© Heiko Thiele/Ricore Text
Bücher statt Internet
Leseratte Fritz Karl
Viele kennen
Fritz Karl als Kandlerwirt Lorenz Schneider aus der 2006 gedrehten Komödie "
Wer früher stirbt, ist länger tot". Sechs Jahre später ist er erneut in einem bayrischen Film zu sehen. In "
Tom & Hacke" verkörpert er den einarmigen Bösewicht Ami Joe. Wie man eine Figur mit einem Handicap spielt, verrät der umgängliche Österreicher im Interview mit
Filmreporter.de. Darin erklärt Karl auch, wie er seine Lesephobie überwand und was er gegen soziale Netzwerke wie
Facebook hat.
© Zorro Film
Benedikt Weber und Xaver-Maria Brenner auf dem Friedhof in "Tom und Hacke"
Ricore: Weshalb halten Sie es für richtig, dass die Geschichte Tom Sawyers in die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versetzt wurde?
Fritz Karl: Ich hätte es merkwürdig gefunden, wenn man in Deutschland oder Österreich versucht hätte, den Mississippi nachzubauen. Das wäre lächerlich und eine absolut doofe Idee gewesen. Deswegen halte ich es für einen genialen Schachzug der Drehbuchautoren, die Geschichte in die Nachkriegszeit zu versetzen, um für die Kinder in Deutschland den angemessenen Hintergrund zu schaffen. Diese Zeit passt insofern sehr gut, als dass sie die Armut und die Freiheit Tom Sawyers hervorragend spiegelt. Die Kinder waren nach dem Zweiten Weltkriegs noch nicht so behütet wie heute. Sie mussten sehr früh selbstständig sein. Sie hatten mehr Freiraum, weil nicht ständig auf sie aufgepasst wurde. Heutzutage leben wir in einer unglaublichen Wohlstandsgesellschaft, in die meisten Kinder wohl behütet, beschützt und dreifach versichert aufwachen. Das gab es früher nicht und deshalb passt dieser Stoff so gut in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Ricore: Wie behütet sind Sie aufgewachsen?
Karl: Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Schon behütet, aber ich kannte dieses Freiheitsgefühl.
Ricore: Haben Sie damals die Geschichten von Tom Sawyer gelesen?
Karl: Ich habe Tom Sawyer nicht als Kind gelesen, erst später.
Ricore: Sie haben spät angefangen zu lesen - warum?
Karl: Ich habe wirklich sehr spät angefangen. Ich hatte früher schon fast eine Lesephobie. Allerdings weiß ich nicht warum. Eigentlich habe ich erst in meiner Zeit am Max-Reinhardt-Seminar richtig angefangen zu lesen. Ich hatte damals einen Professor, der mich daran herangeführt hat.
Ricore: Erinnern Sie sich noch an seinen Namen?
Karl: Nein, das weiß ich leider nicht mehr [lacht]. Es war ein ganz, ganz alter Herr, der mich in Literaturwissenschaften unterrichtet hat und ein großer
Goethe-Kenner war.