Interview
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Denis Moschitto in "Gegengerade - 20359 St. Pauli"
"Hollywood braucht mich nicht"
Paradetürke Denis Moschitto?
In Detlev Bucks "Rubbeldiekatz" spielt Denis Moschitto einmal mehr den besten Kumpel der Hauptfigur. Im Interview mit Filmreporter.de spricht der 34-Jährige über Rollenangebote, die man in Deutschland als Schauspieler mit Migrationshintergrund bekommt und die Lage der deutschen Kinolandschaft. Er zeigt sich mit seiner Situation durchaus zufrieden. Nach Hollywood zieht es ihn jedenfalls nicht.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  13. Dezember 2011
© Universal Pictures (UPI)
Rubbeldiekatz
Filmreporter: Hätten Sie gerne die Rolle von Matthias Schweighöfer gespielt.

Denis Moschitto: Ganz ehrlich, nein. Ich hätte keine Lust gehabt, mir das Laufen auf Pfennigabsätzen antrainieren zu müssen. Das ist alles ganz richtig so. Matthias macht das hervorragend. Anfangs war ich skeptisch, als ich hörte, dass er die Rolle spielt. Nicht weil ich dachte, er könne das nicht. Aber er hat so ein unglaublich breites Kreuz. Ich dachte, es würde schwierig sein, das zu kaschieren.

Filmreporter: Und was dachten Sie, als Sie ihn das erste Mal als Frau verkleidet sahen?

Moschitto: Wow! Er macht als Frau eine gute Figur. Wir waren während der Fashion Week auf einer Veranstaltung, zu der er verkleidet erschien. Es war interessant zu sehen, wie die Leute reagiert haben, viele haben ihn gar nicht erkannt.

Filmreporter: Hat er sich durch die Rolle auch jenseits der Kamera anders verhalten?

Moschitto: Es hat schon ein bisschen abgefärbt. Ich kenne das auch von mir, wenn ich Rollen spiele, in die ich mehr eintauche, als üblich. Da bleibt etwas hängen.

Filmreporter: Die Rolle des Jan ist nicht gerade die anspruchvollste.

Moschitto: Das stimmt.
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Matthias Schweighöfer und Denis Moschitto in "Rubbeldiekatz"
Filmreporter: Suchen Sie als Schauspieler nach Rollen, die sie mehr fordern?

Moschitto: Als Schauspieler wünsche ich mir natürlich Rollen, an denen ich arbeiten kann. Mit denen ich mich auch über längere Zeit wirklich auseinandersetzen und neue Fähigkeiten erarbeiten muss. In diesem Fall war es so, dass ich unbedingt mal mit Detlev Buck zusammenarbeiten wollte. Matthias kenne ich schon von früheren Filmprojekten. Ich wusste, das wird ein lustiger Dreh. Und so war es auch. Allerdings kann man schon sagen, dass den Honks im Film sehr viel Raum gegeben wird, was für die eigentliche Geschichte nicht so wichtig wäre. Das war eine typische Buck-Idee. Aber dadurch gab es dann doch etwas zu tun für mich.

Filmreporter: Stammt diese Narbe am Kinn von den Dreharbeiten?

Moschitto: Nein, die hab ich seit der Geburt. Manche Leute haben das. Wenn ich frisch rasiert bin, leuchtet sie.

Filmreporter: Im Film schlüpft Alexander in Frauenkleider, um eine Rolle in einem Hollywoodfilm zu bekommen. Wie weit würden Sie dafür gehen?

Moschitto: Ich bin da gar nicht so heiß drauf. Das hört man sicher oft, aber das interessiert mich nicht so sehr. Ich glaube, dass mich dieser ganze Apparat einschüchtern würde. Aber wenn ich eine Rolle für einen Hollywoodfilm angeboten bekäme, die ich interessant fände, würde ich natürlich annehmen. Aber ich finde es sehr viel spannender Filme in Deutschland zu machen, weil ich sehe, was hier noch alles möglich ist. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der deutsche Film sehr entwickelt, aber da ist noch viel Luft nach oben. Ich finde, Hollywood braucht mich nicht. Da gibt es so viele dunkelhaarige arbeitslose Kellner-Schauspieler. Ich wüsste auch nicht, welche Rollen ich da spielen könnte, die nicht jemand anderes schon besser gemacht hat.
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Denis Moschitto in "Rubbeldiekatz"
Filmreporter: Haben Sie eine Traumrolle?

Moschitto: Es gibt ein paar Sachen, über die ich nachdenke. Ich würde gerne einen Comedian spielen - einfach, weil ich ausprobieren möchte, ob ich das kann. Und dann tatsächlich in amerikanischer Tradition. Die Amerikaner haben eine lange, lebendige Comedy-Tradition. Das sollte aber keine Komödie, sondern ein ernster Film sein.

Filmreporter: Sie haben vorhin die Arbeitssituation der Schauspieler in Amerika angesprochen. Hier scheint es ähnlich zu sein. Wenige verdienen sehr gut, manche kommen gut durch und viele haben es schwer. Wie ist ihre Situation?

Moschitto: Generell muss man, wenn man nicht zu diesem kleinen Kern gehört, immer kämpfen. Ich hatte das Glück, dass ich sehr unterschiedliche Sachen spielen konnte. Finanziell ist das alles in Ordnung. Aber ich spüre schon eine starke Veränderung. Es wurde in diesem Jahr mehr gedreht, als in dem Jahr davor. Aber es wird sehr viel schlechter bezahlt und es wurden Tage zusammengestrichen. Als Außenstehender denkt man, die Schauspieler werden alle Millionäre. Aber die Situation ist für Schauspieler im Moment sehr schlecht.

Filmreporter: Was heißt das konkret?

Moschitto: Der Verband der Schauspieler in Deutschland, der BFFS, beklagt beispielsweise, dass Tiere teilweise eine höhere Gange bekommen, als Kleindarsteller. Das geht nicht. Vor kurzem habe ich einen Bremer Tatort gedreht und das war so ein hartes Pensum. Wir haben zum Teil 14 Stunden pro Tag gedreht, weil das Geld fehlt. Aber es werden trotzdem Projekte durchgedrückt. Die Schauspieler oder Leute aus dem Team machen die Arbeit trotzdem, weil sich immer jemand findet, der es auch für weniger Geld machen würde.
© Universal Pictures (UPI)
Detlev Buck in "Rubbeldiekatz"
Filmreporter: Detlev Buck sagte vor einiger Zeit, dass Deutschland keine richtige Kinoindustrie habe. Daher seien viele Schauspieler gezwungen, auch fürs Fernsehen zu arbeiten, damit sie ein einigermaßen regelmäßiges Gehalt bekommen.

Moschitto: Für einen Kinofilm ist in der Regel etwas mehr Zeit und auch mehr Geld da. Man dreht weniger Filmminuten pro Tag, höchstens drei bis vier Minuten. Bei Fernsehfilmen ist das je nach Format wesentlich mehr. Bei einer Soap werden 20 Minuten am Tag gedreht. Da leidet oft die Qualität. Es ist ein anderes Arbeiten. Natürlich muss ich auch ab und zu Projekte fürs Fernsehen machen, um von der Schauspielerei leben zu können, aber zum Glück kann ich mir die Sachen aussuchen, die mich interessieren.

Filmreporter: Ist Ihr Rollenangebot als Schauspieler mit Migrationshintergrund beschränkt? Hätten Sie gerne mehr Auswahl?

Moschitto: Ich weiß nicht, ob ich vielfältigere Sachen hätte spielen können, wenn ich keinen Migrationshintergrund hätte. Weiter auseinader als die Rolle von Jan in "Rubbeldiekatz" oder die des "Chiko" geht ja gar nicht. Allerdings spüre ich manchmal den Widerwillen von Regisseuren oder Redakteuren, mich für eine Rolle zu besetzen, die nicht eindeutig einen Migrationshintergrund hat. Da kommt dann oft die Frage, warum man die unbedingt mit einem Türken besetzen soll. Dabei bin ich noch nicht mal Türke. Meine Mutter ist Türkin und ich bin hier groß geworden. Für mich stellt sich die Frage gar nicht. Ich möchte da nicht gleich mit Rassismus kommen, aber ich bemerke einen gewissen Widerstand. Im Gegensatz zu vielen Kollegen mit Migrationshintergrund bin ich aber in einer privilegierten Situation.

Filmreporter: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Moschitto: Ich versuche nur die Rollen anzunehmen, auf die ich Lust habe. Ich suche eher nach dem Spaßprinzip aus. Bisher bin ich sehr gut damit gefahren. Auf der anderen Seite hat man als Schauspieler nicht die Wahl. Ich kann mir nicht aussuchen, in welche Richtung sich meine Karriere entwickelt, sondern ich muss darauf warten, welche Rollen mir angeboten werden. Da hat man mal mehr und mal weniger Glück.

Filmreporter: Vielen Dank für das Gespräch!
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  13. Dezember 2011

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