© Pandora Film
Arbeiten und tanzen
Leben gegen den Tod: Andreas Dresen
Ob Sex mit 70 oder der Tod,
Andreas Dresen traut sich in seinen Filmen an Themen, um die das Erzählkino einen großen Bogen macht. Er ist einer der Individualisten des deutschen Kinos. Alleine auf weiter Front fühlt er sich deshalb nicht. Im Gegenteil, gerade die Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksformen mache den gegenwärtigen deutschen Film so reizvoll. Anlässlich seines Dramas "
Halt auf freier Strecke", in dem Dresen einen Familienvater in mittleren Jahren mit der Diagnose Krebs konfrontiert, haben wir uns mit dem 48-Jährigen unterhalten. Dresen spricht über Tod, Religion und Leben. Letzteres müsse gerade wegen der Begrenztheit des Daseins sinnvoll gelebt werden.
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Halt auf freier Strecke
Ricore: "Halt auf freier Strecke" erlebte seine Uraufführung auf dem Filmfestival von Cannes. Hatten Sie damit gerechnet, dass selbst das abgebrühte Pressepublikum so emotional auf den Stoff reagiert?
Andreas Dresen: Ich persönlich bin jemand, der im Kino gerne lacht und weint. Mir ist nichts verhasster, als wenn mir ein Film gleichgültig ist. Insofern freute ich mich natürlich, dass die Leute so stark auf den Film reagierten. Das fand ich bemerkenswert, aber gerechnet habe ich damit nicht. Ich saß auch in der Pressevorführung und hatte überhaupt keine Emotionen. In solchen Momenten ist man so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man sich innerlich auf nichts anderes einlässt. Aber grundsätzlich wünsche ich mir immer, dass meine Filme die Menschen berühren und wenn das eintritt, finde ich es wunderbar. Nach der Publikumsvorstellung in Cannes kam eine Frau auf mich zu, umarmte mich und lag bestimmt eine Minute lang schluchzend in meinen Armen. Dann sagte ich ihr, dass es mir leid tue, schließlich möchte ich niemanden unglücklich machen. Sie sagte, alles sei wunderbar und rannte weg. Das beschreibt ein bisschen die ambivalenten Gefühle, die der Film hervorruft. Man erlebt einerseits ein Gefühlstief, das viele Menschen andererseits auch als etwas sehr Schönes empfinden. Es hat etwas Befreiendes.
Ricore: Fragten Sie sich bei der Arbeit am Film nicht auch, wie weit Sie in der Darstellung des Themas gehen können, ohne die Würde des Menschen zu verletzen?
Dresen: Wir haben sehr lange für den Film recherchiert und sind dabei auf viele drastische Situationen gestoßen. Natürlich überlegt man schon im Vorfeld, wo die Schmerzgrenze liegt. Einerseits wollten wir nichts beschönigen, andererseits wollten wir dem Zuschauer eine Chance lassen. Insofern ist es durchaus ein Abwägen zwischen dem, was man zeigen kann und dem, was man am besten weglässt. Wenn ich auch noch die vollgeschissenen Windeln gezeigt hätte, dann wäre das nicht nur geschmacklos, es wäre auch ein ganz anderer Film geworden. Wir erzählen in "Halt auf freier Strecke" davon, wie die ganze Familie darum kämpft, ihre Würde zu behalten. Entscheidend war, dass der Film an einen Punkt gelangt, der für alle Beteiligten eine Erlösung ist. Den Tod selber zeigen wir nicht. Zwar arbeitet der Film die ganze Zeit darauf hin, doch zieht sich die Kamera im entscheidenden Moment zurück. Im Kino gibt es so viele Sterbeszenen, bei uns kommt der Moment selbst nicht in Großaufnahme vor. Eine Zeitlang ist man sogar völlig im Unklaren, ob Frank gestorben ist oder nicht. Das alles hat mit Distanz und Nähe zu tun. Wir mussten ein Maß finden, das es einem ermöglicht, die Geschichte zu erzählen, so dass auch der Zuschauer sie sich anschauen kann.