Interview
Vor den Toten auf der Hut: Jonathan Rivers (Michael Keaton)UIP
Ricore: Mr. Keaton, in Ihrem neuen Film White Noise - Schreie aus dem Jenseits empfangen Sie über elektronische Funkwellen die Stimmen von Verstorbenen. Inwieweit hat der Film ihre Meinung über den Tod verändert?

Michael Keaton: Ich mache mir mehr Gedanken darüber, was in unserer Welt möglich ist und was nicht. Sagt man nicht, dass etwas zur eigenen Wirklichkeit wird, wenn man es sich nur stark genug vorstellt? Unser Universum ist so groß, es gibt unendlich viele Dinge, von denen wir keine Ahnung haben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass alle Geräusche, die jemals auf der Welt produziert wurden, noch irgendwo im Weltall herumschwirren - denn die Weiten sind unendlich. Wer könnte da noch behaupten, dass Signale von Toten ausgeschlossen sind? Wir wissen ja nicht, was nach dem Ableben mit uns passiert und wo wir hinkommen.

Ricore: Sie glauben also an ein Leben nach dem Tod?

Keaton: Ich glaube daran, dass nach dem Tod irgendetwas kommt. Was das genau ist, kann ich aber nicht näher konkretisieren. Es stellt sich aber die Frage, ob die Formulierung "Leben nach dem Tod" wirklich richtig ist. Denn ob dieser Zustand mit unserem weltlichen Leben vergleichbar ist, bleibt mehr als fraglich.

Ricore: Glauben Sie an Gott?

Keaton: Ich glaube an eine höhere Macht, die von uns Menschen je nach Glaubensgesinnung unterschiedlich bezeichnet wird. Der Glaube an Gott setzt für mich aber kein Leben nach dem Tod voraus.

Ricore: Haben Sie denn schon persönlich Erfahrung mit Ereignissen gemacht, die Sie sich nicht erklären konnten?

Keaton: Ja, genauso wie das bei Ihnen vermutlich auch schon vorgekommen ist. Tagtäglich passieren Dinge, die unserer Aufmerksamkeit entgehen, möglicherweise gibt es also Frequenzen oder ähnliches, auf die der Großteil der Menschheit einfach nicht eingestimmt ist. Auch wenn vielleicht in jedem von uns das Potential schlummert, wissen wir es nicht zu nutzen. Tatsache ist, dass es genug Beispiele gibt, in denen übersinnlich begabte Personen der Polizei bei der Aufklärung von Fällen geholfen haben. All das sind genau dokumentierte Fälle, die mit einer billigen Samstagabend-Show nichts gemeinsam haben.'

Ricore: Mussten Sie sich auf die Rolle besonders intensiv vorbereiten?

Keaton: Im Gegenteil. Ich spiele einen Skeptiker, der keine Ahnung von der Existenz dieser Signale hat. Also habe ich mich dazu entschlossen, im Vorfeld so wenig wie möglich darüber zu lesen. Es passiert den besten Schauspielern, dass sie in einer Szene unglaubwürdig wirken, weil sie zu viel über die Thematik wissen und dadurch automatisch vorhersehbar wirken. Deswegen wollte ich, dass man mir meine Unwissenheit anmerkt.
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Ricore: Haben Sie schon einmal in Erwägung gezogen, selbst mit einer verstorbenen Person Kontakt aufzunehmen?

Keaton: Selbst wenn es möglich wäre, sehe ich die große Gefahr, dass man sich zu sehr in die Thematik verstrickt. Ich habe es noch nie ernsthaft versucht.

Ricore: Wer war die engste Person, die Sie bisher verloren haben?

Keaton: Ich möchte allgemein antworten. Die Personen, die einem am nächsten stehen, sind mit Sicherheit immer die Eltern. Da liegen unsere Wurzeln, da kommen wir her.

Ricore: Wie gehen Sie mit Trauer um?

Keaton: Auf meine ganz persönliche Art und Weise, die ich hier nicht preisgeben werde. Bestimmte private Dinge braucht die Öffentlichkeit nicht zu erfahren, vor allem, wenn andere Personen involviert sind. Es gibt schon genug Publicity-Huren, die der Welt alles über sich, ihre Kinder und Verwandten erzählen. Da brauche ich nicht auch noch mitmischen.

Ricore: Dann sprechen wir doch über Ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Geoffrey Sax, der mit "White Noise - Schreie aus dem Jenseits sein Kinodebüt gibt.

Keaton: Wir haben uns blendend ergänzt. Es ist kein Geheimnis, dass ich wesentlich mehr Erfahrung habe als er und ihm von Zeit zu Zeit gute Ratschläge geben konnte. Zusammen mit dem Kameramann gingen wir die Szenen durch, und manchmal wusste ich eben eine bessere Alternative als die vorgeschlagene. Die beiden hatten immer ein offenes Ohr. Ich mag es, wenn man sich bei Filmproduktionen auf eine gute Teamarbeit verlassen kann. Das Ergebnis beweist, dass uns etwas wirklich Gruseliges gelungen ist.

Ricore: Ihr neues Projekt dagegen geht einmal mehr in eine ganz andere Richtung. "Herbie: Fully Loaded" lässt den legendären Volkswagen Herbie wieder auferstehen.

Keaton: Und es hat richtig Spaß gemacht, glauben Sie mir. Eine riesige Studioproduktion, bunte Drehorte und jede Menge Rennen.

Ricore: Die 18-jährige Lindsay Lohan spielt in dem Film an Ihrer Seite. Welchen Ratschlag würden Sie einer Nachwuchsschauspielerin in ihrem Alter geben?

Keaton: Dass man seine innere Willensstärke bewahren muss. Hollywood ist keine leichte Sache. Erfolgreich, zufrieden und trotzdem noch normal zu bleiben, ist in dieser Industrie ziemlich schwierig. Das geht nur, wenn man sich selbst eine gewisse Disziplin auferlegt.

Ricore: Beschäftigen Sie Ihre Rollen eigentlich noch nach Drehschluss?

Keaton: Manchmal mache ich mir Gedanken, ob meine Leistung wirklich optimal war. Aber in der Regel erledige ich meinen Job und schließe damit ab. Wenn ich ehrlich bin, habe ich einige meiner Filme noch kein einziges Mal gesehen. Ich mag den Prozess des Drehens, deswegen mache ich den Job.

Ricore: In den letzten Jahren war Ihr Terminplan aber nicht gerade ausgefüllt mit Filmen.

Keaton: Ich kann Ihnen auch sagen warum: Weil ich hyperaktiv bin und mir immer viel zu viele Dinge vornehme. Ich habe Häuser gebaut, eine Beziehung geführt, war beim Fischen oder habe Zeit auf meiner Ranch verbracht. Dann gibt es so viele Länder, die ich bereisen möchte. Ich liebe Spanien und Italien. Und erst die Bären in British Columbia! Kennen Sie die? Schöner und größer geht es fast nicht mehr.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  22. Februar 2005

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