MUBI, Majid Saeedi
Regisseur Jafar Panahi ("Ein einfacher Unfall", 2025)
Kunst kann das Verhalten von Menschen beschreiben
Jafar Panahi zu "Ein einfacher Unfall"
Jafar Panahis Schicksal bewegt seit Jahrzehnten die Filmwelt. Der 1960 geborene iranische Regisseur wurde vom Regime mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt, trotzdem drehte er mehre Filme in seiner Heimat. Vor wenigen Tagen verurteilte ihn ein iranisches Gericht in Abwesenheit unter fadenscheinigen Gründen zu 14 Monaten Haft. Panahi lebt mittlerweile in Frankreich und promotet seinen Film "Ein einfacher Unfall". In der Parabel folgt er dem Automechaniker Vahid, der glaubt, dass er in einem Kunden Eghbal seinen einstigen Peiniger erkannt hat. Da er mit verbundenen Augen gefoltert wurde und nur dessen Stimme kennt, sucht er Leidensgenossen, die seine Vermutung prüfen sollen. Obwohl er noch immer unsicher ist. entführt er Eghbal, um ihn selbst zu verhören.
erschienen am 11. 01. 2026
MUBI, Les Films Pelleas
Ein einfacher Unfall ("Yek tasadef sadeh", 2025)
Angst, sein Thema zu verlieren
Ricore Text: Was hat Sie in den vergangenen Jahren motiviert, im Iran zu bleiben?

Jafar Panahi: Ich hatte Angst, mein Thema zu verlieren. Ein Regime wie im Iran wirkt von außen sehr beängstigend und undurchdringlich. Wer dort lebt, findet Wege, um durchzuatmen, seine Arbeit zu gestalten und dem Druck zu entfliehen. In diesem Rahmen kann Kunst das Verhalten von Menschen beschreiben und die Auswirkungen gesellschaftlicher Repression auf deren Psyche benennen. Sie sollte sich aber niemals anmaßen, ein Patentrezept für Veränderungen zu haben.

Ricore Text: Der Iran hat Sie nie für den Oscar nominiert, jetzt gehen sie für Frankreich ins Rennen. Sie haben deswegen von der Academy eine Änderung der Regeln gefordert.

Jafar Panahi: Die Academy hat die Probleme und Schwierigkeiten lange ignoriert, die kritische Filmemacher im Iran, Russland, China und sogar in Indien haben. Wenn ihre Filme nicht in ihren Heimatländern sieben Tage im Kino gelaufen sind, durften sie nicht nominiert werden. Für meine Filme "Der Kreis" aus dem Jahr 2000 und "Offside" von 2006 bat mein US-amerikanischer Verleiher Sony Pictures Classics die iranischen Behörden vergeblich um entsprechende Vorstellungen. In diesem Jahr wurde diese Regel endlich aufgehoben - doch die Länder haben weiter die Macht, einen ihnen genehmen Film auszuwählen. Die Academy muss daher andere Zugangsbedingungen schaffen, oder sollte die Kategorie internationaler Film komplett abschaffen.

Ricore Text: Viele Zuschauer werden sich fragen, warum der Film für den Europäischen Filmpreis nominiert ist.

Jafar Panahi: Ohne meine französischen Produzenten hätte ich diese Geschichte nicht erzählen können, die offenbar weltweit verstanden wird. Die Nominierungen locken hoffentlich die Zuschauer ins Kino, und das ist doch der sehnlichste Wunsch jedes Filmemachers. Früher wurden iranische Filme nur in wenigen Ländern in kleinen Kinos gezeigt. Diesen Film haben allein in Frankreich über 650.000 Menschen gesehen. In den USA wurde die Rechte für mehr als eine Million Dollar verkauft.

Ricore Text: Bei aller Tragik hat der Film humorvolle Züge. War dies so geplant?

Jafar Panahi: Selbst in Zeiten tiefster Traurigkeit gibt es Momente, in denen der Mensch lächeln kann. Deshalb sollte der Film mit Ausnahme der letzten 20 Minuten einen humorvollen Unterton haben. Um dann einen Moment der Stille und Katharsis zu schaffen, der das Publikum so berührt, dass es nach dem Kinobesuch über den Film nachdenkt. Ohne diese Struktur wäre der Film eintönig geworden und das Ende nicht so schockierend.
MUBI, Les Films Pelleas
Mariam Afshari in "Ein einfacher Unfall" ("Yek tasadef sadeh", 2025)
Ricore Text: Welche Prämissen haben Sie gesetzt, um die 13-minütige Verhörszenen zu gestalten?

Jafar Panahi: Es ist die einzige Szene des Films, in der die Figuren nicht über einen Abwesenden sprechen. Nun steht ihnen der vermeintliche Vernehmer Eghbal gegenüber. Die Szene musste sich stilistisch extrem abheben. Diese Halbtotale entpuppte sich als schwierigste Einstellung des Films. Ein oder zwei geschluderte Sekunden hätten sie ruiniert. Ich drehte die Szene die ganze Nacht hindurch, die Schauspieler waren gut, doch ich nicht zufrieden. Das Problem lag bei mir. Ich kannte die Figur des Vernehmers Eghbal nicht gut. Daher holte ich mir Rat bei einem Freund Mehdi Mahmoudian, der ein Viertel seines Lebens im Gefängnis verbringen musste. Er hatte mir bereits beim Schreiben der Dialoge geholfen. Jetzt erklärte er dem Schauspielern und mir, wie sich ein Vernehmer wahrscheinlich in dieser Situation verhalten würde. Nach zwei oder drei Takes war die Szene am folgenden Abend im Kasten.

Ricore Text: Basieren die Aussagen der Opfer des Regimes auf wahren Begebenheiten?

Jafar Panahi: Das Thema Folter ist seit der Islamischen Revolution ein ständiges Gesprächsthema im Iran. Die Geschichten über Gräueltaten habe ich im Gefängnis gehört. Oder sie stammen von Freunden, die ihre traumatisierenden Erfahrungen mit mir geteilt haben.

Ricore Text: Menschen in Fahrzeugen scheinen Teil ihrer Handschrift zu sein.

Jafar Panahi: Gibt es heute überhaupt einen Film, in dem keine Fahrzeuge zu sehen sind? Die Kritiker reagieren vielleicht etwas zu empfindlich auf ihren Einsatz in meinen Filmen und interpretieren Symbole rein, die es nicht gibt. Ehrlich gesagt, fiel mir einfach kein anderes Objekt ein, um diesen Sarg unterzubringen.

Ricore Text: Wie sieht Ihr Alltag im Moment aus, nachdem Sie wissen, dass Sie bei Ihrer Rückkehr eine Haftstrafe erwartet?

Jafar Panahi: Mein Leben ist durcheinandergeraten. Als ich mit einem Ausreiseverbot aus dem Iran belegt war, konnte ich in Ruhe über meinen nächsten Film nachdenken. Jetzt bin ich ständig unterwegs. Mir fehlt die Zeit, an meinem kommenden Projekt intensiv zu arbeiten. Ich habe ein fertiges Drehbuch für einen großen Film über den Krieg in der Schublade, der ein höheres Budget als meine bisherigen Filme benötigt. Ich hatte mir bereits die Finanzierung im Iran gesichert, die Behörden verweigerten mir von 2006 bis 2011 mehrmals die Drehgenehmigung. Ich glaube weiterhin, dieser humanistische Film über die Schrecken des Krieges muss gedreht werden. Ich denke jetzt darüber nach, wie ich ihn außerhalb des Irans umsetzen kann.

Ricore Text: Dann gehen Sie davon aus, dass Sie in absehbarer Zeit nicht zurückkehren werden?

Jafar Panahi: Nichts ist unmöglich. Künstler müssen sich länger in einem Land aufhalten, um seine Probleme zu verstehen. Meine Aufenthalte im Ausland waren aber nie so tiefgründig oder umfassend, dass ich mir zutrauen würde, ein wirklich gutes Drehbuch zu schreiben. Es würde wahrscheinlich kein schlechter Film bei dem Versuch entstehen. Aber nicht der Film, den ich mir wünsche. Daher wollte ich den Iran nie verlassen. Meine künstlerische Basis ist dort, was ich bereits auf der Filmhochschule gemerkt habe. Ich bin ein großer Fan von Hitchcock und habe einen Kurzfilm in seinem Stil inszeniert. Handwerklich stimmte alles. Ihm fehlte aber die Seele. Der Film trug nicht meine Handschrift. Daher habe ich das Negativ auf dem Labor gestohlen und vernichtet. Ich will weiter einem Standard und einer Unantastbarkeit des Kinos folgen, an die ich absolut glaube.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 11. Januar 2026
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Die Koproduktion "Ein einfacher Unfall" wird bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 mit der Goldenen Palme geehrt und geht für Frankreich ins Rennen um den Oscar, wo der Film als zu den Favoriten zählt.
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