Interview
Matthias Schweighöfer auf dem 39. Deutschen Filmball 2012Ralf Hake/Ricore Text
Große Liebe gewachsen
Matthias Schweighöfers Idealbeziehung
Matthias Schweighöfer inszeniert 2011 mit seinem Regiedebüt "What a Man" einen großen Kassenerfolg. Mit der Komödie "Schlussmacher" steht er deshalb etwas unter Erfolgsdruck. Er spielt einen Agentur-Vertreter, der im Auftrag seiner Klienten Beziehungen aufkündigt. Im Interview mit Filmreporter.de verrät der 31-Jährige, ob er eine solche Trennungsagentur selbst beauftragen würde. Außerdem spricht er über sein Verständnis der großen Liebe.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10. Januar 2013
Schlussmacher20th Century Fox
Ricore: Eine zentrale Rolle in "Schlussmacher" spielt eine Trennungsagentur, die im Auftrag von Klienten Beziehungen beendet. Ist das Fiktion oder gibt es die tatsächlich?

Matthias Schweighöfer: Nein, das ist nicht erfunden, Trennungsagenturen gibt es wirklich.

Ricore: Was halten Sie von diesem Service?

Schweighöfer: Die Agenturen sind für diejenigen, die eine Beziehung beenden wollen, eine bequeme Dienstleistung. Sie nehmen ihnen emotionale Konflikte ab.

Ricore: Ähnlich unpersönlich wie per Telefon und SMS.

Schweighöfer: Diese Möglichkeiten sind vergleichsweise aufwendig. Bei SMS muss man den Trennungswunsch ins Handy tippen. Dabei ist man nicht vor der Reaktion des Ex-Partners sicher. Er könnte versuchen, einen vom Gegenteil zu überzeugen. Man muss sich rechtfertigen und verteidigen, usw.

Ricore: Wäre eine Trennungsagentur auch für Sie eine einfache Option?

Schweighöfer: Ich würde ungerne den persönlichen Kontakt suchen. Ich würde aber auch keine Trennungsagentur beauftragen. Es sei denn, es wäre ein besonders harter Fall und ich müsste mich so emotional distanzieren. Dann wäre es mir scheißegal.

Ricore: Ist man es dem Partner nicht schuldig, die Beziehung persönlich zu beenden? Schließlich hat man sich mal geliebt.

Schweighöfer: Da stimme ich Ihnen auf jeden Fall zu. Wenn ich aber eine krasse Braut am Hals hätte, bei der das persönliche Gespräch einen Hurrikan auslösen könnte, dann würde ich eine Trennungsagentur wählen. Persönlichkeit hin oder her (lacht).

Ricore: Dass es heute das Phänomen der Trennungsagenturen gibt, könnte ein Indiz dafür sein, dass es keine dauerhafte Beziehung mehr gibt.

Schweighöfer: Das Hauptproblem heutzutage ist der Egoismus des Menschen. Man hat zu hohe Erwartungen an seinen Partner und macht sich viel zu viele Gedanken. Daran scheitern die Beziehungen meistens. Dennoch glaube ich, dass es heute noch dauerhafte Beziehungen gibt.

Ricore: Im Film sagt Toto, dass es die große Liebe nicht gibt. Man lernt den Partner vielmehr mit der Zeit lieben und schätzen. Würden Sie dem zustimmen?

Schweighöfer: Ja, das ist auch meine Meinung. Eine richtige Beziehung entsteht erst mit was Konkretem, zum Beispiel einem Kind. Außerdem verliebt man sich auch immer in das, was der Partner für einen tut. Ich glaube nicht, dass man sich auf Anhieb in einen Menschen verlieben kann. Die ersten sechs Monate können erst recht nicht als Maßstab herangezogen werden. Man bumst sich in dieser Zeit doof und dämlich. Danach lernt man die Freunde und Eltern des Partners kennen. Schließlich geht man zusammen zu IKEA und lernt den Geschmack des anderen kennen. Ab dann wächst die Beziehung.

Ricore: Erfordert eine Beziehung tatsächlich so viel Mut, wie im Film behauptet wird?

Schweighöfer: Ja. Vor allem wenn man Kinder hat, erfordert eine Beziehung viel Mut. Ohne Kinder hat man alle Freiheit der Welt. Man kann es sich leisten, ins Kino und ins Theater zu gehen oder einen Ausflug zu machen. Mit Kindern existiert dieser Luxus nicht mehr. Daher erfordert es viel Mut, sich zurückzunehmen. Das gilt für beide Partner.
Matthias Schweighöfer mit Heiner Lauterbach in "Schlussmacher"20th Century Fox
Ricore: Paul und Toto könnten unterschiedlich nicht sein. Mit wem haben Sie sich eher identifiziert?

Schweighöfer: In beiden Figuren steckt etwas von mir. Wie Paul kann auch ich niemanden nah an mich heran lassen. Wenn mir jemand zu nahe rückt, kann ich auch sehr verletzend sein, und zwar aus Selbstschutz. Auf der anderen Seite fühle ich mich mit Toto verbunden und glaube, dass man für seine große Liebe kämpfen muss.

Ricore: Sehr gegensätzliche Eigenschaften.

Schweighöfer: Ja, schließlich bin ich vom Sternzeichen Fisch (lacht).

Ricore: Die Figur Totos haben Sie mit Milan Peschel besetzt. Offenbar hat Ihre Zusammenarbeit in "What a Man" gut geklappt.

Schweighöfer: Ich war Anfang des Jahres ein bisschen müde und wollte deshalb wieder die Leute um mich haben, die mir nicht auf den Sack gehen und auf die ich mich verlassen kann. Milan ist mein Freund und ihm konnte ich alles sagen, was ich mir vorgestellt habe. So kamen wir sehr schnell voran. Die Figur Totos war außerdem so schwer zu spielen, dass ihn nur Milan spielen konnte. Wir haben diesen Charakter von Anfang an für ihn geschrieben. Weil er irgendwann keine Zeit hatte, mussten wir die Arbeit verschieben. Milan sollte die Rolle unbedingt spielen. Er war die perfekte Besetzung.

Ricore: "Schlussmacher" ist Ihre zweite Regiearbeit. Wie hat es sich im Vergleich zur ersten angefühlt?

Schweighöfer: Sehr gut, auch wenn der Druck im Vergleich zu "What a Man" größer war. Andererseits hat die Arbeit an "Schlussmacher" großen Spaß gemacht. Ich konnte diesmal klarer benennen, was ich wollte.

Ricore: Können Sie auch klar sagen, was Ihnen mehr Spaß macht, die Schauspielerei oder die Regie?

Schweighöfer: Ich finde beides cool, wobei ich gerade diese Kombination schön finde.

Ricore: Roman Polanski sagte, dass es ganz schwierig sei, beides unter einen Hut zu bringen. Sie scheinen damit keine Probleme zu haben.

Schweighöfer: Das ist kein Problem, wenn man viel Erfahrung als Schauspieler hat. Dann kennt man sich als Schauspieler so gut, dass man als Regisseur weiß, was man von sich sehen will.

Ricore: Können Sie sich vorstellen, irgendwann die Schauspielerei an den Nagel zu hängen und nur Regie zu führen?

Schweighöfer: Das kann ich mir durchaus vorstellen. Vielleicht höre ich wirklich irgendwann mal auf, zu schauspielern. Die Schauspielerei ist anstrengend und kostet viel Energie.
Schlussmacher20th Century Fox
Ricore: Und Regie ist weniger anstrengend?

Schweighöfer: Als Regisseur setzt man sich eine Mütze auf, nimmt sich einen Kaffee und inszeniert Leute. Das kostet zwar auch Energie, aber wenigstens braucht man nicht nebenher Sport machen, um vor der Kamera fit auszusehen.

Ricore: Würden Sie sich ohne die Schauspielerei gehen lassen?

Schweighöfer: Ich finde Sport zwar wichtig, aber ich würde wahrscheinlich nicht jeden Tag um fünf Uhr aufstehen, um eine Stunde zu joggen. Stattdessen würde ich um sechs Uhr aufstehen, einen Kaffee trinken und an die Arbeit gehen.

Ricore: Ist Ihnen wichtig, was Menschen über Sie denken?

Schweighöfer: Ich denke nicht darüber nach, was Leute über mich denken. Damit habe ich irgendwann aufgehört, da ich mir immer viel zu viele Sorgen machte. Heute ist mir egal, was man über mich denkt oder sagt. Ich höre an einem Tag so viele Meinungen, dass es mich umbringen würde, wenn ich es an mich heranlassen würde.

Ricore: Lesen Sie, was über Sie in der Presse geschrieben wird?

Schweighöfer: Ich lese nur die fiesen Sachen. Nur um der Neugier willen. Ansonsten lese ich wenig, was über mich geschrieben wird. Das einzige, womit ich mich intensiv beschäftige, ist Facebook. Weil man da ganz nah an den Leuten ist, für die man Filme macht.

Ricore: Schauen Sie sich die Fanbeiträge regelmäßig an?

Schweighöfer: Ja, ich schaue sie mir jeden Tag an. Dafür surfe ich täglich bis zu vier Stunden auf Facebook.

Ricore: Sie werden immer wieder mit Til Schweiger verglichen. Wie stehen Sie dazu?

Schweighöfer: Ich freue mich darüber. Til ist ein Freund von mir. Sollen die Leute uns doch vergleichen. Warum auch nicht? Mir ist das relativ egal.

Ricore: "Schlussmacher" ist nach "What a Man" wieder eine Komödie. Ist das eine Art Absicherung, weil komische Stoffe in Deutschland eine sichere Nummer sind?

Schweighöfer: Ich bin gerade in einer Phase, in der es mir Spaß macht, komische Stoffe zu drehen. Ich liebe dieses Genre und ich liebe es, zu lachen. Komödien machen mir zurzeit einfach am meisten Spaß.

Ricore: Im Film gibt es einen spektakulären und aufwendig inszenierten Autounfall. War das der erste Schritt in Richtung Action-Film?

Schweighöfer: (lacht) Ja, ich liebe diese Szene sehr und ich überlege mir ernsthaft, ob ich nicht bald einen Actionfilm mache.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10. Januar 2013

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