Wild Bunch Germany
Lieber Thomas (2021)

Lieber Thomas

Originaltitel
Lieber Thomas
Alternativ
Dear Thomas
Regie
Andreas Kleinert
Darsteller
Albrecht Schuch, Jella Haase, Ioana Iacob, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman
Kinostart:
Deutschland, am 11.11.2021 bei Wild Bunch
Kinostart:
Österreich, am 12.11.2021 bei Constantin Film
Genre
Drama
Land
Deutschland
Jahr
2021
FSK
ab 16 Jahren
Länge
150 min.
IMDB
IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
9,0 (Filmreporter)
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Herausragendes Biopic von Andreas Kleinert
Der Drill, der Sport, die Gemeinschaft - Thomas ist die Atmosphäre in seiner Schule zuwider. Er entzieht sich der Gruppe und dem Zwang wann immer er kann. Die stille Rebellion stößt seinen Mitschülern übel auf. Er steht zu seinem Verhalten und nimmt die Strafe in Kauf. Schon bei dem Halbwüchsigen entsteht das Muster, das sein Leben prägen wird. Beim Studium, der Bewährung in der Produktion, mit seinen Gedichten und Theaterstücken - immer eckt er bei den ungeschriebenen Regeln der engstirnigen Partei-und Staatsführung der DDR an. Mitte der 1970er Jahren zieht er in den Westen Berlins, bleibt aber auch dort ein Fremder, der sich den Spielregeln nicht anpassen will und mit seinem eigenen Kopf gegen alle Wände rennt.
Thomas Brasch heißt der Rebell, dessen Biografie Andreas Kleinert in ein aufsehenerregendes, inhaltlich und ästhetisch herausragendes Biopic packt, das Maßstäbe in dem Genre im deutschen Film und im differenzierten Umgang mit der Geschichte der DDR setzt. Der Film bleibt stets sehr nah an Brasch dran, den der überragende Albrecht Schuch mit funkelnden, neugierigen Augen als Verführer und leidenschaftlichen Künstler gibt, der alles seiner Berufung unterordnet. Das Funkeln erlöscht im Moment seiner Übersiedlung und blitzt nur noch selten auf. Die Augen werden glasig von den Drogen. Brasch hat seine große Reibungsfläche, den Staat und dessen Repräsentant im eigenen Elternhaus (Jörg Schüttauf) verloren, nach dessen Anerkennung er sich sehnt.

Weitere Personen der Zeitgeschichte tauchen auf, doch im Film ist es einfach nur die Bettina (Paula Hans), der Nachname Wegner wird nie genannt. Sanda (Ioana Iacob) und Vlad (Adrian Julius Tillmann), hinter denen sich die Helene Weigel-Verwandten Sanda Weigl und ihr Bruder Vladimir verbergen. Und natürlich Katarina, Katharina Thalbach, Sprössling aus der international gut vernetzten Künstler-Bohme, die große Liebe von Brasch. Der Besetzungscoup Jella Haase geht auf!

Kenner von Braschs Leben fällt es nicht schwer, die Personen zu identifizieren, sie ist aber nicht notwendig, um der Handlung zu folgen. Die Anonymisierung unterstreicht die allgemeingültige Dimension der spezifischen Geschichte von Thomas Brasch und seinem Umfeld. Die jungen Leute stammen - ebenso wie die im Film namenlos bleibende Stasi-Informantin Annette Kahane - aus jüdischen oder kommunistischen Elternhäusern. Ihre Eltern waren im Exil oder Widerstand und hatten sich nach 1945 bewusst für die DDR entschieden. Sie gehörten zur künstlerischen oder politischen Elite und reagierten auf Ablehnung der Ordnung durch den eigenen Nachwuchs mit Unverständnis. Sie stehen damit stellvertretend für eine Obrigkeit, die bis zum Mauerfall niemals nach dem Grund der Proteste fragte und schon jugendlichen Ungehorsam mit drakonischen Strafen belegte. Das belegt Kleinert mit einem inszenatorischen Einfall, der hier natürlich nicht verraten wird.

Brasch und seine Freunde fanden ihre Vorbilder im Westen, was Kleinert bildlich auffängt. Mit Kleinigkeiten wie den offiziell verpönten Jeans und Lederjacke. Wilden Feten oder verrauchten Treffen, die an französische Existentialisten oder die westliche Studentenszene erinnert. Oder mit dem gelungen Regieeinfall, Bettina und Thomas in die ikonischen Szenen aus Jean-Luc Godards "Außer Atem" zu versetzen. Zudem erweist sich Kleinert als exzellenter Kenner von Braschs Arbeiten, auf die es immer wieder Anspielungen gibt.

Er gliedert den Film in Kapitel, die Überschriften fangen den Gemütszustand des Ausnahmekünstlers in dessen eigenen Worten ein. Immer wieder schweift der Film übergangslos in dessen Alpträume oder Wunschvorstellungen ab, die Ausdruck seines Seelenzustands sind. So kann "Lieber Thomas" kein gewöhnliches deutsches Biopic werden, das die wichtigsten Lebensstationen abhakt. Es hat Mut zur Lücke. Der legendär gewordene Skandal bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 an Brasch wird ausgespart. Der Film nähert sich sehr intim der Seele eines Künstlers und nähert sich der tieferen Wahrheit hinter dem Leben eines Menschen, der an den Zwängen seiner Zeit verzweifelte und konsequent den eigenen Weg ging.
Katharina Dockhorn/Filmreporter.de
Drill, Sport, Gemeinschaft - Thomas ist die Atmosphäre seiner Schule zuwider.
 
Thomas Brasch ist der Rebell, dessen Biografie Andreas Kleinert in ein aufsehenerregendes Biopic packt.
Wild Bunch Germany, Zeitsprung Pictures, Peter Hartwig
Albrecht Schuch in "Lieber Thomas" (2021)
2022