechten getötet. Der Film hat einige sehr starke Momente. Er ist authentisch, die Außenaufnahmen sehen aus wie die Bilder aus den Nachrichten.

Ricore: Wie lange haben Sie für die Dreharbeiten in Südafrika verbracht?

Phillippe: Ich verbrachte fast zwei Monate dort. Bereits 1995 bin ich in Südafrika gewesen. Es war die Zeit kurz nach dem Ende der Apartheid. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich das Land in den 15, 16 Jahren verändert hat. Es ist viel freier und lebendiger als Anfang der 1990er Jahre. Südafrika ist ein Land, das unter die Haut geht. Ich habe vor, im Laufe dieses Jahres wieder dorthin zu reisen. Dieses Mal nehme ich auch meine Kinder mit. Ja, ich habe mich in Südafrika verliebt.

Ricore: Zeigen Sie Ihre Filme auch Ihren Kindern?

Phillippe: Nein, ich habe nicht viele kindertaugliche Filme gemacht. "White Squall" ist vielleicht der einzige Film, den ich ihnen zeigen könnte. Aber ich bin gespannt, wie sie auf meine Filme reagieren werden, wenn sie älter sind.

Ricore: Sie sagten eben, dass Sie Filme mögen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Gibt es eine historische Persönlichkeit, die Sie gerne mal spielen würden?

Phillippe: Ich würde gerne in einem Western mitspielen. Außerdem würde ich gerne Charles Lindbergh verkörpern. Ich finde seine Lebensgeschichte faszinierend. Sowohl die Tatsache, dass er Flugrekorde gebrochen hat, als auch den Umstand, wie sein Sohn entführt wurde.
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Ryan Phillippe ist "Der Mandant"
Ricore: Was fasziniert Sie am Westerngenre?

Phillippe: Western haben etwas Männliches an sich. In der Schauspielerei gibt es nicht sehr viele Momente, in denen man sich männlich fühlen kann. Man sitzt in der Maske, lässt sich schminken und die Haare frisieren. Da ist die Welt des Westerns doch viel rauer [lacht].

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, eine Lindbergh-Verfilmung auch mal selbst zu initiieren?

Phillippe: Es gibt eine großartige Biographie, die vor einigen Jahren veröffentlicht wurde. Das wäre auf jeden Fall der Punkt, an dem man ansetzen könnte.

Ricore: Sie haben doch eine eigene Produktionsfirma.

Phillippe: Ja, ich bin da ziemlich involviert. Wir haben kürzlich eine Serie produziert und in den USA verkauft. Es ist eine Serie, an der ich als ausführender Produzent und Autor mitgewirkt habe. Außerdem produzieren wir seit Mai dieses Jahres einen Film. Danach werde ich unter dem Dach dieser Produktionsfirma meinen ersten Kurzfilm inszenieren.

Ricore: Wovon handelt der Kurzfilm?

Phillippe: Die Geschichte handelt von einem Mann, der nach der Trennung von seiner Partnerin den Verstand verliert.

Ricore: Werden Sie die Rolle dieses Mannes spielen?

Phillippe: Das habe ich bisher noch nicht entschieden.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 23. Juni 2011
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Der Mandant (Kinofilm)
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