Stadtkino Wien
Rimini (2022)

Rimini

Originaltitel
Rimini
Alternativ
Böse Spiele; Mordshunger - Wie ein Ei dem anderen; Wie Ei (Arbeitstitel), Wicked Games (Int. Titel)
Regie
Ulrich Seidl
Darsteller
Michael Thomas, Tessa Göttlicher, Hans-Michael Rehberg, Inge Maux, Claudia Martini, Georg Friedrich
Kinostart:
Deutschland, am 06.10.2022 bei Neue Visionen Filmverleih
Kinostart:
Österreich, am 08.04.2022 bei Stadtkino Filmverleih
Kinostart:
Schweiz, am 06.10.2022 bei Xenix Film
Genre
Drama
Land
Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien
Jahr
2022
Länge
114 min.
IMDB
IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
8,0 (Filmreporter)
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Entlarvendes Portrait österreichischer Spießbürger
Mit seiner Interpretation von Udo Jürgens' "Merci, Chérie" verabschiedet sich Richie Bravo (Michael Thomas) am Grab seiner Mutter. Neben ihm stehen sein hoch betagter, dementer Vater (Hans-Michael Rehberg), der in einem Pflegeheim lebt sowie Bruder Ewald (Georg Friedrich), der das Elternhaus erbt. Nach dem Leichenschmaus zieht es Bravo zurück nach Rimini, Sehnsuchtsort der Deutschen und Österreicher und Versprechen des Urlaubs für alle Familien in den 1960er Jahren. Im Winter ein die Stadt trister, in Nebel und später in schmutzigen Schnee getauchter, verlassener Ort.

Hier hat der einstige Gesangsstar mit einer Schwäche für Hochprozentiges und Spielhöllen eine plüschige Villa - ein Alptraum des Kitsches und seiner Playboy-Attitüde. Den Unterhalt verdient er nur noch mühsam mit Auftritten vor in Bussen angekarrten Fans mit grauen Haaren sowie gelegentlichem bezahltem Sex mit seinen gealterten Groupies. Unter sie mischt sich die junge Tessa (Tessa Göttlicher). Es ist seine Tochter, für die er nie Unterhalt zahlte. Sie fordert 30.000 Euro von ihm, angeblich auch im Namen ihre Mutter.
Bereits 2017 dreht Ulrich Seidl das entlarvende Portrait österreichischer Spießbürger mit rassistischen Ressentiments, latent rechten, oft faschistoiden Denken und Dünkel. Sie haben die Gesellschaft geprägt, haben bürgerlichen Reichtum angehäuft, nun neigt sich ihr Leben dem Ende zu. Zugleich rächen sich die Sünden ihrer Jugend mit dem Versprechen der freien Liebe, die auf Kosten ihrer Kinder ging. Jetzt bleiben sie einsam und verloren dar, darin unterscheiden sich Ritchie und seine Tochter nicht von den gestrandeten Flüchtlingen, an denen er jeden Tag hochnäsig vorbeieilt, während sie bei ihnen verzweifelt Halt sucht.

Porträtiert der Regisseur bislang schonungslos seine eigene Generation, nimmt er jetzt auch die Jüngeren in den Blick, die antriebslos das Erbe verprassen. Mit ihnen, und das ist die eigentliche Provokation, Flüchtlinge aus aller Welt, die sich im Film wie von Zauberhand vermehren. Erst begleitet ein junger Mann Tessa, bald haust ein halbes Dutzend in ihrem Wohnwagen. Und irgendwann erobern sie auch Richies Villa.

Auch sie haben keinen Antrieb und keine Chance, ihren Lebensunterhalt alleine zu verdienen. Diese Bilder könnten alle Vorurteile der rechten Hetzer bestätigen und als Ohrfeige für jene missbraucht werden, die in den Geflüchteten Menschen sehen, die die überalterten europäischen Gesellschaften retten. Doch Rimini bietet ihnen keine Chance, das erhoffte Glück zu finden. Diese Erkenntnis macht dieses im typischen Seidl-Stil entstandene, ambivalente Drama zu einem großen, pessimistischen Abgesang auf die alte Welt.
Katharina Dockhorn/Filmreporter.de
 
Ulrich Seidl setzt den alternden Schlagersänger im alternden Rimini in Szene.
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