© Jean-François Martin/Ricore Text
Keine Sentimentalitäten!
Sozialphilosophisch: Die Dardenne-Brüder
1978 realisierte das Brüderpaar
Jean-Pierre Dardenne und
Luc Dardenne seinen ersten Dokumentarfilm. Seitdem haben sie sich mit zahlreichen Folgeprojekten den Ruf erarbeitet, sozialphilosophische Stoffe vielschichtig und tiefsinnig auf die Leinwand zu bringen. "
Der Junge mit dem Fahrrad" bildet da wahrlich keine Ausnahme.
Filmreporter.de hat die Dardenne-Brüder getroffen und mit ihnen über Besessenheit und den Verzicht auf Sentimentalität gesprochen.
© Alamode
Der Junge mit dem Fahrrad
Ricore: Ihre Filme sind immer sehr präzise Charakter- und Gesellschaftsstudien. Das ist auch in "Der Junge mit dem Fahrrad" nicht anders. Wie würden sie Cyrils beschreiben?
Luc Dardenne: Cyril ist ein Besessener. Er hat die fixe Idee, unbedingt seinen Vater finden zu müssen. Hinter dieser Idee verbirgt sich die Sehnsucht eines Jungen nach Liebe. Cyril will die Liebe erfahren, die er nicht bekommt. Er ist auf der Suche nach dem Platz eines Kindes. Das war für uns die zentrale Idee in "Der Junge mit dem Fahrrad". Cyril rennt dieser Liebe hinterher. Oder besser: er fährt ihr hinterher, und zwar mit dem Fahrrad.
Ricore: Diese Besessenheit hat etwas Animalisches an sich. Cyril wird von Ihnen wie ein Hund dargestellt, der sich in eine Idee verbissen hat. Nicht umsonst wird er im Film als Pitbull bezeichnet.
Jean-Pierre Dardenne: Ja, Cyril ist in seiner Suche nach Liebe tatsächlich wie ein Tier. Er hat aber auch Nostalgie an sich. Das Kind träumt davon, etwas zu erleben, das er nie erlebt hat. Er wünscht sich jemanden, der ihm sagt, wo sein Platz im Leben ist. Das sollte der Vater eigentlich tun, aber er tut das nicht. Im Französischen gibt es den Ausdruck "Kämpfen wie ein Hund". Genau das tut Cyril. Er kämpft wie ein Hund dafür, geliebt zu werden.
Ricore: Die Darstellung von Thomas Doret ist sehr gelungen. Hinter jedem guten Kinderdarsteller steckt ein Regisseur, der ihn führt. Inwieweit würden Sie die Leistung von Doret auch als Ihr Verdienst betrachten?
Luc Dardenne: Im Grunde genommen gibt man einem Kind keine Regieanweisungen. Wir haben Thomas' Anhaltspunkte und innerhalb dieser Anhaltspunkte haben wir ihm seine Freiheit gelassen. Würde zum Beispiel eine Szene in diesem Zimmer gedreht werden [wir befinden uns im Foyer des Bayerischen Hofs in München] und Thomas müsste jene Tür dort öffnen, dann würde unsere Anweisung ganz einfach lauten: Geh und mach die Tür auf. Wie er das umsetzt, bleibt ihm überlassen. Wenn ein Kind nicht spielen kann, dann würde er imitieren, was man ihm gesagt hat. Das würde nicht funktionieren. Die wichtigste Aufgabe des Regisseurs besteht vor allem darin, im Vorfeld der Arbeit den richtigen Schauspieler auszusuchen.