Daniel Brühl
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Ich bin kein Rebell
Interview: Daniel Brühl über die Lethargie
Besser hätte es für Daniel Brühl nicht laufen können: anspruchsvolle Filmrollen, jede Menge Preise, eine Traumfrau als Verlobte - von Skandalen keine Spur. Auch in seinem neuesten Film läuft der 26-jährige Schauspieler wieder zur Höchstform auf: Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" war nach elf Jahren Abstinenz der erste deutschsprachige Film im Wettbewerb von Cannes - und wurde von der internationalen Kritik hoch gelobt. Brühl spielt darin einen jungen Globalisierungsgegner, der quasi aus Versehen einen reichen Geschäftsmann entführt.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  23. November 2004
Daniel Brühl in "Die fetten Jahre sind vorbei"
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Daniel Brühl in "Die fetten Jahre sind vorbei"
Ricore: Herr Brühl, mit "Good Bye, Lenin!", "Was nützt die Liebe in Gedanken" und "Die fetten Jahre sind vorbei" häufen sich in Ihren Filmen gesellschaftspolitische Themen. Zufall oder Interesse an der Thematik? Daniel

Brühl: Interessiert bin ich schon, es ist ja auch die Zeit, die immer beschissener wird. Deshalb wundert es mich nicht, dass solche Geschichten im Kino umgesetzt werden. Kino zeigt ja oft, was gesellschaftlich vor sich geht. Hartz IV gab es beim Drehbeginn zu "Die fetten Jahre sind vorbei" vielleicht noch nicht, aber der allgemeine Lethargie-Trend der heutigen Jugend war damals schon deutlich spürbar.

Ricore: Erzählen Sie doch bitte von Ihrem Mikrokosmos, von den Kleinigkeiten des Alltags. Sind die fetten Jahre wirklich vorbei?

Brühl: Es fällt mir ein bisschen schwer, darüber zu reden, da ich gerade eine Art Contra-Entwicklung durchmache. Wenn ich bedenke, dass "Die fetten Jahre sind vorbei" der erste Cannes-Beitrag eines deutschsprachigen Films seit elf Jahren war und in meiner Karriere auch sonst alles zum Besten steht, entwickelt sich das Thema verständlicherweise zum Paradox. Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich meine persönlichen fetten Jahre gerade durchmache.

Ricore: Wie schwer fällt es einem Glückskind wie Ihnen, die Wut und Verzweiflung Ihrer Mitmenschen auch wirklich nachzuvollziehen?

Brühl: Für mich ist es enorm wichtig, den Bezug zur Realität nicht zu verlieren. Wenn man so viele Erfolge feiert, wie ich im letzten Jahr, entwickelt sich das schnell zum Problem. Automatisch verbringt man zu viel Zeit im Schein der Filmwelt, hat zu wenig Zeit für das echte normale Leben, zu wenig Zeit für Freunde, denen es vielleicht gerade nicht so gut geht. Ich denke, mir gelingt es noch ganz gut, mich in die Sorgen und Ängste meiner Freunde hineinzuversetzen.

Ricore: Seltsam: Bei unsern letzten beiden Gesprächen pochten Sie noch fest darauf, sich privat aus der Filmbranche fernzuhalten - nun geben Sie einen gewissen Hang zu dieser Scheinwelt zu. Wird Daniel Brühl allmählich vereinnahmt?

Brühl: Es wird tatsächlich immer schwieriger, gut erkannt. Je mehr Arbeit und Erfolg da ist, desto mehr Zeit geht natürlich auch dafür drauf. Das letzte Jahr habe ich hauptsächlich damit verbracht, "Good Bye, Lenin!" in anderen Ländern zu bewerben. Ich habe hunderte Male dieselben Fragen gestellt bekommen, hunderte Male dieselben Antworten gegeben - bis ich mich irgendwann nach der letzten Etappe, den USA, so leer gefühlt habe, dass ich meinen Akku unbedingt wieder auffrischen musste.
Kiffen erstickt die revolutionäre Energie der Jugend
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Kiffen erstickt die revolutionäre Energie der Jugend
Ricore: Bei erfolgreichen Schauspielern werden die besten Freunde oft zu großen Bewunderern - auch, wenn man persönlich viel lieber hätte, dass alles so bleibt wie früher. Vor seinen Freunden will man doch ungern als idealisiertes Vorbild dastehen, oder nicht?

Brühl: Ich weiß genau, was Sie meinen. Manchmal können Respekt und Bewunderung echt unangenehm werden. Zum Glück haben meine ältesten Freunde eine gute Art, so etwas zu äußern. Es wäre schade, wenn ich von ihnen gar kein Feedback bekommen würde, und deshalb freue ich mich immer, wenn ich von ihnen angenehme und charmante Komplimente bekomme. Ich persönlich erzähle nur dann von meiner Arbeit, wenn ich danach gefragt werde. Liegt wohl wieder an meiner Angst vor Überheblichkeit. Und die bewegt sich oft auf einem sehr schmalen Grat.

Ricore: Im Film stellt sich die Frage, wie es trotz Kompromissen gelingen kann, sein Leben "wild und frei" zu genießen. Haben Sie ein Rezept?

Brühl: Ich ziehe mich zurück und schaffe Inseln, die nichts mit meinem Beruf und meinen Verpflichtungen zu tun haben. In meiner Privatsphäre gelingt es mir noch ganz gut, wild und frei zu leben. Aber ehrlich gesagt bin ich kein besonders wilder Typ und vermutlich langweiliger als die Leute denken. Aber auch ich musste Kompromisse eingehen. Könnte ich wählen, würde ich gerne genauso viel Zeit in Freunde, Familie und Beziehung investieren wie in meinen Beruf. Andererseits ist mein Job auch meine große Leidenschaft, die mir sehr viel Spaß macht. Man muss für sich selbst die Waage finden.

Ricore: Ihre Verlobte, die Schauspielerin Jessica Schwarz, mit der Sie seit dem Dreh zu "Nichts bereuen" liiert sind, ist in ihrem Beruf auch ständig unterwegs. Wie schwierig ist da eine harmonische Beziehung?

Brühl: Es ist problematisch, ein ständiger Kampf. Aber man muss gemeinsam stark sein und sich die Mühe machen, sich die nötige Zeit freizuschaufeln. Irgendwie funktioniert es immer, wenn man nur will. Schön ist, dass durch diese Umstände unsere Beziehung nie zur Routine verkommt. Wir haben uns immer etwas zu erzählen.

Ricore: Im Film wird folgende These aufgestellt: "Kiffen erstickt die revolutionäre Energie der Jugend". Was ist - metaphorisch betrachtet - Ihre Droge?

Brühl: Dem Satz pflichte ich in gewisser Form bei. Kiffen macht bekanntermaßen lethargisch. Ich war immer eher ein Trinker. Ich bin von Grund auf hibbelig, brauche Bewegungen. Deshalb machen mich Kiffer durch ihre Antriebslosigkeit immer ein bisschen nervös. Was jetzt bloß nicht heißen soll, dass ich etwas dagegen habe, oder es nicht ab und zu mache, aber das stundenlange Herumhängen ist mir letztendlich doch zu unkommunikativ. Meine persönliche Droge? Ganz klar, mein Beruf. Ich bin süchtig danach, jemand anderer zu sein, mich zu verändern und neu zu entdecken. Einen schöneren Antrieb gibt es für mich nicht.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  23. November 2004
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