Interview
© Constantin Film, ARD-Degeto
Ulrich Matthes in "Glauben: Gott von Ferdinand von Schirach" (2020)
Ich lebe im Augenblick und im Jetzt
Ulrich Matthes zu "GOTT von Ferdinand von Schirach"
Der von ihm in "Der Untergang" gespielte Propagandaminister Joseph Goebbels ist für eine unvorstellbare Anzahl an Morden verantwortlich. In Ulrich Matthes' aktuellem Projekt "GOTT von Ferdinand von Schirach" steht er als Bischof bei dem Thema Sterbehilfe für das Leben ein. Welche Schwierigkeiten ihm die Rolle bereitet, erläutert Matthes im exklusiven Filmreporter.de-Interview. Darin erfahren wir auch worin für ihn der Sinn des Lebens besteht und welche Einstellung er zur Sterbehilfe hat.
Von  Heiko Thiele, Filmreporter.de,  22. November 2020
© ARD-Degeto
Ulrich Matthes in "Glauben: Gott von Ferdinand von Schirach" (2020)


Ricore Text: Was halten Sie von dem Konzept, dass "GOTT von Ferdinand von Schirach" mit einer Publikumsabstimmung endet?

Ulrich Matthes: Mein persönlicher Fall ist dies nicht, da es sich um ein sehr komplexes Thema handelt. Der Stoff von Ferdinand von Schirach ist hoch anregend und ich bin mir sicher, dass er überall große Diskussionen auslösen wird.

Ricore Text: Inwieweit war Sterbehilfe bisher ein Thema für Sie?

Ulrich Matthes: Das ist ein Thema mit dem ich mich gedanklich immer mal wieder beschäftigt habe, grundsätzlich lebe ich aber im Augenblick und im Jetzt. In der Zeit, als wir den Film gedreht haben, habe ich mir verstärkt darüber Gedanken gemacht und habe auch mit anderen Menschen sehr viel darüber gesprochen. Wenn ich zum Beispiel im Alter von 85 Jahren schwer erkranken würde, halte ich es für mich selbst als durchaus vorstellbar mit Hilfe eines Hausarztes mein Leiden zu verkürzen.

Ricore Text: Spielt bei Ihrer Entscheidung auch eine Rolle, dass Sie Angst vor dem dahin siechen im Alter haben?

Ulrich Matthes: Jeder Mensch hat Angst davor, im Alter oder nach einer schweren Krankheit möglicherweise jahrelang zu leiden. Natürlich gibt es die Palliativmedizin, und die Mediziner, die dort tätig sind, haben meinen größten Respekt. Und trotzdem möchte ich für mich das Recht haben zu sagen: Nein. Jetzt ist ein Punkt wo ich selbstbestimmt mein Leben beenden möchte. Insofern finde ich das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020, das die assistierte Sterbehilfe ermöglicht, erst einmal grundsätzlich richtig.

Ricore Text: Es gibt ja nicht nur positive Stimmen zu diesem Urteil.

Ulrich Matthes: Ja, das Urteil geht sehr weit. Der Gesetzgeber muss unbedingt Differenzierungen treffen: Soll das Urteil auch für Menschen gelten, die 30 Jahre alt sind, kerngesund, Liebeskummer haben oder eine schwierige berufliche Situation?

Ricore Text: Was entgegnen Sie Personen, die Sterbehilfe für Personen ablehnen, die noch über ihren eigenen Körper verfügen können und somit selbst ein Ende des eigenen Lebens herbeiführen könnten, ohne hierfür einen Arzt konsultieren zu müssen?

Ulrich Matthes: Dieser gewalttätige Suizid ist bei jedem einzelnen Menschen, bei jedem einzelnen Schicksal etwas so Furchtbares - das muss unbedingt verhindert werden. Wenn ein Mensch würdevoll, denn darum geht es hier ja auch, sein Leben beenden möchte und eben nicht gewalttätig, dann ist es doch ein Fortschritt, mit Hilfe eines Arztes selbstbestimmt und ohne Gewalt sein Leben zu beenden.
© Constantin Film
Glauben: Gott von Ferdinand von Schirach (2020)
Breite gesellschaftliche Diskussion
Ricore Text: Welche neuen Erkenntnisse hat Ihnen die Beschäftigung mit dem Thema Sterbehilfe im Rahmen von "GOTT von Ferdinand von Schirach" allgemein gebracht?

Ulrich Matthes: Das Thema ist so hochkomplex, dass es mir sehr schwer fällt hundert prozentig pro und contra Sterbehilfe zu sein. Man muss da sehr abwägen und differenzieren. Insofern ist der Stoff von "Gott" sehr gut, weil er zu diesem Thema eine breite gesellschaftliche Diskussion anstoßen kann, auch weil er die ganze Bandbreite der Argumente zeigt, die es zu diesem Thema gibt. Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut der Abgeordneten stecken, die in nicht allzu ferner Zukunft darüber entscheiden müssen, wie sie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in irgendeine Gesetzesform gießen.

Ricore Text: War Ihre Vorbereitung auf Ihre Rolle als Bischof schwieriger als andere Figuren, da Sie hier fast nur auf Ihre Stimme und Mimik zurückgreifen konnten?

Ulrich Matthes: Mein Körper war ja bei den Dreharbeiten dabei, auch wenn ich die ganze Zeit sitze, bin ich körperlich nicht völlig eingeschränkt! Ich bin hier schließlich in keinem Hörspiel dabei gewesen. Das Schwierige an "Gott" war die Komplexität des Themas.

Ricore Text: Inwieweit halten Sie die Position Ihrer Figur 'Leben ist Leiden' für schlüssig und nachvollziehbar?

Ulrich Matthes: Aus seiner Perspektive kann die Position nachvollziehen. Der Bischof ist ein tief gläubiger Mensch, und wenn man so gläubig ist, ist man der Ansicht, dass nur Gott über den Tod zu entscheiden habe und keinesfalls der Mensch. Da ich selbst nicht gläubig bin, teile ich diese Ansicht jedoch nicht. Ich glaube grundsätzlich an die Selbstbestimmung des Menschen. Trotzdem habe ich natürlich erst einmal Respekt für die Haltung eines gläubigen Menschen, das ist für mich selbstverständlich.

Ricore Text: In "GOTT von Ferdinand von Schirach" wird die Position der Kirche eher kritisch dargestellt. Die Kirche hat aktuell einen schweren Stand und scheint nicht mehr in die Lebenswirklichkeit vieler Menschen mehr zu passen. Woran liegt das und was muss die Kirche dagegen tun?

Ulrich Matthes: Die katholische Kirche sollte weniger dogmatisch werden. Die katholische Kirche hat lange das Recht der Frau auf Abreibung angezweifelt und tut dies eigentlich noch immer. Die Rolle der Frau in der katholischen Kirche halte ich generell für hochproblematisch. Es gäbe noch vieles mehr zu nennen. Letztlich ist die katholische Kirche sehr oft zu weit weg von der Lebenswirklichkeit der Menschen.

Ricore Text: Sie haben einmal gesagt, dass Sie keinen konkreten Sinn im Leben entdecken können. Wenn dies noch immer stimmt: Was motiviert Sie dann jeden Morgen aufzustehen und den Tag zu bestreiten?

Ulrich Matthes: Habe ich das wirklich gesagt? Ich bin ein sehr vitaler Mensch. Ich lebe sehr gerne und stehe fast jeden Morgen positiv gestimmt auf. Aber dass ich genau wüsste, weshalb ich auf der Welt existiere und welche Aufgabe mir zufällt, finde ich tatsächlich schwer zu beantworten. Der Sinn besteht in der Freude am Leben an sich.

Ricore Text: "Gott" ist ein Theaterstück. Welche Vorteile hat die Filmadaption gegenüber der Bühnenfassung?

Ulrich Matthes: Beides hat seine Berechtigung. Ich selbst übe beides aus. Die Menschen, die ins Theater gehen, lassen sich durch den Stoff hoffentlich anregen. Es wäre schön, wenn dies bei den Zuschauern, die den Film am 23. November sehen werden, dann ebenso ist.

Ricore Text: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Heiko Thiele, Filmreporter.de,  22. November 2020

2021