Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Barbara Sukowa
Mensch im Dialog mit sich
Interview: Barbara Sukowa philosophisch
Sie war nicht nur eine der wichtigsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine Frau, die sich mutig für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzte. Nun wurde das Leben der Publizistin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt verfilmt. "Hannah Arendt" fokussiert auf den spektakulären Prozess gegen Adolf Eichmann und zeigt, wie Arendt mit ihrer Berichterstattung die Auffassung der Welt über das Dritte Reich maßgeblich prägte. Die Hauptrolle in Margarethe von Trottas großartig inszeniertem Biopic verkörpert Barbara Sukowa. Im Interview mit Filmreporter.de spricht die 62-Jährige über ihre 'Begegnung' mit der 1975 verstorbenen Philosophin.
erschienen am 10. Januar 2013
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Barbara Sukowa in und als "Hannah Arendt"
Ricore: Was war Ihr erster Gedanke, als Ihnen die Rolle Hannah Arends angeboten wurde?

Barbara Sukowa: Ich fühlte erst mal Furcht und zwar aus verschiedenen Gründen. Hannah Arendt war eine intellektuelle Gigantin. Es ergaben sich viele Fragen. Wie soll man Intellektuelle im Film darstellen, eine Frau, deren Thema das Denken ist. Und zwar auf eine Weise, dass das nicht langweilig wird. Hinzu kam, dass Hannah Arendt so viel intellektueller war, als ich es bin. Sie hat ihr ganzes Leben gedacht, studiert und geschrieben. Ich bin Schauspielerin, habe Kinder und führe ein ganz anderes Leben. Eine weitere Furcht resultierte aus der Tatsache, dass da zwei Frauen einen Film über eine deutsche Jüdin und den Eichmann-Prozess machen wollen. Ich hatte Angst vor dem Stoff, der immer noch sehr kontrovers diskutiert wird. Der Film sollte ursprünglich "Kontroverse" heißen.

Ricore: Glauben Sie, dass "Hannah Arendt" eine Kontroverse auslösen wird?

Sukowa: Ich denke schon. Wir haben den Film auf dem Filmfestival in Toronto gezeigt, wo er sehr positiv aufgenommen wurde. Man hatte dort kaum Gegenstimmen gehört. Das überraschte mich. In New York könnte das anders sein. Ich bin gespannt, wie er in Deutschland aufgenommen wird. Es wäre jedenfalls gut, wenn er eine Diskussion auslösen würde.

Ricore: Hannah Arendt war eine starke Raucherin. Wie viel mussten Sie im Film rauchen?

Sukowa: (lacht) Das war mein kleinstes Problem. Dafür muss man nicht viel können, nur wissen, wie man raucht. Da ich mal Raucherin war, gab es in dieser Hinsicht keine Probleme. Das einzige Problem war, dass ich wieder Lust hatte, zu rauchen.

Ricore: Dabei haben Sie nicht einmal echten Zigaretten geraucht.

Sukowa: Es waren Kräuterzigaretten. Trotzdem kam die Lust zu rauchen sehr schnell wieder. Das hätte ich nach so vielen Jahren nicht gedacht. Rauchen ist wirklich das blödeste, das es gibt. Wenn ich irgendwas in meinem Leben bereue, dann dass ich so viel geraucht habe.

Ricore: Im Unterschied zu "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" spielen Sie in "Hannah Arendt" eine Persönlichkeit, die fast unsere Zeitgenossin ist. Wie sehr wollten Sie Arendts Äußeres nachahmen?

Sukowa: Bei Hildegard von Bingen konnte keiner nachprüfen, was ich da gemacht habe. Was Hannah Arendt angeht, so gibt es noch viele Menschen, die sie kennen. Es gibt genügend Filmmaterial über sie. Ich habe Günter Gaus' Interview mit ihr sehr genau studiert und achtete dabei auf Arendts Manierismen und ihre ganze Art, sich zu geben. Ich denke, dass ich ihr recht nahe gekommen bin. Am Anfang haben wir mit Gesichtsprothesen gearbeitet. Dann entschieden wir uns, ihr Äußeres nicht zu imitieren. Die Zuschauer würden darauf achten, ob wir es geschafft haben oder nicht.
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Hannah Arendt (Barbara Sukowa) und Hans Jonas (Ulrich Noethen)
Ricore: Haben Sie dennoch bestimmte Eigenarten Arendts übernommen?

Sukowa: Ich habe mit einer etwas tieferen Stimme gesprochen. Außerdem habe ich ihren starken deutschen Akzent übernommen. So wie im Film spreche ich normalerweise nicht Englisch. Außerdem habe die Zigarette wie sie gehalten. Auch ihre Art, Deutsch zu sprechen, habe ich imitiert. Bestimmte Wörter klangen bei ihr wie aus dem Ostpreußischen. Zum Beispiel sagte sie 'wenijer' statt 'weniger'. Diese Eigenheiten habe ich zwar übernommen, zugleich aber auch abgemildert. Wir wollten alles vermeiden, was den Zuschauer vom Wesentlichen ablenken könnte. Wir wollten zeigen, was Arendt denkt.

Ricore: Der Film endet mit der großen Rede Arendts vor Studenten und Kollegen an der Universität. War das die darstellerisch herausforderndste Szene?

Sukowa: Ja, diese Szene sollte am ersten Tag gedreht werden. Das haben wir dann sein lassen und sie am zweiten Drehtag inszeniert. Vorher hatte ich eine kleine Szene, bei der ich nicht viel spielen, musste. Die Rede-Szene war insofern schwierig, weil ich sie nicht wie im Theater proben konnte, sondern sie mir zu Hause erarbeiten musste. Das hatte andererseits den Vorteil, dass wir das Schlimmste schnell hinter uns hatten.

Ricore: Die Szene ist auch dank Ihrer Darstellung sehr gelungen.

Sukowa: Ich habe mich sehr gut darauf vorbereitet. Ich probte die Rede bei laufendem Fernseher und anderen Ablenkungen. Eine fertige Filmszene erscheint zwar ruhig und konzentriert. Ihr Dreh ist aber alles andere als ruhig und entspannt. Da herrscht immer großer Betrieb. Mal bewegt sich die Kamera, dann geht jemand mit dem Ton hin und her oder es blinkt etwas. Trotz der vielen Ablenkungen muss man den Fokus bewahren. Die Rede ist im Film zwar geschnitten, aber beim Drehen musste ich sie durchspielen. Da musste ich gut vorbereitet sein.

Ricore: Laut Margarethe von Trotta wurde Eichmann unter anderem aus moralischen Bedenken nicht von einem Schauspieler dargestellt. Hatten Sie Angst, Frau Arendt nicht gerecht zu werden?

Sukowa: Ja sicher, die Furcht vor so einer Rolle ist immer da. Ich bin nun mal nicht Frau Arendt und ich kann auch nicht so sein wie sie. Ich weiß nicht, wie sie war. Selbst diejenigen, die sie kannten, würden verschiedene Dinge über sie sagen. Der eine würde behaupten, dass sie ein großartiger Mensch war und eine gute Freundin sein konnte. Ein anderer würde sagen, dass sie eine kalte Zicke war.

Ricore: Haben Sie sich im Rahmen der Vorbereitung mit dem Eichmann-Prozess und den philosophischen Anschauungen Arendts, etwa mit ihrer Idee der "Banalität des Bösen" auseinandergesetzt?

Sukowa: Ich habe mich mein ganzes Erwachsenen-Leben mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Insofern war das für mich nichts Neues. Abgesehen davon habe ich sehr viel von Hannah Arendt gelesen. Um im Film das Denken zu zeigen, musste ich mich mit ihren Gedanken auseinandersetzen. Ich habe die Briefe gelesen, die sie an ihren Mann Heinrich Blücher, die Schriftstellerin Mary McCarthy, Karl Jaspers und Martin Heidegger geschrieben hat. Außerdem las ich, was sie gelesen hat. Vieles davon konnte ich allerdings nur durchfliegen, weil ich nicht so viel Zeit hatte.

Ricore: Wie viel Zeit hatten Sie denn?

Sukowa: Ich wusste ab einem bestimmten Zeitpunkt, dass Margrethe mit mir den Film machen wollte. Das Drehbuch war aber noch nicht fertig. Trotzdem hätte ich bereits anfangen können, mich mit Hannah Arendt zu beschäftigen. Ich wollte vorher aber das Drehbuch lesen. Das war mir sehr wichtig. Vorher hatte ich nicht viel Ahnung von Hannah Arendt und hatte auch nichts von ihr gelesen. Ich wollte wissen, ob man den Film versteht, wenn man von Arendt nichts weiß. Wenn ich mich vorbereitet hätte, dann hätte ich das Drehbuch anders gelesen. Danach konnte ich genau sagen, was klar und was einem unwissenden Zuschauer unklar bleiben würde.
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Barbara Sukowa spielt "Hannah Arendt"
Ricore: Stimmen Sie Arendts Aussagen über Adolf Eichmanns überein, die Anlass zu heftiger Kritik waren.

Sukowa: Ihre Ausführungen über die Banalität des Bösen waren brillant. Nach diesem Buch musste man die Zeit, die Nationalsozialisten sowie die deutsche Bevölkerung anders sehen. Sie hat gesagt, dass Eichmann unfähig war zu denken. Mit dem Begriff des Denkens bezieht sie sich auf Sokrates. Demnach gibt es einen öffentlichen Raum des Denkens und das Denken mit sich selbst, was nichts anderes meint als das Gewissen. Eichmann hat so viele persönliche Züge aufgegeben, dass er nicht mehr gedacht hat. Er hatte kein Gewissen. Ich bin mir aber bis heute nicht sicher, ob er das nicht konnte oder nicht wollte. Oft steht hinter einem Nicht-Können ein Nicht-Wollen. Damit stand Eichmann beileibe nicht alleine da. Außer ihm gab es Professoren und akademisch Gebildete, die die Rassentheorien geschrieben haben. Das waren sicher keine Menschen, die nicht denken konnten. Was Arendt meinte, war das Gewissen. Sie ging der Frage nach, ob Menschen mit sich leben können, wenn sie etwas Verwerfliches tut, oder nicht. Aus diesem Grund finde ich Hannah Arend spannend. Das sind Fragen, die wir uns alle stellen müssen.

Ricore: Wäre es nicht möglich, dass Arendt ihre Theorie auf einer Lüge aufbaute, weil Eichmanns Aussagen vor Gericht lediglich eine Verteidigungsstrategie war?

Sukowa: Das stimmt, es gibt ja diese Interviews mit Willem Sassen, in denen der andere Eichmann zum Vorschein kommt. Andererseits gibt es nicht wenige Stimmen, die behaupten, dass Eichmann vor Sassen eine Show abgezogen hat, weil er sich größer machen wollte. Ich bin der Meinung, dass Arendt sich nicht nur auf Eichmann bezog. Sie war viel zu intelligent, um ihre Theorie nur auf einen Mann aufzubauen. Eichmann war eine Manifestation ihrer Gedanken und Ideen. Er war nicht der einzige, der sich auf diese Weise rechtfertigte. Viele redeten wie er. Als ich noch studierte, saßen noch die ganzen Nazi-Richter in den Gerichten und in den Universitäten lehrten die alten Professoren. Der Grund, wieso viele unbehelligt blieben, lag an der Tatsache, dass man sich in Deutschland in den 1950er Jahren noch nicht mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt hat. Es war die Zeit des Wiederaufbaus, da hat man noch nicht an die Vergangenheit gedacht. Das fing erst später an.

Ricore: Sie leben wie Hannah Arendt in New York. Nun sind sie freiwillig dort, während Hannah Arendt emigrieren musste. Trifft sich Arendt Einstellung zu New York mit Ihrer?

Sukowa: Es durchaus Parallelen. In Ihren Schriften gibt es Schilderungen über New York, die sie 1948 geschrieben hat und die heute noch gelten. Sie schrieb auch viel über die Mentalität der Amerikaner, zum Beispiel dass diese keine Muße hätten. Dem würde ich zustimmen (lacht).

Ricore: Sie sagte, die USA wären das 'Paradies'. Schwang da Ironie mit oder war das aufrichtig gemeint?

Sukowa: Nein, das war aufrichtig. Das Land war für Arendt das Paradies. Zwar sah die soziale Situation alles andere als freiheitlich aus. Es gab die Diskriminierung von Schwarzen und andere soziale Unterdrückungsformen. Politisch herrschte dort aber Freiheit und das empfand sie tatsächlich als 'paradiesisch'.

Ricore: Ist Amerika heute immer noch das Paradies?

Sukowa: Für viele, die aus der Dritten Welt kommen, schon. Trotzdem gibt es in Amerika noch viel soziale Ungleichheit. So gibt es dort noch immer kein soziales Netz. Wenn Obama in seiner zweiten Amtsperiode Glück hat, wird sich das vielleicht ein wenig ändern. Es gibt viele Menschen, die den Mund aufmachen.

Ricore: Abschließend noch eine hypothetische Frage: Wie würde es Hannah Arendt finden, dass man einen Film über sie macht?

Sukowa: Hannah Arendt war mit ihren Freunden sehr offen, ansonsten hat sie ihr Privatleben sehr geschützt. Sie fände es aber wichtig, dass über ihre Ideen diskutiert wird. Sie glaubte, dass Theorien lebendig und menschlich werden, wenn sie unter Menschen kommen. Das hätte sie an "Hannah Arendt" gut gefunden. Ob sie es gut gefunden hätte, dass wir zeigen, wie sie ihren Mann küsst, das weiß ich nicht (lacht). Insgesamt glaube ich aber, dass sie mit dem Film einverstanden wäre.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 10. Januar 2013
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Hannah Arendt (Kinofilm)
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2022