Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Marc Hosemann
Marc Hosemann über den Wert eines Schauspielers
Interview: Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Das Schauspieler-Dasein ist nicht leicht, dies bestätigt uns Marc Hosemann. Der 37-Jährige kam erst mit Anfang 20 zu seinem heutigen Beruf. Diesen sieht er mit Ernüchterung. Wird man in einem Moment hoch gelobt, so kann die Bergfahrt schnell wieder vorbei sein. Dabei spielt Leidenschaft und Erfüllung eine ganz besondere Rolle - wie in jedem anderen Beruf auch. Es sind aber nicht nur philosophische Fragen, die uns der Schauspieler geduldig beantwortet. In seinem neuesten Film "Schwarze Schafe" mimt er einen Hochstapler. Wir wollen wissen, wie weit er gehen würde, um zu erreichen, was ihm wichtig ist.
erschienen am 30. August 2007
BBQ-Distribution
Das Kinoplakat zu "Schwarze Schafe".
Ricore: Sie spielen in "Schwarze Schafe" einen Hochstapler. Inwieweit konnten Sie sich mit dieser Rolle identifizieren?

Marc Hosemann: Da gibt es nicht so viel, womit ich mich identifizieren musste. Jeder stapelt mal hoch, um Frauen zu beeindrucken oder ähnliches. Ich kenne tatsächlich eine ganze Menge Leute, die Hochstapler sind. Noch dazu sind sie sympathisch und meine Kumpels.

Ricore: Spiegelt der Film die Realität also wieder?

Hosemann: Naja, Realität ist so eine Sache. Die Geschichte meiner Episode beruht tatsächlich auf einer wahren Begebenheit. Laut einer Zeitungsmeldung von vor ein paar Jahren, wollte ein Mann seine Versicherung betrügen, indem er sich von seinem Cousin mit der Motorsäge das Bein absägen ließ. Das ist aber gehörig in die Hose gegangen. Der Cousin setzte an, traf die Hauptschlagader und der Mann verblutete innerhalb Sekunden. Der Täter wurde mit einem Riesenschock ins Gefängnis geliefert und die Familie des Opfers bekam keinen Cent. Insofern spiegelt die Geschichte schon eine Art Realität wieder - was ich anfangs aber auch nicht glauben wollte. Menschen sind tatsächlich imstande, sich Gliedmaßen zu verletzen, um Geld zu kassieren und ein neues Leben zu beginnen. Solche Geschichten gibt es zur Genüge.

Ricore: Wie weit würden Sie gehen, um bestimmte Dinge zu erreichen? Würden Sie Ihren kleinen Finger opfern?

Hosemann: Nein, ich bin ja nicht wahnsinnig! Für Geld würde ich gar kein Körperteil opfern. Ich weiß nicht, wie weit ich gehen würde, soweit jedoch sicher nicht.
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Marc Hosemann schwerverletzt in "Schwarze Schafe".
Ricore: Ihre Filmfigur macht dies aus Liebe. Wie weit würden Sie in der Liebe gehen?

Hosemann: Keine Ahnung. Mickey Rourke hat sich doch mal den kleinen Finger abgehackt und ihn seiner Ex-Freundin nachgeschmissen. Später wurde er ihm dann wieder angenäht. Wahrscheinlich ist das heutzutage kein Problem mehr. Man schneidet sich was ab, um es dann wieder annähen zu lassen. Ich kenne noch so eine Geschichte: Ein Cousin eines russischen Freundes von mir hat sich mit seiner Frau gestritten. Er kauft eine Gans und rupft sie. Sie kommt in die Küche, macht ihm eine Riesenszene und verschwindet eingeschnappt ins Bad. Er hackt der Gans den Hals ab, steckt ihn in die Hose, geht zu seiner Frau und meint: "Wegen dir schneide ich mir mein bestes Stück ab!" Er schneidet also den Hals der Gans und schmeißt ihn ihr entgegen und sie fällt in Ohnmacht. Sie sehen, es gibt lauter so Verrücktheiten, aber ich habe damit nicht soviel am Hut. Auch nicht aus Liebe.

Ricore: Was käme sonst für Sie in Frage?

Hosemann: Als 17-jähriger bin ich mal vom Parkgaragendach in eine Mülltonne gesprungen, weil mich meine Freundin verlassen wollte. Aber nicht, um mich umzubringen, sondern um sie zu beeindrucken. Um zu sagen: "Hey, ich bin super, du kannst hier bleiben." Hat aber leider nicht geklappt.

Ricore: Wie sehen Sie die Provokation hinter den Geschichten?

Hosemann: Ich glaube schon, dass der Film die Leute spalten wird. Es ist sicherlich auch eine Geschmacks- und Pietätfrage. Meiner Ansicht nach versucht der Film nicht zu provozieren, indem er verschiedene Sachen dumm darstellt. Sicherlich ist es eine schwarze Komödie, eine Art englischer Humor und doch wieder nicht. Es ist der Humor von Olli. Und ich teile ihn absolut. Ich hab meinem 18-jährigen Cousin und seinen Kumpels den Film vorab gezeigt, und sie fanden ihn großartig. Sie konnten sich damit identifizieren und hatten auch kein Problem damit. Ich glaube aber schon, dass bestimmte Gesellschaftsgruppen schockiert sein könnten. Aber ich finde es auch wichtig, dass Filme die Leute spalten, nicht nur indem sie provozieren.

Ricore: Findet die Provokation also nur sekundär statt?

Hosemann: Nur zu provozieren ist langweilig, darum geht es auch nicht primär. Es geht darum, die Dramaturgie einer schwarzen Komödie auf die Spitze zu treiben. Es gibt ja immer sehr viele eins zu eins Geschichten. Im Fernsehen zum Beispiel wird immer versucht, die Realität im Film abzubilden. Wie macht man das? Sobald man im Film oder auf der Bühne steht, ist es keine Realität mehr, sondern wird zur Kunst. Man muss es so machen, dass die Leute die Geschichte trotzdem glauben. Ich glaube daher, dass die Provokation dazu dient, etwas auf die Höhe zu treiben, die Energie zu bekommen, um den Zuschauer zu faszinieren.
Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Marc Hosemann ganz leger mit Brille und Mütze.
Ricore: Erfordert ein Episodenfilm eine spezielle Herangehensweise?

Hosemann: Bei einem Episodenfilm muss man natürlich eine Geschichte so erzählen, dass sie in der kurzen Zeit rund wird. Sie muss glaubhaft werden. Bei einem normalen Spielfilm hat man mehr Zeit, die Geschichte zu entwickeln.

Ricore: Wie definieren Sie den Unterschied zur Bühne?

Hosemann: Für mich gibt es den großen Unterschied zwischen Bühne und Film nicht. Natürlich spielt man vor der Kamera anders, als auf der Bühne, nur finde ich es am Besten, wenn man auf der Bühne so spielen kann wie im Film und umgekehrt. Das kann leicht missverstanden werden. Theater ist nicht gleich Qualität. Ich finde, Theater sollte man so angucken können wie einen Film. An der Volksbühne gibt es ein paar Sachen, die so funktionieren. Mich interessieren die künstlichen Elemente am Theater nicht, obwohl man diese vielleicht gelegentlich benötigt, um etwas zu schaffen, was eine Filmebene hat. Ich finde man kann auch minimalistisch spielen und trotzdem auf eine Höhe kommen. Ich sehe da nicht so einen riesigen Unterschied. Ich bin auch Instinktschauspieler und besitze eine gewisse Naivität. Und da ist für mich die Bühne und der Film das Gleiche.

Ricore: Wie kamen Sie zum Film?

Hosemann: Ich wollte nicht unbedingt Schauspieler werden. Aber irgendwann wusste ich nicht mehr so genau, was ich werden wollte. Ich habe dann alles Mögliche gemacht. Mit 22 oder 23 habe ich mir dann gedacht, ich spreche jetzt in einer Schauspielschule vor, da ich mir immer schon gesagt hab, wenn nichts aus mir wird, werde ich Schauspieler. So war es dann auch. Ich war zwei Jahre in Hamburg auf der Schauspielschule und bin dann nach Paris gegangen. Zwischendurch habe ich als Kellner und Gärtner gearbeitet. Ich war auch eine Zeitlang in Israel, bin dann aber doch wieder zurückgekommen und hab dann hier ein Theaterengagement gekriegt. 1998 lernte ich per Zufall Detlev Buck kennen, der drehte damals "Liebe deine Nächste!" So kam ich zu meiner ersten Filmrolle.
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Das alte Kinoplakat zu "Schwarze Schafe".
Ricore: Wie sehen Sie den Beruf eines Schauspielers?

Hosemann: Naja, man muss den Beruf immer im Rücklicht betrachten. Ich messe dem Beruf natürlich einen großen Wert bei, auch den Grad an Ehrlichkeit, den man erzeugen kann. Man muss aber schon erkennen, dass viel Glück dazugehört und dass alles ein großer Zufall ist. Trotzdem ist es ein Job der jederzeit anfangen und jederzeit zu Ende sein kann. Man kann sich auf nichts ausruhen, man muss immer weiter machen. Das ist auch etwas Tolles. Es wird immer Höhen und Tiefen geben, auch Zeiten, wo man nicht soviel arbeitet. An das muss man sich erst gewöhnen. Es hat keine Konstante. Der Wert eines Schauspielers misst sich nur darin, wie er sich gibt. Er kann sich nur durch seine Arbeit definieren, wie in vielen anderen Berufen auch. Das ist die einzige Konstante: die Arbeit.

Ricore: Gibt es eine Art Notfallplan, falls Sie Ihren Beruf aus irgendeinem Grund nicht mehr ausüben können?

Hosemann: Nein. Ich habe keinen Notfallplan. Bei mir ist es so, dass ich bisher durch das Theater immer regelmäßig beschäftigt war. Beim Film ist es auch saisonabhängig. Im Winter wird einfach weniger gedreht. Wenn ich nicht mehr arbeiten könnte - ich weiß es nicht. Ich muss eine Erfüllung in meiner Arbeit finden. Aber man kann die Erfüllung auch nicht nur von der Arbeit abhängig machen. Das ist gefährlich, man wird total abhängig. Klar muss man sich mit anderen Sachen beschäftigen, da gibt es diverse Möglichkeiten, beispielsweise dass man ein Drehbuch schreibt oder so.

Ricore: Sie könnten sich also vorstellen, im Filmbusiness zu bleiben?

Hosemann: Ich kenne genügend Leute die sagen, ich habe keine Lust mehr und eröffne beispielsweise ein Restaurant. Ich finde das vollkommen OK und toll, dass jemand eigene Entscheidungen trifft. Es kommt nur darauf an, diese Entscheidungen zu treffen, und dies nicht mit Angst zu machen. Bisher hat sich für mich diese Frage nicht gestellt. Aber sicherlich gibt es Momente in denen man sich fragt, was wird später sein. Ich entscheide mich dann in dem Moment, wenn es soweit ist. Man muss sich immer freihalten anders zu denken, Möglichkeiten zu nutzen.
erschienen am 30. August 2007
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Boris (Marc Hosemann) will nur Sex - stößt bei der Suche aber auf seine Gefühle. Auch Ali (Eralp Uzun), Birol (Oktay Özdemir) und Halil (Richard Hanschmann) wollen Sex, und das zu jedem Preis. Breslin (Robert Stadlober) und Julian (Tom Schilling) überlegen, wie sie ohne viel arbeiten zu müssen an Geld kommen könnten. Fred (Kirk Kirchberger) und Arnold (Daniel Zillmann) wollen endlich richtige Satanisten werden. Die Episoden überzeugen durch sarkastischen Humor und ungewöhnliche Filmtechnik.
2022