© Filmfest München
Leiser Drama, große Wirkung
"Jasmin" ergründet ungeheure Tat
Jan Fehse setzt in "
Jasmin" zwei Personen in ein Zimmer und lässt sie über die Vergangenheit sinnieren. Mehr passiert in seinem Drama nicht. Und doch ist ihm dabei ein Film gelungen, der bei aller formalen Sparsamkeit ein unerhörtes Thema behandelt. Es geht um nichts weniger als den Mord an einem Kind - begangen von seiner eigenen, verzweifelten Mutter.
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Wiebke Puls und Anne Schaefer in "Jasmin"
Verzweiflung einer Mutter
Sie hat das Unfassbare, kaum Vorstellbare getan: Sie hat ihr Kind getötet. Den Menschen, den sie über alles liebte, dem ihr ganzes Herz gehörte. Sie, die so verzweifelt war, die alles verloren hatte, was man nur verlieren konnte. Weil sie im Leben alles falsch machte, sagt sie einmal. Weil sie eine Verliererin ist. Nun ist sie in einer psychiatrischen Klinik. Bevor über sie gerichtet werden kann, muss nicht nur der Tathergang geklärt werden, sondern auch die Ursachen, die sie zu dieser verleiteten.
Im karg eingerichteten, kalten und unpersönlichen Zimmer der Anstalt setzt Jan Fehses leises und an formaler Sparsamkeit kaum zu überbietendes Kammerspiel "Jasmin" ein. Nach der schrecklichen Tat also, nach den niederschmetternden Erlebnissen und Enttäuschungen die Jasmin (
Anne Schäfer) Zeit ihres Lebens erfahren hat. Das Leben selbst, die schönen und die bitteren Erfahrungen, die schreckliche Tragödie werden von der Kamera nicht gezeigt. Sie werden von der Täterin geschildert und finden damit ausschließlich im Kopf des Zuschauers statt.
Das ist das wunderbare und spannende minimalistischen Konzept Fehses. Trotz der Beschränkung auf den einen Raum und die übersichtliche Personage ist sein Film voller visueller Eindrücke, erscheint das Leben in seiner ganzen Kausalkette vor der inneren Leinwand des Zuschauers.
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Wiebke Puls als Psychiaterin
Vater und Mutter
Das funktioniert, weil Fehse seiner zweiten Protagonistin die richtigen Fragen mitgibt. Ihre Fragen dringen zum Kern von Jasmins Lebensgeschichte. Wiebke Puls hat als Dr. Feldt diesen Explorations-Auftrag übernommen und sie erledigt ihn mit der ganzen Reserviertheit ihrer Person und der trockenen Rationalität von deren Berufsstand.
So dauert es nicht lange, bis sich die ersten Konturen der Lebens- und Leidensgeschichte Jasmins herausbilden. Bald wird das Gespräch auf ihre Eltern gelenkt. Zum Vater, einem hart arbeitenden Mann, hat Jasmin ein inniges Verhältnis. Sie liebt ihn abgöttisch, verliert ihn aber sehr früh. Als kleines Kind habe sie oft im Bett ihrer Eltern geschlafen. Eines Morgens wacht sie auf und findet den Vater regungslos neben ihr liegen. Erst denkt sie, er spielt nur mit ihr, dann stellt sie fest, dass er gestorben ist. Ein traumatisches Erlebnis für die Kleine und die erste Begegnung mit dem Tod. Zur Mutter hat sie danach ein gespaltenes Verhältnis, nicht zuletzt, weil diese ihr zeitlebens die Schuld für den Tod des Vaters gibt.