Regisseur Dani Levy
Joachim Gern, X-Verleih
Regisseur Dani Levy
Dani Levy über das Verwerfliche
Interview: Gute Komödie tun weh
Nach dem Erfolg seiner Komödie "Alles auf Zucker!" wagt Dani Levy, was in Deutschland bislang undenkbar war: Eine Komödie über Adolf Hitler. In Berlin sprachen wir mit dem 49-Jährigen über sein gewagtes Projekt.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  21. Januar 2007
Dani Levy in den Kulissen von "Mein Führer"
Joachim Gern, X-Verleih
Dani Levy in den Kulissen von "Mein Führer"
Ricore: Herr Levy, als Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" in den Kinos anlief, waren Sie aufgebracht, nannten den Film "eine reine Katastrophe". Ist "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" Ihre filmische Antwort?

Dani Levy: Schon als ich hörte, dass Oliver Hirschbiegel die letzten Tage von Hitler im Führerbunker verfilmen wird, hatte ich Lust, einen Gegenfilm zu machen. Ich finde es schade, dass es im Gegensatz zu den 1960er und 70-er Jahren gar nicht mehr üblich ist, dass Filmemacher aufeinander eingehen und sich gegenseitig mit ihrer Arbeit provozieren. Ich finde es eigentlich toll, in Verbindung zu stehen und Gegenentwürfe zu präsentieren.

Ricore: Wie wurde der Film dann Wirklichkeit?

Levy: Weil sich eine bestimmte Stimmung über Jahre in mir aufgestaut hatte, die einfach aus mir herausmusste. Es gab einen Boom von Filmen über den Nationalsozialismus, die sich alle dem Dogma der authentischen Widergabe verschrieben hatten. Deren Hauptrezept es war, Echtes abzubilden. Als Zuschauer hat mich das immer in die Ecke getrieben, ich habe mich gefühlt wie im Geschichtsunterricht. Moralisch einbringen konnte ich mich allerdings nicht. Über die Jahre habe ich das Gefühl bekommen, dass ich mir aber gerade eine moralische Diskussion wünsche. Schon währen "Meschugge" habe ich mir gedacht, dass ich gerne mal eine Komödie über den Nationalsozialismus drehen würde, die das Gefüge aufmischt und zu Diskussionen führt. Mir fehlte der Ansatz, bis ich das Buch "Mein Schüler Adolf Hitler" gelesen habe. Bis dahin war mir nicht bewusst, dass so jemand wie Hitler überhaupt einen Schauspiellehrer hatte. Diese Grundidee habe ich jüdisch weitergedacht. Habe über seine tiefere Psychologie nachgedacht und Fakten zusammengetragen, wie etwa, dass er nach dem Attentat auf ihn manisch depressiv war und es seinen Kollegen nicht leicht fiel, weiter mit ihm Regierungsgeschäfte zu führen. Zusammen mit einem Aufsatz, der von seiner schlimmen Kindheit erzählte, hatte ich genug Stoff für eine literarische Bombe, die ich dann einfach gezündet habe. Entsprechend schnell wurde das Projekt verwirklicht: Im Juli 2005 habe ich die erste Drehbuchfassung geschrieben, im Januar 2006 haben wir bereits gedreht.

Ricore: Eigentlich wollten Sie einen kleinen Film mit wenig Budget darüber drehen. Nun haben Sie allerdings viele Starschauspieler versammelt und alles wesentlich pompöser inszeniert. Warum?

Levy: "Mein Führer" sollte eigentlich in der Tat ein kleiner Störsender werden. Aber wie so oft hat sich das Projekt etwas verselbstständigt und wurde nun größer als eigentlich geplant. Ich habe mit der Größe eine Zeit lang auch wirklich gerungen. Aber was sollte ich machen? Ich konnte die Leute ja nicht zwingen, schlampiger zu sein, die Ausstattung weniger gut zu entwerfen oder die Räume etwas billiger aussehen zu lassen. Schlussendlich bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ich persönlich sehe darin noch immer die individuelle Idee, die ich von Anfang an hatte. Und der Film wirkt auch wesentlich größer und teurer, als er eigentlich ist.

Ricore: Sie danken im Abspann Roberto Benigni. Wieso?

Levy: Weil er mit seinem Film "Das Leben ist schön" eines der mutigsten Werke überhaupt abgeliefert hat. In den Neunziger Jahren einen Film über ein KZ zu drehen, der keine Betroffenheitsgeschichte ist, sondern ein poetisches Märchen, finde ich vom Konzept her gigantisch. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, habe ich ablehnend reagiert. Ich dachte, dass man das KZ nicht einfach als Plattform missbrauchen darf. Es dauerte einen Tag, bis ich realisierte, was der Film wirklich zwischen den Zeilen erzählt hat. Wie auflösend und befreiend diese Geschichte ist. Für mich war der Film ein großer Türöffner, weil er sich aus dieser Fessel befreit hat, immer betroffen sein zu müssen. Er hat die Sichtweise einfach verschoben, obwohl es wehgetan hat. Das Kino ist eigentlich eine moralische Anstalt, und wie auch er vertrete ich die Meinung, dass man das durchaus als Plattform nehmen darf, um zu verunsichern. Ich brauche im Kino kein Fast Food, sondern erwarte mir Inspiration und emotionale Unsicherheit.
Dani Levy mit Helge Schneider am Set von "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler"
X-Verleih
Dani Levy mit Helge Schneider am Set von "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler"
Ricore: Das tun Sie nun, indem Sie frei von allen Fakten Ihre eigene Sicht auf Adolf Hitler im Gewand einer Komödie präsentieren...

Levy: Ich fand eine Komödie einfach befreiend, auch für mich als Macher. Ich musste mich auch aus einer eigenen Erstarrung lösen, weil ich der Meinung war, dass meine Sicht auf das Dritte Reich und die Rolle Deutschlands im Krieg sehr festgefahren war. Ich sehe in der Komödie einfach mehr Chancen, weil ich Situationen besser zuspitzen kann und den Fokus richtig zu setzen.

Ricore: Sie haben Hitler mit kindlichen Zügen ausgestattet. Wieso?

Levy: Weil es stimmt. Er war Bettnässer, hatte schlimme psychotische Schübe, wurde nachts von Heulkrämpfen und Albträumen geplagt. Er war krank, hat aber immer den guten Onkel gemimt. Seine Abgründe sind nicht populär.

Ricore: Dem "Untergang" haben Sie angekreidet, dass man nach dem Film Mitleid mit Hitler hat. Genau das ist aber auch das Gefühl, das den Zuschauer nach Ihrem Film beschleicht. Wie passt das zusammen?

Levy: Der Vorteil einer Komödie ist, dass ich den Protagonisten eine Sprache in den Mund legen konnte, die sie so offen vermutlich nie benutzt hätten. Bei mir fallen so Worte wie "Vergasung" oder "Endlösung". Ich versuche inmitten dieser Überspitzung mittels einer psychologischen Analyse, dass der Zuschauer der Figur Adolf Hitler nahe kommt. Dafür muss man aber Empathie entwickeln, was ohnehin ein wesentliches Mittel der Komödie ist. Denn immer wenn man über Figuren lacht, findet man auch etwas Liebenswertes an ihnen. Im Gegensatz zu "Mein Führer" war "Der Untergang" eine Tragödie. Und das ist Mitgefühl wesentlich prekärer. Auch mein Film ist ein heißer Lauf, das weiß ich, aber riskieren wollte ich es trotzdem. Ich wollte, dass jeder die Möglichkeit hat, sein eigenes Bild über Adolf Hitler zu überprüfen.

Ricore: Denken Sie, die Person ist im Bewusstsein der Bevölkerung nicht schon zur Genüge präsent?

Levy: Ich bin die letzten zwei Wochen durch Berlin gezogen, und habe mit der Kamera rund 200 Leute befragt, was sie über Adolf Hitler wissen. Ich war perplex, wie wenig die Allgemeinheit über die Figur weiß. Sie wissen vielleicht, was er angerichtet hat, aber was für Mythen und Legenden im Zusammenhang mit seiner Person kursieren, ist schon enorm: Einige hielten ihn für einen Juden, manche behaupteten, er wäre schwul gewesen. Einige Ältere sprachen sehr politisch oder vermieden ganz, über ihn zu sprechen. Auffallend war auch, dass Menschen, die damals bereits am Leben waren, statt über ihn fast ausschließlich immer von sich selbst geredet haben. Es gab wenige, die nicht sofort beteuert haben, kein Hitlerjunge gewesen zu sein.

Ricore: Was schließen Sie daraus?

Levy: Dass sich die wenigsten mit dem psychologischen Phänomen Adolf Hitler beschäftigt haben. Mir will nicht in den Kopf, warum sich so wenig Deutsche fragen, wie es möglich war, dass so viele diesem Mann gefolgt sind. Gerade weil soviel Unwissenheit besteht, finde ich es auch gut, wenn mein Film zu einer Kontroverse führt. Die Leute sollen sich ruhig aufregen. Wenn man einen Film über diese Zeit dreht, muss man die Zuschauer in ein Spannungsfeld locken. Man soll Hitler als Mensch erfahren, um sich voll mit ihm auseinander setzen zu können.

Ricore: Viele Kritiker sagen, Sie hätten es als jüdischer Regisseur mit der Thematik leichter, weil Ihnen mehr erlaubt sei als anderen. Denken Sie ähnlich?

Levy: Ich entnehme meinen jüdischen Wurzeln keine Legitimierung, so einen Film zu drehen. Ich erzähle etwas aus meiner Perspektive und mit meiner Form des Humors. Ich sehe darin natürlich viel jüdisches, das will ich gar nicht leugnen. Ich bin ein Kind einer jüdischen Familie und somit auch Repräsentant der jüdischen Kultur. Natürlich ist der Film auch Obsession und Liebhaberei eines jüdischen Regisseurs. Ich will mit diesem Film aufwühlen und aufreiben, um von einer gewissen Lähmung zu befreien. Eine gute Komödie muss wehtun. Aber ob ich jüdisch bin oder nicht, hat rein gar nichts damit zu tun, wie weit ich mich dabei aus dem Fenster lehne.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  21. Januar 2007
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