Kinowelt
Regisseur Cédric Klapisch ("Mein Stück vom Kuchen")
"Glücklich getrennte Eltern sind bessere Eltern"
Interview: Cédric Klapisch vertraut auf Geschichten
Vor zwölf Jahren traf Cédric Klapisch mit "L'auberge espagnole - Barcelona für ein Jahr" den Nerv einer ganzen Generation, als er von jungen Menschen erzählte, die mit dem Austauschprogramm Erasmus ein Jahr in Barcelona verbrachten. Die Geschichte des von Romain Duris gespielten Xavier fand mit "L'Auberge Espagnole - Wiedersehen in St. Petersburg" eine erste Fortsetzung und wird mit "Beziehungsweise New York" nun fortgesetzt. Im Interview spricht der französische Regisseur mit Filmreporter.de über die Probleme des Erwachsenwerdens, die Planbarkeit des Lebens sowie neuen Träumen.
Von  Tatjana Niezel, Filmreporter.de,  4. Mai 2014
StudioCanal
Romain Duris und Cécile De France: "Beziehungsweise New York"
"Das ist einfach passiert"
Ricore Text: Seit 2002 ist einige Zeit vergangen. Stimmt es eigentlich, dass Sie gar nicht vorhatten, Xaviers Geschichte in drei Filmen zu erzählen?

Cédric Klapisch: Nein. Das ist einfach passiert. Nachdem wir "Barcelona für ein Jahr" gedreht hatten, fragte mich jeder, ob es eine Fortsetzung geben würde. Zwei Jahre lang habe ich das verneint. Aber dann bemerkte ich, dass auch ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht. Und ich wollte auch gerne wieder mit den Schauspielern zusammenarbeiten.

Ricore: Wieso spielte der zweite Teil in St. Petersburg?

Klapisch: Ich reiste selbst dorthin und dachte, dass die Geschichte hier gut weitergeführt werden könnte. Und bei "Wiedersehen in St. Petersburg" dachte ich schon während der Dreharbeiten über eine dritte Fortsetzung nach. Ich wollte aber, dass bis zum dritten Film wirklich Zeit vergeht, damit man merkt, dass die Schauspieler gealtert sind und sich verändert haben.

Ricore: Wann haben Sie angefangen, an "Beziehungsweise New York" zu arbeiten?

Klapisch: Eigentlich schon gleicht nach "Wiedersehen in St. Petersburg". Ich habe mir über die Jahre viele Notizen gemacht, wie sich die Charaktere weiterentwickeln könnten. Viel davon habe ich natürlich wieder verworfen.

Ricore: Welche Ideen haben Sie verworfen?

Klapisch: Erst dachte ich, dass der dritte Teil davon handeln könnte, dass Wendy und Xavier zusammen glücklich sind. Doch genau wie es Xaviers Herausgeber im Film auch sagt, realisierte ich, dass es langweilig ist, über Glück zu erzählen. Für eine Geschichte ist es einfach interessanter, wenn Probleme und Konflikte bewältigen werden müssen. Auch im wahren Leben trennen sich viele Paare, obwohl sie Kinder haben. In Frankreich sind ungefähr 60 Prozent der Kinder im Alter von zehn Jahren Scheidungskinder.

Ricore: Glauben Sie an eine zweite Chance für die Liebe?

Klapisch: Nicht nur an eine zweite. Ich denke, wenn man lieben möchte, kann man lieben. Im Film geht es auch darum, dass man Dinge überwinden kann, an denen man zuvor gescheitert ist. Es bedeutet einfach nicht das Ende der Welt, wenn man mal einen Fehler macht.
StudioCanal
New York ist für Romain Duris ein hartes Pflaster
Cédric Klapisch: Frauen sind früher bereit, Verantwortung zu übernehmen
Ricore: Wie meinen Sie das?

Klapisch: Xavier und Wendy haben eigentlich gar keinen Fehler gemacht. Sie waren ein schönes Paar, liebten sich und gingen achtsam miteinander um. Doch an irgendeinem Punkt begannen sie, sich auseinander zu entwickeln. Es geht also darum zu respektieren und zu akzeptieren, dass man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt und dabei auch wieder glücklich werden kann.

Ricore: Würden Sie also unglücklichen Paaren eher zur Scheidung raten?

Klapisch: Ich denke, manchmal ist es besser, wenn man versucht, in einer neuen Beziehung glücklich zu werden, als mit jemandem unglücklich zu bleiben, nur weil man Kinder hat.

Ricore: Wäre es für die Kinder nicht besser, wenn ihre Eltern zusammen blieben?

Klapisch: Ich denke, dass es für die Kinder am besten ist, wenn ihre Eltern glücklich sind. Glücklich getrennte Eltern sind bessere Eltern.

Ricore: Im Film geht es auch ums Erwachsenwerden. Was macht Erwachsenwerden aus?

Klapisch: Verantwortung zu übernehmen. In den ersten zwei Filmen war Xavier wirklich unreif. Er wusste nicht, für welche Frau er sich entscheiden sollte oder welchen Job er will. Jetzt trifft er mehr Entscheidungen. Er weiß zwar immer noch nicht genau, in welche Richtung sich sein Leben entwickeln wird, aber es wird damit weitergehen, dass er sich entschieden hat, ein guter Vater zu sein.

Ricore: Wie unterscheiden sich Frauen und Männer beim Erwachsenwerden?

Klapisch: Nach meinen Beobachtungen, sind Frauen früher bereit, Verantwortung zu übernehmen, während Männer die Tendenz haben, die Limits der Jugend und der Verantwortungslosigkeit auszureizen. Natürlich gibt es auch Männer, die schon mit 20 Jahren verantwortungsbereit sind, aber vielen gefällt es, was ihnen unsere heutige Zeit alles bietet. Heute wird doch jeder dazu getrieben, solange wie möglich jung zu bleiben.
Cédric Klapisch
Regisseur Cédric Klapisch am Set von "So ist Paris"
"Das Leben ist einfach zu unvorhersehbar"
Ricore: Am Anfang von "Barcelona für ein Jahr" wird Xavier gefragt, wie er sich sein Leben in fünf Jahren vorstellt. Glauben Sie, er könnte die Frage mittlerweile beantworten?

Klapisch: Nein. Denn in allen drei Filme geht es darum, dass es unsinnig ist, diese Frage überhaupt zu stellen und unmöglich, sie zu beantworten. Dazu ist das Leben einfach zu unvorhersehbar. Die Filme zeigen, dass sich Xaviers Leben komplett anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hat. Es ist ein sehr menschliches Bedürfnis, Dinge zu planen, aber man muss sich darauf einstellen, dass zwischen den Plänen und dem, was dann wirklich geschieht, oft eine Lücke klafft.

Ricore: Wie kann man denn dann seine Träume erreichen, wenn man nichts planen kann?

Klapisch: Manchmal, wenn man einen Traum nicht erreicht, muss man eben einen neuen finden. Das ist völlig in Ordnung. Man kann seinen Träumen entweder stur folgen oder man kann sie auch ändern.

Ricore: Welche Träume verfolgen Sie?

Klapisch: Viele. Jeder hat doch mehrere Leben. Ich bin Vater, Partner, Filmemacher und Reisender. Und ich will all diese Dinge ernst nehmen. Man muss für die Dinge, die man tut, Leidenschaft verspüren.

Ricore: Könnten Sie sich auch noch einen vierten Film über Xavier vorstellen?

Klapisch: Theoretisch ja. Aber es würde wieder einige Zeit vergehen. Xaviers Sohn ist jetzt neun Jahre alt. Also wäre es doch gut, wenn die Geschichte in zehn Jahren weiter geht und er auch bei Erasmus mitmacht.

Ricore: In welcher Stadt würde der Film dann spielen?

Klapisch: Vielleicht in Berlin. Momentan ist Berlin die für mich spannendste Stadt in Europa, hier passiert unheimlich viel und ich würde die Stadt gerne besser kennenlernen.

Ricore: Anfangs würden Sie von der Filmschule abgelehnt, mittlerweile halten Sie selbst Vorlesungen an verschiedenen Schulen.

Klapisch: Ja, das ist toll. Ich liebe es, mit den Studenten in Amerika, Deutschland oder Indien darüber zu sprechen, was ihnen wichtig ist am Filmemachen. Denn alle haben komplett andere Vorstellungen.

Ricore: Wie unterscheidet sich die französische Art des Filmemachens von der amerikanischen?

Klapisch: Der französische Ansatz ist, dass man das Wesentliche nicht lernen kann. Die Amerikaner glauben das hingegen schon. Sie glauben an Regeln. Wenn man Fiction schreiben will, muss man zuerst die Regeln dafür beherrschen. Hinterher darf man sie vielleicht auch brechen, wenn man möchte. In Frankreich geht es eher um die Bedeutung als um das Erzählen. In Amerika habe ich gelernt, auf das Erzählen an sich zu vertrauen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch!
Von  Tatjana Niezel, Filmreporter.de,  4. Mai 2014
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