Interview

Christian Petzold auf der Berlinale 2012
Politisch im Zwischenmenschlichen

Christian Petzolds atmende Bilder

Eigentlich bräuchte er nicht nervös sein. Schließlich werden Christian Petzolds stille Dramen immer wieder von der Kritik gefeiert. So auch auf den Filmfestspielen von Berlin, wo er ein gern gesehener Gast ist. Dennoch lässt er nach der Premiere seines diesjährigen Wettbewerbs-Beitrags "Barbara" lieber seinen Produzenten auf der Bühne sprechen. Der Regisseur hat vor Publikum Lampenfieber. Beim Gespräch mit Filmreporter.de während der Berlinale 2012 ist er dagegen ganz entspannt und spricht mit uns über sein Verhältnis zur DDR und seine Herangehensweise bei der Realisierung seiner Filme. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Petzold wird für "Barbara" ein paar Tage später mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de, 24. März 2012

Barbara

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Ricore: Wie nervös sind Sie, wenn einer Ihrer Filme Premiere feiert?

Christian Petzold: Wahnsinnig, es ist in den letzten Jahren noch schlimmer geworden. Ich war vor drei Jahren bei einer Podiumsdiskussion in München und hab das erste Mal seit zehn Jahren richtiges Lampenfieber gehabt. Das ist seitdem nicht mehr weggegangen, sondern eher stärker geworden. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass es so unnatürlich ist, vor Leuten zu sprechen und einen das Lampenfieber zur Demut zurückbringt.

Ricore: Hängt das vielleicht auch mit dem Druck zusammen, mit jedem neuen Film den hohen Erwartungen der bislang immer sehr positiv gestimmten Kritiker weiterhin gerecht zu werden?

Petzold: Kann sein, doch ich hab mir gesagt, dass die Arbeit so viel Freude macht, dass ich jetzt nicht darüber nachdenke, wie es ankommt. Eigentlich ist mir auch klar, dass ich abgeschlachtet werde, wenn ich mal einen Scheißfilm mache oder einen Film, der keine Freunde findet. Ich hab das ja auch bei meinen Freunden erlebt, wie die abgeschlachtet worden sind. Vielleicht ist Lampenfieber ja auch die Angst vor der Abschlachtung.

Ricore: In "Barbara" beschäftigen Sie sich mit der DDR. Was wollten Sie diesem bereits oft behandelten Thema hinzufügen?

Petzold: Ich habe ein bisschen das Gefühl - ohne anderen auf den Schlips treten zu wollen - dass man zur DDR, so wie im Grunde auch zum Nationalsozialismus, den 1950er Jahren oder zur Weimarer Republik, in letzter Zeit immer so eine Roman-Position hat. Man sitzt als Autor ganz oben, schaut sich da unten eine Miniaturwelt an und bestimmt, was passiert. Alle Filme, die ich liebe und im Grunde das Politische verhandeln, sind keine Filme, die von oben Politik machen, sondern Filme, in denen das Politische im Zwischenmenschlichen ist. Die Ängste, das Misstrauen - da muss man hin. Deswegen soll man keine Romane machen, sondern Novellen schreiben. Ich finde, man sollte Filme machen, die eben nicht wie Monumentalschinken daher kommen.

Ricore: Die Figuren in Ihren Filmen werden nicht bewertet, sondern vielmehr beobachtet. Wie wichtig ist es Ihnen dennoch, dass durch die Charaktere Ihre eigene Moral durchscheint?

Petzold: Die Figuren sind ja erst mal nicht irgendwelche Marionetten, die ich an den Fäden halte. Das wäre auch bei diesen großartigen, mündigen Schauspielern nicht möglich. Die merken das sofort. Bei einem falschen Autorengedanken, einem falschen Satz, haben Nina, Ronald und alle anderen immer sofort gespürt, dass was nicht stimmt. Ich habe mal grundsätzlich gesagt: Wenn die sogenannten Nebenfiguren das Bild verlassen haben, muss man das Gefühl haben, dass sie außerhalb des Bildes weiterleben. So eine Wahrhaftigkeit müssen die haben.

Ricore: Kommt das auch schon bei der Konzeption der Figuren zum Tragen, indem Sie sich für Ihre Charaktere ein Vorleben sowie ein Leben nach der Handlung überlegen?

Petzold: Ja, aber nur ansatzweise. Früher stand bei Taschenbüchern auf der ersten Seite: 'Doktor Werner Winter, ein Gynäkologe mit Hang zu jungen Mädchen' [lacht]. Dann hast du sofort eine Karikatur. Ein Schauspieler, der so einen Scheiß liest, weiß sofort, dass er sich aus dieser Klammer nicht mehr befreien kann. Deswegen schreibe ich immer kleine Geschichten, eine Episode, die ihm passiert ist. Die muss er dann für sich weiterspinnen. Vielleicht kommt daher ein gewisser Reichtum, den die Figuren haben. Mit Reichtum meine ich aber auch, dass sie sich nicht mehr der Kamera offenbaren müssen, denn sie wissen: 'Ich bin für mich, das gehört mir. Ich habe ein Geheimnis und das wird respektiert.'

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