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Jean-Pierre und Luc Dardenne
Stille unter dem Wahnsinn der Welt

Die Realität der Dardennes

Ein Film, so Nouvelle Vague-Regisseur Jean-Luc Godard, besteht aus 24 Bildern pro Sekunde und damit aus 24 Wahrheiten. Das belgische Brüderpaar Jean Pierre und Luc Dardenne erhebt diese Metapher zur Maxime. Ihre Filme behandeln soziale Themen, ohne politisch zu sein. Sie zeigen Menschen am Kreuzweg einer moralischen Entscheidung, ohne zu moralisieren. In der Tristesse des Arbeitermilieus findet das Duo ihre Figuren. Arbeitslosigkeit, Migration und Einsamkeit sind wiederkehrende Themen ihres Œuvres. "Natürlich wollen wir das Publikum ansprechen, es beunruhigen, aber wir hoffen nicht, dass wir die Welt verändern können". Und doch schwebt in den psychologischen Portraits ihrer Charaktere immer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Verbitterung und Glaube - die zwei unzertrennliche Aspekte des Schaffen der Gebrüder Dardenne.
Von  Tzveta Bozadjieva/Filmreporter.de, 13. Oktober 2008

Luc Dardenne (Cannes 2008)

Luc Dardenne (Cannes 2008)

Cannes, 1999. Das internationale Filmfestival lässt das 20. Jahrhundert mit einer Überraschung ausklingen. David Lynchs versöhnliches Road-Movie über Vergebung "The Straight Story - Eine wahre Geschichte", Pedro Almodóvars exzentrisches Werk "Alles über meine Mutter" und Peter Greenaways "8 1/2 Women" konkurrieren um die Goldene Palme und gelten als aussichtsreichste Anwärter auf die Auszeichnung.

Die Jury entscheidet sich aber anders. Ein kleiner Film über einen 17-jährigen Teenager findet das Lob des Gremiums und so wird "Rosetta" der erste belgische Beitrag, der den angesehenen Filmpreis bekommt. Die Regisseure - die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben Mitte der 1990er Jahre mit dem Sozialdrama "La Promesse" (Das Versprechen) erstmals auf sich aufmerksam gemacht, sind dem breiten Publikum aber nicht bekannt.

Jean-Pierre Dardenne (Cannes 2008)

Jean-Pierre Dardenne (Cannes 2008)

"Rosetta" ist die Geschichte einer jungen Frau, die in einem Wohnwagen mit ihrer alkoholisierten Mutter lebt. Das Drama portraitiert ihre Sinn- und Arbeitsuche, die psychologischen, emotionale und gesellschaftlichen Aspekte der Erwerbslosigkeit. "Der Arbeitsmarkt ist heute wie das bekannte Kinderspiel mit den Stühlen. Es gibt acht Leute und nur sieben Stühle. Wenn die Musik aus ist, wird einer eliminiert. So macht sich Rosetta auf die Suche nach Arbeit, als würde sie in den Krieg ziehen. Sie denkt, dass wenn sie nicht einen Platz in der Gesellschaft findet, sie zu existieren aufhören wird", erklärt der ältere Jean-Pierre.

Der Kampf um Integration und Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Preis, den die Protagonisten, zu zahlen bereit sind, bilden ein Problemenkomplex, das die Brüder antreibt. Der Gedanke liegt nahe, dass die Filme der Dardenne-Brüder Ausdruck politischen Bewusstseins sind, sie kritisieren und klagen an. Dabei lassen sie ihren Figuren großen Raum, lassen sie für sich sprechen. Diese verfolgen meist kein Ziel, außer Verständnis für ein ethisches und moralisches Dilemma zu fordern. Umso überraschender ist Belgiens Gesetzesinitiative für den Schutz junger Arbeiter, die auf den Namen "Rosetta Low" getauft wird. " Zufall? Der Entwurf wurde diskutiert, denn die Politiker wollten an den Filmerfolg anknüpfen. Wir haben nie beabsichtigt, Gesetze zu ändern", trennt Jean-Pierre seine Kunst von der Tagespolitik.

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