SR/Manuela Meyer
Devid Striesow in "Tatort - Adams Alptraum"
Trainingshose aus der Requisite
Interview: Devid Striesow arbeitet am Glück
Gut gelaunt erscheint Devid Striesow zum Interview anlässlich "Adams Alptraum", dem Saarland-"Tatort". Darin verkörpert er Hauptkommissar Jens Stellbrink, der im Fall einer via Internet organisierten Lynchjustiz ermittelt. Der Charakter ist ein Novum in der "Tatort"-Geschichte, ein Vespa fahrender Kommissar mittleren Alters, der mit gestreifter Trainingshose und Sweatshirt auf Verbrecherjagd geht. Striesow sympathisiert mit seiner Rolle. Die Hose habe ihm so gut gefallen, dass er sie kurzentschlossen der Requisite abkaufte. Beim Interview gibt sich der 40-Jährige aufgeräumter. Gekleidet ist er mit einem eleganten Dreiteiler aus Anzughose, weißem Hemd und grauer Weste.
erschienen am 28. Januar 2014
SR/Manuela Meyer
Devid Striesow in "Tatort - Adams Alptraum"
Ich kannte das Saarland nicht
Ricore Text: Herr Striesow, mit "Adams Alptraum" strahlt der Saarländische Rundfunk am 26. Januar 2013 die dritte "Tatort"-Folge um Hauptkommissar Jens Stellbrink aus. Steht das Konzept der Reihe oder befindet sie sich noch in der Optimierungsphase?

Devid Striesow: Die Entwicklung Stellbrinks war schon vor der ersten Folge abgesteckt. Unser Ziel war es, ihn mit möglichst viel Beiwerk auszustatten, um ihn langfristig durchzusetzen. Mich langweilt es, wenn man immer nur das Gleiche erzählt. Wenn man viel in eine Serie hineinsteckt, kann man nach einigen Episoden neue Facetten zeigen. Damit bleibt sie spannend und man kann flexibler damit umgehen. Abgesehen davon soll natürlich der Fall immer im Mittelpunkt stehen.

Ricore: Bringen Sie auch eigene Ideen ein?

Striesow: Was die Figur angeht, so gehen Motive wie die Vespa, Stellbrinks Klamotten und sein Interesse für Joga auf meine Ideen zurück. Wenn das Drehbuch funktioniert, brauche ich keine Veränderungsvorschläge zu machen. Wenn ich aber merke, dass gewisse Sachen nicht so umzusetzen sind, wie es sich der Autor vorgestellt hat, dann mache ich natürlich Anmerkungen. Da sind die Leute offen und lassen alles Mögliche zu.

Ricore: Das Opfer der aktuellen Episode "Adams Alptraum" könnte ihrer Vorstellung entstammen. Wenn sich Stellbrink für Sven Haasberger einsetzt und mit seinem Bauchgefühl begründet, hat man das Gefühl, Ihren Standpunkt herauszulesen. War ihnen die Figur sympathisch?

Striesow: Wenn man ein Drehbuch liest, hat man bei den Figuren immer Assoziationen bezüglich ihres Charakters. Bei "Adams Alptraum" war das schwierig. Haasberger musste einerseits sympathisch sein und gut mit Kindern können. Andererseits muss der Zuschauer das Gefühl haben, dass da noch eine andere Seite schlummern könnte. Die Figur durfte auf keinen Fall zu starr sein. Ich finde die Besetzung Markus Hoffmann sehr gelungen. Er hat Haasberger wirklich gut getroffen. Als ich die Folge zum ersten Mal sah, hat mich sein Schicksal sehr berührt.

Ricore: Entspricht der extravagante Modegeschmack Stellbrinks Ihrem Geschmack, oder kleiden Sie sich lieber mit einem Anzug?

Striesow: (lacht) Ich habe zu Hause mit drei Kindern und einem Hund ja ein ziemliches Bambule. Da kann man einfach keinen Anzug tragen, er wäre in zwei Minuten hinüber. Wenn ich mal einen Ausflug wie jetzt nach München mache, dann freue ich mich, Sachen anzuziehen zu können, die mir auch privat gefallen. Ansonsten trage ich ähnliche Klamotten wie Stellbrink.

Ricore: Inklusive Jogginghose und Sweatshirt?

Striesow: Sie werden lachen, wir haben bereits drei Folgen gedreht und eine Hose ist durch sämtliche Teile gegangen. Bei der letzten Kostümprobe habe ich sie der Requisite abgekauft. Die trage ich jetzt auch privat, weil sie superbequem ist. Außerdem bin ich einmal pro Tag im Sportstudio. Damit ich mich nicht ständig umziehen muss, ist die lässige Superdry-Hose optimal.

Ricore: "Adams Alptraum" handelt von Internetkriminalität, die vierte Folge spielt an Weihnachten und ist im Rotlichtmilieu angesiedelt. Ist der Zeitgeist-Charakter das typische Merkmal aller "Tatort"-Serien und auch Ihrer Reihe?

Striesow: Ich finde es interessant, über bestimmte Milieus zu erzählen und sie in einer bestimmten Form zu karikieren und damit zu exponieren. Abgesehen davon finden in den jeweiligen Milieus die Verbrechen statt.

Ricore: Ihr "Tatort" spielt in Saarbrücken. Wie ist Ihre Beziehung zu Stadt und Land?

Striesow: Ich kannte das Saarland vorher überhaupt nicht und hab es durch den "Tatort" erst kennengelernt. Es ist sehr urwüchsig, die Menschen sind sehr offen. Die Landschaft ist wunderschön, viel Grün im Sommer, Berge. Saarbrücken als Landeshauptstadt ist überschaubar und einfach toll.
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Inga Lessmann und Devid Striesow in "Tatort - Adams Alptraum"
Devid Striesow: wenig autonome Kinoproduktionen
Ricore: Die Stadt kommt in "Adams Alptraum" gut rüber.

Striesow: (euphorisch). Ja! Die Saarländer sagen uns immer, dass sie mehr Saarland sehen wollen. Wir drehen doch bei euch und schieben keine Kulissen durch die Gegend. Es ist euer Saarland (lacht).

Ricore: Sie sind in den letzten Jahren im Kino und Fernsehen gleichermaßen präsent. Sehen Sie qualitative Unterschiede?

Striesow: Die Grenze wird immer durchlässiger. Die Fernsehsender sind bei vielen Produktionen als Finanzpartner involviert sind, sodass die Kinofilme von Anfang an auch als Fernsehfilme gedacht sind. Dass das Produkt irgendwann auch im Fernsehen läuft, wird auch bei der filmischen Umsetzung berücksichtigt. Es gibt heute wenige autonome deutsche Kinoproduktionen.

Ricore: Die Entwicklung des Fernsehens sehen Sie nicht gerade mit der rosaroten Brille, wie Sie in früheren Interviews durchblicken lassen.

Striesow: Es verändert sich, in welcher Weise, kann ich aber nicht sagen. Das Internet wird das Fernsehen noch tiefgreifender verändern. Ein entscheidender Faktor des medialen Angebots im Internet ist die Tatsache, dass es im Netz keinen Zeitplan gibt. Man muss heute nicht um 20:15 Uhr mit dem Tageswerk fertig sein, um es rechtzeitig zum Film zu schaffen.

Ricore: Sind Sie jemand, der immer sein Handy parat hat und es ständig 'checken' muss?

Striesow: Nein, überhaupt nicht. Ganz ehrlich, ich hasse telefonieren. Andererseits habe ich ein I-Pad, auf dem ich meine Bücher gespeichert habe. Sobald ich eine freie Minute habe, nutze ich die Zeit, um mit meinen Recherchen weiterzukommen.

Ricore: Was lesen Sie aktuell?

Striesow: Drehbücher, die mir angeboten werden, bei denen ich zeitnah zusagen muss. Außerdem lese ich gerade "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski. Das habe ich allerdings nicht auf I-Pad, sondern schleppe es im Koffer mit. Ein Riesenschinken. Ich bin gerade auf Seite 200 von 1.200. Puh.

Ricore: Wie kamen Sie auf die Lektüre dieses Buches?

Striesow: Das war ein Geschenk eines Freundes, weil wir es demnächst auf der Bühne umsetzen werden. Die Lektüre ist die Vorbereitung auf das Projekt. Ein wahnsinnig schönes Buch. Es handelt sich um die Übersetzung von Swetlana Geier. Ganz toll. Dabei fällt mir ein, dass es einen wunderbaren Dokumentarfilm über sie gibt: "Die Frau mit den fünf Elefanten". Denn muss ich mir unbedingt anschauen.

Ricore: Können Sie eine Verbindung zur russischen Kultur aufbauen, auch weil Sie in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind?

Striesow: Die russische Kultur war damals sehr präsent. Da die Soldaten bei uns stationiert waren, gab es überall russischen Kasernen. Über Patenbrigaden und andere Anlässe wie den Jahrestag der Sowjetunion kam es zu einem regen kulturellen Austausch.
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Devid Striesow in "Tatort - Adams Alptraum"
Geraucht und gesoffen
Ricore: Schauten Sie sich auch DDR-Krimis an?

Striesow: Ich habe im Nachhinein alte Krimis aus der Zeit gesehen, zum Beispiel "Polizeiruf 110". Haben Sie mal darauf geachtet, wie viel damals geraucht und gesoffen wurde?

Ricore: Tatsächlich sieht man heute kaum noch rauchende Menschen vor der Kamera.

Striesow: Das wird nicht gern gesehen. Ich schaue mir zur Zeit mit meiner Frau "Mad Men" an. Es geht es um eine Werbefirma in den USA in den 1950er Jahren. Die Macher der Serie bringen das Fass zum Überlaufen. Die Figuren sind darin nur am Rauchen und Whiskey trinken.

Ricore: Bei uns kann sich das nur Helmut Schmidt leisten.

Striesow: Ja, er ist der einzige, der das darf. Heutzutage wird man ja schon im Theater angezählt. Es gab schon Vorstellungen von Kollegen, wo sich einige Zuschauer hinterher darüber beschwerten, dass eine Figur auf der Bühne geraucht hat.

Ricore: Gerät damit die Autonomie eines künstlerischen Werks nicht in Gefahr?

Striesow: Als Künstler sollte man machen können, was man will. Andererseits hat die Tabuisierung eine große Wirkung. Ich persönlich habe vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört und bin sehr froh darüber. Die Ächtung seitens der Gesellschaft hat mir dabei sehr geholfen.

Ricore: Schauen Sie sich mit Ihren Kindern viele Filme an?

Striesow: Vor kurzem lief im Kino der Kinderfilm "Sputnik". Bei der Premiere in Berlin war ich mit der Familie aufgekreuzt. Für meine achtjährige Tochter war es toll, der Film war genau das Richtige für sie.

Ricore: Können Sie sich vorstellen, in einem Animationsfilm eine Sprechrolle zu übernehmen?

Striesow: Ja klar. Ich kann mir alles vorstellen, was mit dem Metier zu tun hat. Neulich machten wir in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Kreuzberg eine Aufführung von Arthur Honeggers "König David". Neben Chor und Orchester gibt es auch eine große Sprecherrolle. Dazu wird demnächst auch eine CD erscheinen. Bis jetzt gibt es nur eine Aufnahme von diesem Stück mit Will Quadflieg. Darüber hinaus sehe ich mir mit meinen Kindern gerne Animationsfilme an. Bei schlechtem Wetter auf der Couch einen Film anschauen - Besser geht's nicht.

Ricore: Klingt nach einem glücklichen Leben.

Striesow: Ich arbeite daran (lacht).

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch
erschienen am 28. Januar 2014
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