Daniel Brühl in "Die Augen des Engels"
Concorde Filmverleih
Daniel Brühl in "Die Augen des Engels"
"Das Opfer wurde komplett vergessen"
Interview: Daniel Brühl wollte andere Rollen
Daniel Brühl freut sich, dass Regisseure aus dem Ausland einen unvoreingenommenen Blick auf ihn haben und ihm spannende Rollen anbieten. In Michael Winterbottoms "Die Augen des Engels" begibt er sich auf eine dunkle Reise in ein düsteres Siena. Im Interview mit Filmreporter.de spricht der Schauspieler über die Dreharbeiten in der toskanischen Traumstadt, den Mordfall, welcher der Geschichte zugrunde liegt. Nicht zuletzt lässt er sich zu einer schönen Lobhudelei über seine Kollegin Cara Delevingne hinreißen, die er mit einem kleinen Vulkan vergleicht.
Von  Tatjana Niezel, Filmreporter.de,  21. Mai 2015
Daniel Brühl und Kate Beckinsale in "Die Augen des Engels"
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Daniel Brühl und Kate Beckinsale in "Die Augen des Engels"
Sind Sie Niki Lauda?
Ricore Text: Sie spielen in vielen internationalen Produktionen. Werden Sie häufig im Ausland erkannt?

Daniel Brühl: Das hält sich in Grenzen, doch vor ein paar Monaten ist etwas Lustiges passiert. Ich war in Buenos Aires und fuhr mit dem Taxi. Der Fahrer sah in den Rückspiegel und fragte: Sind Sie Niki Lauda? Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich ihn nur gespielt habe. Doch dann hielt der Taxifahrer mitten im Verkehr an, öffnete die hintere Tür und sagte: Bitte fahren Sie mein Taxi. Nach ein paar hundert Metern glaubte er mir aber dann doch, dass ich nicht Niki Lauda bin (lacht).

Ricore: Wie sind Sie an die Rolle des Thomas in "Die Augen des Engels" herangegangen?

Brühl: Ich habe viel mit Michael Winterbottom über die Figur gesprochen und sehe Thomas als dessen Alter Ego, auch wenn Michael das immer verneint. Auch Barbie Latza Nadeau, auf deren Buch das Drehbuch beruht, ist der Meinung, dass Thomas das Alter Ego von Michael und seinem Drehbuchautor ist. Viele der Dinge, die Thomas passieren und auch die Krise, in der er steckt, konnte ich gut nachvollziehen.

Ricore: Aufgrund eigener Erlebnisse?

Brühl: In genau so einer Situation habe ich noch nicht gesteckt, ansatzweise aber dann doch. Wenn man etwas länger macht, sich lange mit etwas beschäftigt, fängt man irgendwann an, sich solche Sinnfragen zu stellen. Dann findet man vielleicht den einen oder anderen Film echt bescheuert und ist unglücklich mit seiner Arbeit, mit den Rollen, die man angeboten bekommt und man weiß nicht, was man als nächstes machen soll. Wenn man dann auch noch ständig unterwegs ist und sich so zwangsläufig von seinem sozialen Umfeld entfernt, das sind so Anknüpfungspunkte in Thomas Leben, die ich nachvollziehen konnte.

Ricore: Spielte es eine Rolle, dass Michael Winterbottom der Regisseur war, dass Sie sich für den Film entschieden?

Brühl: Ja, ich wollte schon immer mit ihm zusammenarbeiten. Sein Film "24 Hour Party People" gilt in meinem Freundeskreis als Kultfilm. Seitdem habe ich immer geschaut, was er so macht und das könnte ja unterschiedlicher nicht sein. Manche seiner Filme haben mich etwas ratlos zurückgelassen. Doch je mehr Filme ich sehe und auch drehe, umso mehr weiß ich zu schätzen, wenn einer im guten Sinne verrückt ist und einfach nicht den üblichen Weg geht. Michaels Filme sind ein wenig wie Serpentinenstraßen, man weiß nie, wo man als nächstes hinfährt.

Ricore: Das ist eine schöne Abwechslung bei seinen Filmen.

Brühl: Ja. Neulich flog ich zurück nach Europa und schielte mit einem Auge auf den Bildschirm meines Nachbarn und obwohl ich den Ton nicht hören konnte und den Film nicht kannte, wusste ich immer, was in den nächsten Minuten passieren würde.

Ricore: Steckten Sie selbst schon mal in einer Schaffenskrise?

Brühl: Vor ein paar Jahren ging es mir schon ein wenig so, dass ich dachte, ich will lieber andere Rollen spielen.

Ricore: Wie ist es Ihnen denn gelungen, Ihre Rollenauswahl zu verändern?

Brühl: Naja, man ist schon anhängig von dem, was kommt. Aber manchmal hat man Glück. Bei mir war es beispielsweise die Rolle Niki Laudas in "Rush", die vieles für mich verändert hat. Die kam einfach genau zum richtigen Zeitpunkt. Mich freut auch, dass besonders Regisseure aus dem Ausland, wie Michael, einen unvoreingenommenen Blick auf mich haben und mir Rollen anbieten, die mir hier wahrscheinlich keiner anbieten würde. Vieles war einfach nicht spannend und dann kann man entweder dasitzen und nix machen oder man macht halbherzig mit, weil man ja arbeiten will.
Daniel Brühl in "Die Augen des Engels"
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Daniel Brühl in "Die Augen des Engels"
Daniel Brühl: mit einem Bein in Deutschland
Ricore: Haben Sie den deutschen Film also abgehakt?

Brühl: Nein, absolut nicht. Aber man muss das Glück haben, bei den spannenden Sachen dabei zu sein. Ich habe zum Beispiel mit Wolfgang Becker "Ich & Kaminski" gedreht, der wahrscheinlich im September ins Kino kommt. Das war eine schöne Rolle. Ich spiele einen Journalisten, der wirklich ein erbärmliches Würstchen ist. Das hat nach unserem ersten gemeinsamen Film, "Good Bye, Lenin!" wieder total Spaß gemacht.

Ricore: Mittlerweile haben Sie ja die Wahl, mit wem Sie arbeiten.

Brühl: Ich will aber auf jeden Fall zumindest mit einem Bein in Deutschland bleiben. Aber ich bin natürlich sehr glücklich darüber, dass sich auch die Türen ins Ausland so geöffnet haben, zumal ich früher niemals damit gerechnet hätte, dass sich das so entwickeln würde.

Ricore: Aber es gehört schon auch etwas Mut dazu.

Brühl: Ich bin froh, so respektiert zu werden. Anfangs bin ich doch mit einer gewissen Vorsicht an das Ganze herangegangen. Doch ich hatte mit den meisten Kollegen echt Glück und bin ganz beseelt aus der Arbeit herausgegangen. Mit Helen Mirren hatte ich nach fünf Minuten das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen, mit Bradley Cooper auch. Es ist toll zu sehen, dass man ernst genommen wird, auch wenn man nicht so bekannt ist.

Ricore: Und wie war die Arbeit mit Cara Delevingne, die in der Modelszene zur Zeit ein absoluter Star ist?

Brühl: Cara ist großartig, sie ist wie ein kleiner Vulkan, bei dem man nicht weiß, wann die nächste Eruption kommt, aber sie kommt ganz bestimmt. Sie ist herzlich, gänzlich uneitel und unkompliziert bei der Arbeit und wahnsinnig witzig. Wie übrigens Kate Beckinsale auch, die hat einen Trucker-Humor, das glaubt man nicht. Wenn man sie sieht, sieht sie immer aus wie aus dem Ei gepellt, aber wenn sie einen Witz erzählt, das ist unfassbar. Dazu ist sie wahnsinnig belesen. Sie liest Anton Tschechow auf Russisch und spricht außerdem perfekt Deutsch.

Ricore: Welche Rolle spielt Cara im Film?

Brühl: Sie ist einer der Beatrices aus Dantes Göttlicher Komödie, die in diesem Film auftauchen. Sie bringt das Licht und verkörpert perfekt diese innere Schönheit. Bei Michael muss man viel improvisieren und da war sie immer sehr schnell.
Daniel Brühl in "Rush - Alles für den Sieg"
Universum Film
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Ich fuhr mit einer vorgefertigten Meinung nach Italien
Ricore: Halten Sie auch nach den Dreharbeiten noch Kontakt?

Brühl: Bei Cara hat sich der gehalten. Bei Benedict Cumberbatch übrigens auch. Bei Menschen, die ich auch so mag, freut mich das sehr. Vor allem bei Cara freut es mich zu sehen, wie es mit ihr weiter geht, weil sie es verdient hat, nicht nur darauf reduziert zu werden, wie sie aussieht.

Ricore: Haben Sie den dem Film zugrunde liegenden Mordfall verfolgt?

Brühl: Ja. Und ich habe mich geärgert, dass ich diesem Medien-Hype so auf den Leim gehe. Man sieht die Bilder von einem Mädchen, die entweder grimmig guckt, wenn sie im richtigen Moment fotografiert wird und dann denkt man, ja, sie könnte die Mörderin sein. Und auf einem anderen Foto sieht sie total unschuldig aus. Und dann spekuliert man mit Freunden darüber. Das Faszinierende ist, dass es trotz der technischen Möglichkeiten wohl tatsächlich noch Fälle gibt, die nicht geklärt werden können. Was vermutlich auch an der Arbeit der italienischen Polizei liegt. Anscheinend wurden einige Spuren vernichtet.

Ricore: Haben Sie deswegen die Rolle angenommen?

Brühl: Als ich das Drehbuch bekam, wunderte ich mich zunächst, warum er einen Film darüber macht. Aber als ich es las, dachte ich, dass es ein typischer Blickwinkel von ihm ist, die Geschichte zu erzählen. Es gibt viele Aspekte, die mich daran interessiert haben. Vor allem der Aspekt des Boulevard-Journalismus, das betrifft mich als Schauspieler ja auch. Mich interessierte, wie schnell Meinungsbildung funktioniert. Ich fuhr mit einer vorgefertigten Meinung nach Italien, doch nach Gesprächen mit Journalisten wurde ich wieder viel neutraler.

Ricore: Ist es nicht verwunderlich, dass die Medien an dem Fall so festhielten?

Brühl: Diese Vehemenz der Reporter ist erstaunlich. Ich nahm mit Kate an einem Abendessen teil, zu dem auch zehn Journalisten eingeladen waren. Es gibt zwei Lager. Und die nehmen alles, was mit dem Fall zu tun hat, wahnsinnig persönlich, als wären sie mit Opfer oder Täter verwandt.

Ricore: Woran liegt es, dass der Fall keinen loslässt?

Brühl: Zum einen ist das Opfer ein junges Mädchen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte und so grausam ermordet wurde. Hinzu kommt der Ort des Verbrechens, dieses wunderschöne Städtchen in der Toskana, das passt so überhaupt nicht zusammen. Und die Frustration, dass es nicht aufgelöst werden kann. Das Opfer wurde darüber komplett vergessen. Es geht immer nur um die Täterin.

Ricore: Im Film wird die Stadt aber sehr düster und unheimlich gezeigt.

Brühl: Das war aber auch so. Im Winter wird Siena relativ klaustrophobisch nach ein paar Wochen. Das hat mich auch überrascht.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch!
Von  Tatjana Niezel, Filmreporter.de,  21. Mai 2015
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