Progress Film
Katharina Thalbach (in "Strajk - Die Heldin von Danzig")
Katharina Thalbach über die Solidarnosc
Interview: Rückkehr nach Danzig
In "Strajk - Die Heldin von Danzig" beschäftigt sich Volker Schlöndorff mit den Anfängen der polnischen Solidarnosc und dem Engagement ihres hierzulande relativ unbekannten Gründungsmitglieds Anna Walentynowicz. Wir unterhielten uns mit Darstellerin Katharina Thalbach (53) über ihre schwierige Rolle, für die sie erneut an die Schauplätze der "Blechtrommel" zurückkehrte.
erschienen am 8. März 2007
Progress Film
Katharina Thalbach in "Strajk - Die Heldin von Danzig"
Ricore: Frau Thalbach, wie haben Sie die Zeit der Solidarnosc in Polen erlebt?

Katharina Thalbach: Ich war in der DDR und saß ungläubig vor dem Fernseher. Das war schon wahnsinnig, dass in einem sozialistischen Land Arbeiter so eine Eigeninitiative ergriffen und ihr Schicksal so in die eigene Hand genommen haben. Dazu kam ja noch die Papstwahl. Ganz Polen kniete vor Papst Johannes Paul nieder und die Kommunisten konnten nichts dagegen tun. Das war schon ein außergewöhnliches Gefühl.

Ricore: Dachten Sie, dass diese Stimmung von Polen aus nach Deutschland rüberschwappen könnte?

Thalbach: Da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, dass der Katholizismus dem polnischen Volk sehr den Rücken gestärkt hat. Die DDR war lange nicht so religiös und konnte deswegen nicht so eine Kraft ausstrahlen. Wir hatten ja auch viel Angst, keiner wusste, wohin dieser Aufstand der Arbeiter in Polen führen würde. Es lag eine große Ungewissheit über der ganzen Angelegenheit.

Ricore: Welchen einen Einfluss hatten die Ereignisse in Polen auf die deutsche Wiedervereinigung?

Thalbach: Also im Zusammenhang mit dem Papstbesuch hatte dieser Arbeiteraufstand die Kraft, gegen die Partei anzukommen. Ich denke schon, dass dadurch diese Geschichte auch ein Stück weit deutsche Geschichte ist und sehr wohl mit der Wiedervereinigung in Verbindung gebracht werden kann.

Ricore: Wie beurteilen Sie die deutsch-polnischen Beziehungen heute?

Thalbach: Bei einer meiner letzten Theaterproduktionen in Frankfurt an der Oder lief es wirklich erstaunlich gut. Es war ein fluktuierendes Geben und Nehmen, sehr kollegial. Wie das deutsch-polnische Verhältnis generell ist, das kann ich nicht beurteilen. Da müssen Sie einen Diplomaten oder Politiker fragen.
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Katharina Thalbach (Agnieszka), Dominique Horwitz (Kazimierz)
Ricore: Fiel es Ihnen nicht schwer, als Deutsche eine polnische Heldin zu spielen?

Thalbach: Die Angst davor kam erst ein bisschen später. Ich las das Drehbuch und mochte diese wahnsinnig realistische Figur. Erst später bekam auch ich mit, dass es sich um eine authentische Figur handelte, von der ich nur noch nie gehört hatte. Der Ruhm von Anna Walentynowicz schaffte es kaum über die Grenze bis zu uns. Ich habe mir dann schon Gedanken gemacht, ob ich in der Lage bin, sie auch authentisch und überzeugend zu spielen.

Ricore: Anna Walentynowicz hat sich aber auch von Ihrem Film distanziert. Wie kam es dazu?

Thalbach: Das ist sehr schwierig zu erklären, weil es eine lange Geschichte hat. Im Jahr 2000 hat Sylke Rene Meyer einen Dokumentarfilm über sie gemacht, und Frau Walentynowicz war begeistert. Dann wurde ausgemacht, auch noch einen Spielfilm zu drehen - und wieder hat sie ihr Einverständnis gegeben. Warum Frau Walentynowicz sich dann plötzlich distanzierte, weiß eigentlich keiner so genau. Ich finde es schade, denn diese Person sollte wirklich mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Ricore: Hat sie sich denn inzwischen mit dem Film angefreundet?

Thalbach: Das weiß ich leider nicht genau. Fakt ist allerdings, dass sie in Polen noch immer eine umstrittene Person ist. Sie ist eine Kämpfernatur, sehr stur und macht sich damit natürlich auch viele Feinde. Aber ich habe gehört, dass sie, während sie den Film gesehen hat, auch mal mit dem Kopf nickte - und das ist bei ihr schon ein sehr gutes Zeichen. Leider hat es aber nicht geklappt, sie persönlich kennen zu lernen.

Ricore: Würden Sie sich jemanden wie sie heutzutage auch in Deutschland wünschen?

Thalbach: Es kann nie genug starke Persönlichkeiten in einer Gesellschaft geben. Ich bewundere den Mut und weiß wirklich nicht, ob ich soviel Courage hätte wie Anna. Auch wenn ich gar nicht weiß, ob sie sich der Gefahr, der sie sich ausgesetzt hat, wirklich bewusst war. Ich glaube, oft hat sie einfach instinktiv nach ihrem übermäßig ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehandelt.

Ricore: Für Sie ist der Film eine Rückkehr nach Danzig und eine Rückkehr zu Volker Schlöndorff, zur "Die Blechtrommel". War "Strajk - Die Heldin von Danzig" auch deswegen etwas Besonderes für sie?

Thalbach: Damals war ich noch nicht einmal zwei Jahre aus der DDR weg und Schlöndorff bot mir die "Blechtrommel" an. Das war der Wahnsinn für mich, aber es war auch eine riesige Produktion mit viel Geld, also ganz anders als "Strajk". Es war schön, nach dreißig Jahren wieder mit Volker zu arbeiten, wir waren zum Teil an den gleichen Plätzen essen und es fühlte sich schon vertraut an. Es war aber wirklich eine andere Situation, die Arbeit ist nicht vergleichbar.
erschienen am 8. März 2007
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2022