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Ulrich Thomsen bei der Pressekonferenz zu "The International" in Berlin 2009
"Ich fange an, mich zu langweilen!"
Interview: Ulrich Thomsen tut nicht Buße
Dass Ulrich Thomsen eine spezielle Beziehung zum dänischen Regie-Genie Lars von Trier hat, dürfte manchem Filmfan bekannt sein. Von Trier fühlte sich gedemütigt, als ihm Thomsen vor einigen Jahren eine Abfuhr für einen Film gab. Eine Zusammenarbeit der dänischen Superstars komme daher nicht mehr in Frage, außer der Schauspieler würde vor dem Regisseur auf die Knie fallen. Das wird aber nie passieren, so Thomsen im Interview mit Filmreporter.de zu "Das letzte Schweigen". Wir befragten den vielseitigen Charakterdarsteller aber auch nach seinen Zukunftsplänen, denn seine Zeit als Schauspieler sei bald abgelaufen.
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Das letzte Schweigen
Ricore: Sie sind nicht zum ersten Mal hier in München, richtig?

Ulrich Thomsen: Das ist richtig. Das Filmfest München ist kein Neuland für mich. Ich habe schon mehrere Filme auf dem Festival vorgestellt. Auch arbeite ich oft mit einer Produzentin zusammen, die in München lebt. So besuche ich sie ab und zu. Früher habe ich sogar mal eine Interrail-Reise gemacht, die mich durch München geführt hat, aber das ist schon lange her (lacht).

Ricore: Wie alt waren Sie da?

Thomsen: Ich glaube, da war ich 19 Jahre oder so. Das war noch während meiner Studienzeit.

Ricore: Nun aber zum Film "Das letzte Schweigen". Waren Sie nicht geschockt, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Thomsen: (lacht) Nein. Mir hat es sehr gut gefallen. Gleich beim ersten Lesen. Später habe ich mich dann mit Baran bo Odar in Hamburg getroffen, während des Filmfestivals. Er machte auf mich einen guten Eindruck, sodass ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte.

Ricore: Sie spielen einen pädophilen Hausmeister, der mindestens einen Mord und eine Vergewaltigung auf dem Buckel hat. War die Rolle eine Herausforderung für Sie?

Thomsen: Es war eine berufliche Herausforderung, in diese Art von Charakter zu schlüpfen. Ich musste ihm ja schließlich menschliche Züge verleihen, das Publikum sollte mitfühlen. Aber ich mochte das Drehbuch und den Regisseur auf Anhieb.
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Ulrich Thomsen in "Das letzte Schweigen"
Ricore: Denken Sie während der Dreharbeiten auch an das Publikum, wie es reagieren könnte? Speziell in diesem Fall?

Thomsen: Nein, nie. Ich arbeite nur für mich. Das wäre ungesund für die Atmosphäre am Set und auch für den Film.

Ricore: Wie viel von Ihnen steckt in Ihren Figuren?

Thomsen: Manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger (lacht). Aber man gibt immer ein Stück seiner eigenen Persönlichkeiten den Figuren mit. Das ist nur natürlich und sollte auch so sein. Wir Schauspieler sind auch nur Menschen und können nicht aus unserer Haut heraus.

Ricore: Was ist Ihrer Meinung nach die Botschaft dieses Films?

Thomsen: Nun ja, "Das letzte Schweigen" dreht sich um die Einsamkeit. Der Film zeigt, wie gefährlich Einsamkeit sein kann, wenn man sich ihr nicht entgegenstellt. Klar geht es auch um ein Verbrechen, aber letztendlich wird der menschliche Faktor herausgearbeitet. Dem Regisseur geht es um die Charaktere, um die Figuren, um ihr Innenleben. Erst in einem zweiten Schritt dreht sich der Film um das Verbrechen. In "Das letzte Schweigen" ist nicht Unterhaltung, das muss klar gesagt werden. Aber gerade das hat mich so fasziniert.

Ricore: Sie haben im Laufe Ihrer Karriere schon sehr viele unterschiedliche Charaktere verkörpert. Werden Sie von bestimmten Rollen oder Figuren nach wie vor herausgefordert?

Thomsen: Ehrlich gesagt, stellen nur die wenigsten Rollen eine echte Herausforderung dar. Der Großteil ist auf Unterhaltung ausgelegt. Letzten Endes geht es ja auch darum, dass man damit Geld verdient. Natürlich kann es auch Spaß machen, Unterhaltungsfilme zu drehen, aber herausfordernd ist das nicht. Auf lange Sicht ziehe ich Filme vor, die einen tieferen Sinn haben und damit ein Gesprächsthema beinhalten.
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Ulrich Thomsen bei der Pressekonferenz zu "The International" in Berlin 2009
Ricore: Ich habe schon den Eindruck, dass viele Ihrer Filme ein wichtiges Thema behandeln.

Thomsen: (lacht) Kennen Sie "Hitman - jeder stirbt alleine"? Das ist ein reiner Unterhaltungsfilm. Natürlich tendiere ich dazu, meine Projekte nach deren Inhalt auszuwählen, aber ab und zu sind halt auch solche Sachen dabei. Aus welchen Gründen auch immer.

Ricore: Sie arbeiten viel mit Paprika Steen zusammen...

Thomsen: Nicht so viel. Ich meine, ich habe bislang in rund 60 Filmen mitgewirkt, aber nur zwei oder drei mit Paprika Steen gemeinsam gedreht. Es ist mir auch nicht sonderlich wichtig, am Set ständig von Freunden oder Bekannten umgeben zu sein. Ich meine, das ist meine Arbeit und die Leute sind meine Arbeitskollegen. Familie hat da nichts zu suchen.

Ricore: Ihre internationale Karriere begann mit Thomas Vinterbergs "Das Fest". Sehnen Sie sich manchmal nach der Dogma-Zeit zurück?

Thomsen: Wir waren damals alle noch sehr jung und unerfahren. Bis zu einem bestimmten Punkt sind wir das auch heute noch. Was die Arbeitsweise betraf, sehe ich keinen großen Unterschied zu heute. Man musste seinen Text genauso lernen und beherrschen wie jetzt. Natürlich war es schön, damals mit Thomas Vinterberg an "Das Fest" zu arbeiten, nicht zuletzt weil ich in meiner Muttersprache arbeiten konnte. Wenn ich heute in Dänemark arbeite, kenne ich fast jeden, der am Set ist. Die Filmlandschaft ist ja nicht so groß.

Ricore: Geraten Sie manchmal in Versuchung zu sagen, früher war alles besser?

Thomsen: Sie meinen, jene Zeit mit Fritz Lang und Rainer Werner Fassbinder?

Ricore: Ja, zum Beispiel.

Thomsen: Nein. Ich glaube vielmehr, dass die Dinge heute besser sind. Wir lernen schließlich aus unseren Fehlern, wir haben uns weiterentwickelt. Man lernt von Film zu Film dazu. Ich auch. Ich denke, ich bin heute ein besserer Schauspieler als früher. Ich behaupte nicht, dass die Filme besser geworden sind. Ich will damit nur sagen, dass ich mich heute besser fühle, sowohl als Privatperson als auch als Schauspieler.
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Ulrich Thomsen in "Das letzte Schweigen"
Ricore: Wäre es dann nicht endlich an der Zeit, sich mit Lars von Trier zusammen zu tun?

Thomsen: Vor einigen Jahren hat er mich mal gefragt, ob ich nicht einen Film mit ihm machen würde. Ich habe nein gesagt, da er mich nicht bezahlen wollte. Immer wenn ich ihn jetzt treffe, redet er darüber. Ich glaube, ich habe ihn damit ziemlich beleidigt. Sie müssen wissen, er ist ein sehr stolzer Mann. Daher denke ich nicht, dass er mich jemals wieder fragen wird (lacht). Tatsächlich aber würde ich gerne mal mit ihm arbeiten. Er ist ein Genie. Vielleicht würde es klappen, wenn ich vor ihm auf die Knie falle und mich entschuldige. Soweit wird es aber nicht kommen (lacht).

Ricore: Was kommt als nächstes?

Thomsen: Ich drehe bald meinen eigenen Film, der auf auch meinem eigenen Drehbuch basiert. Ich arbeite bereits eng mit den Produzenten von "Das letzte Schweigen" zusammen, die das Projekt finanzieren. Noch ist alles ganz frisch, aber ich hoffe, dass wir im kommenden Jahr mit den Dreharbeiten beginnen können. Wir drehen übrigens in Berlin, aber in englischer Sprache. Wobei der Drehort eigentlich keine Rolle spielt, da das Setting für den Film unwichtig ist.

Ricore: Worum geht es darin?

Thomsen: Es ist eine Art moderne Liebesgeschichte. Darin verarbeitete ich quasi meine Vorstellung davon, wie Menschen ihre Probleme lösen, nämlich indem sie sich gegenseitig umbringen. Denn genau das tun wir. Wir greifen zu den Waffen, wenn wir Probleme lösen wollen. Nichts anderes geschieht in Afghanistan oder dem Irak. Länder marschieren in andere Länder unter dem Deckmantel der Demokratie ein, doch das ist ein Witz und noch dazu vollkommen widersprüchlich. Demokratie im Krieg zu finden, macht keinen Sinn. Insofern erzählt mein Film eine Moralgeschichte über eine Liebesbeziehung.

Ricore: Können Sie uns schon Näheres aus dem Inhalt verraten?

Thomsen: Nun ja, ein junger Mann verliebt sich in eine junge Frau. Doch schon in diesem frühen Stadium gestaltet sich ihre gemeinsame Geschichte als kompliziert, da beide eine dunkle Vergangenheit besitzen. Wir erfahren etwas über ihr Trauma und seine vergeblichen Versuche, sie zu retten, indem er jene Person tötet, die ihr Böses angetan hat. Das aber macht alles nur schlimmer. Das ist auch der Punkt, wo der Film moralische Fragen stellt. Im Prinzip aber ist es eine simple Liebesgeschichte (lacht).
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Ulrich Thomsen in "Das letzte Schweigen"
Ricore: Werden Sie selbst eine Rolle übernehmen?

Thomsen: Nein, definitiv nicht. Ich habe vor, irgendwann die Schauspielerei aufzugeben. Es würde mir gefallen, öfter als Regisseur zu arbeiten. Ich fange nämlich an, mich als Schauspieler zu langweilen. Ich will nicht den Rest meines Lebens vor der Kamera stehen.

Ricore: Sie malen auch. Könnten Sie sich vorstellen, das nach dem Ende Ihrer schauspielerischen Laufbahn intensiver zu betreiben?

Thomsen: Oh ja, definitiv. Das würde mir sehr gefallen.

Ricore: Gab es schon Ausstellungen Ihrer Bilder?

Thomsen: Nein, noch nicht. Aber tatsächlich spukt mir die Idee einer Ausstellung schon lange im Kopf herum. Es würde mich reizen, soviel kann ich sagen. Aber vorher muss ich noch besser werden. Ich merke aber, dass ich von Tag zu Tag besser werde. Es ist beinahe wie mit der Schauspielerei. Die Sache ist aber, man kann nicht gleichzeitig Schauspieler und Maler sein.

Ricore: Warum nicht?

Thomsen: Das funktioniert nicht. Die Menschen würden mich nicht ernst nehmen, nicht als Schauspieler, der ein bisschen zeichnet, und schon gar nicht als Maler, der schauspielert. Sie würden die Malerei als Hobby ansehen, sie aber niemals ernst nehmen.

Ricore: Dafür gibt es Pseudonyme...

Thomsen: Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Ich habe mir bereits zwei Möglichkeiten ausgedacht, die funktionieren könnten: Das eine ist die Verwendung eines Pseudonyms, das andere ist die Preise meiner Bilder derart in die Höhe zu treiben, dass sie eh nicht gekauft würden. Zusätzlich würde das meiner Kunst den Anstrich von Professionalität verleihen (lacht).

Ricore: Herzlichen Dank für das Gespräch.
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2021